Maßnahmen gegen "Gärten des Grauens" Ratsmehrheit in Dissen gegen Kies und Verbundpflaster in Vorgärten

Von der früheren "Visitenkarte des Hauses" ist der Vorgarten mancherorts zu einer sterilen und insektenfeindlichen Bodenfläche mutiert. In Dissen soll es dort nach Willen des Rates wieder mehr blühen. Foto: Horst TroizaVon der früheren "Visitenkarte des Hauses" ist der Vorgarten mancherorts zu einer sterilen und insektenfeindlichen Bodenfläche mutiert. In Dissen soll es dort nach Willen des Rates wieder mehr blühen. Foto: Horst Troiza
Horst Troiza

Dissen. Die Diskussion um die sogenannten „Gärten des Grauens“ hat nun auch Dissen erreicht. Vollständig versiegelten oder mit Kies zugekippten Vorgärten soll in Zukunft ein Riegel vorgeschoben werden, so die Mehrheit der Ratsmitglieder. Eine Vorgartenpolizei wird es aber nicht geben.

An diesem Punkt scheiden sich die Gemüter, nicht nur die von Hausbesitzern und Naturschützern, sondern auch die der Gartenästheten. Der klassische Vorgarten mit Blumenrabatten, Rasen und anderen Blühpflanzen wird schrittweise verdrängt. An seine Stelle treten mehr und mehr sterile Kies- und Schotterflächen, wenn nicht gar Verbundpflaster. Pflegeleicht und nach dem ersten Anlegen sozusagen kostenfrei, sagen die einen. Für Insekten gibt es hier nichts mehr zu holen, biologisch sind diese Vorgärten nahezu tot, sagen die anderen. Der Berliner Biologe und Ornithologe Dieter Wieland hat vor einiger Zeit die Internet-Initiative „Gärten des Grauens“ gestartet, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Er sammelt Beispiele dafür, wie Vorgärten aus seiner Sicht durch Sterilität verschandelt werden.

Neubaugebiete

Das Thema war bereits auf Anregung der UWG auf die Tagesordnung des Bauausschusses gesetzt worden und stand jetzt im Rat zur Diskussion. Jürgen Dallmeyer (UWG) sprach von „verändertem Verhalten in Neubaugebieten, wo keine Gartengestaltung mit Pflanzen, sondern wesentlich Versiegelung betrieben“, werde. Er schlug vor, bei Planungen künftiger Baugebiete "dahingehend auf Bauherren einzuwirken, ihre Vorgärten nicht zu kiesen oder zu versiegeln“. Das gelte im Prinzip schon heute, denn gültige Baupläne enthielten die Auflage "auf den Grundstücken gartenbauliche Maßnahmen vorzunehmen", führte er weiter aus. 

Heinz-Günter Stolle (SPD) war anderer Meinung als sein Vorredner. „Die Zielsetzung ist ja richtig, jedoch hat unsere Fraktion Bedenken. Viele Leute wollen nicht, alte Leute können nicht mehr Laub fegen oder Unkraut ziehen. Wir verärgern diese Gruppe doch nur. Die Förderung der Artenvielfalt ist sehr wichtig, wenn wir aber Maßnahmen gegen die versiegelten Vorgärten ergreifen, müssen wir uns auf solche beschränken, die wir auch nachhalten können. Wer soll das denn kontrollieren?“, fragte er. Michael Menzel (CDU), der schon im Bauausschuss angeregt hatte, in Baugebieten mit Schildern darüber zu informieren, wie jeder Bewohner mit blühenden Gärten die Artenvielfalt fördern könnte, unterstützte den Antrag der UWG.

Mehr Natur

Ebenso Wilhelm Meyer zu Erpen (Bündnis 90/Grüne) seiner Seite. „Der einzige Grund für einen solchen Garten ist doch die leichtere Pflege. Aus anderen Gründen würde niemand vor seinem Haus Kies auf eine Plane kippen. In einer solchen Steinwüste finden sich keine Bienen“, äußerte er sich. Es solle "niemand drangsaliert werden, aber wir wollen mehr Natur in der Stadt haben". Auch er war dafür, an die Bürger zu appellieren, mehr Gewächse und Blumen zu pflanzen, „aber eine Vorgartenpolizei wollen wir alle nicht“.

Bauamtsleiter Heinrich Kocks hatte im Bauausschuss auf die von Rat und Verwaltung in Zusammenarbeit mit dem BUND initiierte Kampagne für die Anlage von Blühwiesen hingewiesen. Versiegelte Vorgärten würden dieses konterkarieren. Seiner Einschätzung nach können mit entsprechenden Festsetzungen in künftigen Bebauungsplänen Maßnahmen gegen diese Form der Verödung ergriffen werden.

Bestandsschutz

Bei zwei Enthaltungen und drei Gegenstimmen votierte die Mehrheit im Rat für den Beschluss. Künftig soll an Bauherren appelliert werden, keine Versiegelung der Vorgärten vorzunehmen. Neue Bebauungspläne sollen die Festsetzung enthalten, "die Anlage von flächigen Stein-, Schotter- oder Kiesbeeten und/oder Folienabdeckungen im Vorgartenbereich ist nicht zulässig". Ausdrücklich wurde festgestellt, bisher in dieser Form angelegte Gärten erhielten Bestandsschutz. 

Dabei galt der Garten vor der Tür einmal als „Visitenkarte des Hauses". Das sagt es der Dissener Gärtnermeister Sören Marziano vom Betrieb Rodefeld Gärten im Gespräch. Beruflich kommt er immer wieder in Kontakt mit Kunden, die den pflegeleichten, sprich zugekiesten oder versiegelten Vorgarten wünschten. „Ich berate dann und weise auf Alternativen hin, zumindest Teilflächen naturnah zu erhalten und zu begrünen“.

Kinder und Natur

Andere Möglichkeiten böten Bodendeckerpflanzen oder Dachgartengewächse wie Sedum, die zwar auch nicht ohne Pflege auskämen, doch zumindest deutlich weniger Arbeit machten als die traditionelle Vorgartenbepflanzung aus Hecke, Strauch- und Blühpflanzen. Marziano hat zudem die Erfahrung gemacht, dass es nicht hauptsächlich alte Menschen sind, die den pflegeleichten Garten wünschen. „Es sind viele junge Familien, die sich die Arbeit nicht mehr machen wollen“. Dabei wäre es gerade in diesen Fällen von Wert, Kinder sozusagen vor der eigenen Haustür mit den Abläufen in der Natur vertraut machen zu können.



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