Aufstand der Elenden am Teuto Vor 170 Jahren auch Dissener Weber im Aufstand

Von Achim Köpp

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Die Rosinenstraße in Dissen. In einem der hinteren Häuser, die später abgerissen wurden, wohnte der Kaufmann Dütemeyer, der den privaten Webern das Leinen abkaufte. Foto: Achim KöppDie Rosinenstraße in Dissen. In einem der hinteren Häuser, die später abgerissen wurden, wohnte der Kaufmann Dütemeyer, der den privaten Webern das Leinen abkaufte. Foto: Achim Köpp

Dissen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein spielte die Leinenweberei auch im damaligen Dorf Dissen eine bedeutende, für viele Familien eine existenzielle Rolle: die häusliche Leinenweberei, noch nicht industrielle. Hunger und Tränen seien allgegenwärtig gewesen, wenn die Frauen und Männer am Webstuhl saßen, um ein wenig Geld für die Ernährung ihrer zu damaligen Zeit noch vielköpfigen Familie zu verdienen, berichten die Heimatforscher.

Das war nicht allein in Dissen so. In allen deutschen Landen schöpften Geschäftsleute durch Kauf und Verkauf den Mehrwert des von den privaten Webern hergestellten Leinens ab, während die besitzlosen Weber hungerten. Als obendrein geplant wurde, Webereien mit Maschinenbetrieb einzurichten, und damit die Weber ihre Arbeit verlieren würden, kam es zum „Weberaufstand“. Er begann in Schlesien und weitete sich aus. Irgendwann im Jahr 1848, also vor 170 Jahren, griffen die Unruhen auch auf Dissen über.

Im Archiv

Diese Jahreszahl war für Rosemarie Rieke, die Vorsitzende des Dissener Heimatvereins, der Anlass, im umfangreichen Archiv des Vereins zu kramen und nach Aufzeichnungen zu suchen, die zu dem Geschehen mit dem Weberaufstand und im Revolutionsjahr 1848 in Dissen mit seinen damals gut 4800 Einwohnern passen.

Und sie wurde fündig. Zunächst in dem Heimatbuch des Dissener Lehrers und Heimatforschers Karl Bachholz, der zu dem „Revolutionsjahr 1848 in Dissen“ einen Artikel geschrieben hatte. Zum anderen verfasste der Historiker Dr. Richard Sautmann im Auftrag der Stadt Dissen für das im Jahr 2022 zu feiernde 1200-jährige Bestehen des Ortes eine umfangreiche Zusammenfassung mit Hintergründen und Erläuterungen der Dissener Ereignisse unter der Überschrift „Vom Crawall zur Volksversammlung“ vom 23. März 1848.

„Im düsteren Auge keine Thräne“

Tagelöhner, Knechte, Heuerleute, Dienstboten, auch die zahllosen Kleinsthandwerker im Ort, wie Schneider und sonstige Gewerbe, lebten damals im Elend. Eine soziale Absicherung war noch völlig unbekannt, wer nicht verhungern wollte, musste von seinem eigenen, kleinen Stückchen Garten leben.

König Ernst-August von Hannover sei nur nur den Reichen zugetan gewesen, heißt es. Ihn habe das Elend der „kleinen Leute“ nicht erweichen können, wie es Heinrich Heine in seinem Lied „Die schlesischen Weber“ im Jahr 1844 formuliert hatte: „Im düsteren Auge keine Thräne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne, Altdeutschland wir weben dein Leichentuch, wir weben einen dreyfachen Fluch. Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, den unser Elend nicht konnte erreichen“.

„Volksbund statt Fürstentum“ war daher eine politische Forderung. Die „Märzrevolution 1848/1849“ fand in Dissen nach den Aufzeichnungen von Bachholz und Sautmann in der Nacht vom 23. zum 24. März 1848 statt. Demnach rotteten sich einige „radaulustige“ Personen zusammen und versuchten, in die Wohnung des Kaufmanns Dütemeyer einzudringen, der das von der Landbevölkerung hergestellte Leinen aufkaufte.

Mit Jagdgewehr

Nachdem sich das Gerücht von Dütemeyers Plan verbreit hatte, eine Weberei mit Maschinenkraft einzurichten, fürchteten viele Weber, damit ihren Verdienst zu verlieren. Sie nahmen eine drohende Haltung gegen Dütemeyer ein. Der jedoch soll mit dem Jagdgewehr hinter der Tür gestanden und gedroht haben, jeden zu erschießen, der es wagen würde, gewaltsam in sein Haus einzudringen. Anderen Bürgern und den beiden Pastoren wurden die Fensterscheiben eingworfen. Amtsvogt Brünjes versuchte in dieser Situation, die Leute zu beruhigen. Ob die weitere Nachricht stimmte, die Hilteraner wollten Dissen stürmen, ist nicht belegt.

„Anders als vom Vogteigehilfen Brünjess gehofft“, schreibt Sautmann dazu, „kam Dissen auch nach dem 23. März nicht zur Ruhe. Protest und Empörung auf den Straßen wandelte sich in der Folge in politische und soziale Forderungen, denen die Unterschichten in einigen Volksversammlungen in Dissen, Aschen, Nolle, aber auch in Hilter und Glane Nachdruck verliehen“. Die Forderungen der Protestierenden? Sautmann: „Aus heutiger Sicht mögen sie belanglos erscheinen, für die damaligen katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse vor allem der unteren sozialen Schichten aber waren sie von existenzieller Wichtigkeit. Denn alle Knechte, Mägde, Tagelöhner, Dienstboten sowie sämtliche von den Bauern abhängigen Heuerleute fristeten ein erbärmliches Leben, das zusehends mehr von Hunger, Kleidungs- und Wohnungsnot bedroht wurde. Im Wesentlichen ging es um die Verringerung der Dienstpflichten, die Verfügbarkeit von billigem Brennholz und Dünger sowie die Erhaltung der durch ausländische Konkurrenz bedrohten Leinenweberei, die für die besitzlose Bevölkerung eine ganz unverzichtbare Einnahmequelle darstellte“.

„Crawall der Besitzlosen“

Auch im kleinen Dissen zeitigte der Weberaufstand, hier beschrieben als der „Crawall der besitzlosen Klasse“, seine Wirkung. Er wurde Anlass für Volksversammlungen, zu denen laut Sautmann „sämtliche Haushaltsvorstände aller Schichten einberufen wurden, um die Volkswünsche entgegenzunehmen“. Interessant dann, dass sich die Dissener bei der Wahl ihrer Vertrauensmänner - also der ‚Volksvertreter‘ - im Wesentlichen aus der örtlichen Honoratiorenschicht bedienten. Vorsitzender wurde Amtsvogt Brünjes, Vorsteher Kortejohann und Künsemüller, der Färber Rodenbrock, die Kaufleute August Horst, Kollmeyer, Rudolf Dallmeyer, Wilhelm Diekmann, dazu August Beinkämper, der Glaser Schmidt, der Buchbinder Beucke und der Kandidat der Theologie Helfer.

So wurde, wie Sautmann weiter schreibt, durch die Klugheit von Amtsvogt Brünjes der Crawall in Dissen in Volksversammlungen umgewandelt und damit in geordnete Bahnen gelenkt, sodass sich die Verhältnisse im Ort wieder beruhigten. Für die „besitzlose Klasse“ und das Kleinhandwerk, die Schneider, Zimmerleute, Weber, Tuchmacher oder Strumpfwirker, „arme Leute am Rande des Existenzminimums und Opfer der künftigen Mechanisierung der Textilindustrie“, war ihr Aufbegehren der Kampf ums nackte Überleben. Erst Jahre später, als Hannover an Preußen ging, besserte sich allgemein ihre Situation. Mehr aus Dissen im Netz


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