Offene Moschee Tag mit einem Dissener Imam: Ein Leben im Takt der Gebete

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Sebahattin Altin ist Imam in der Cagri-Camii-Moschee des Vereins Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) in Dissen. Das Gebet am Freitagnachmittag ist besonders gut besucht. Foto: Michael GründelSebahattin Altin ist Imam in der Cagri-Camii-Moschee des Vereins Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) in Dissen. Das Gebet am Freitagnachmittag ist besonders gut besucht. Foto: Michael Gründel

Dissen. Sebahattin Altin ist seit gut einem Jahr Imam in der Cagri-Camii-Moschee in Dissen. Wie sich der Geistliche aus Istanbul eingelebt hat und wie er Beruf und Privates unter einen Hut bringt, berichtet er im Gespräch mit unserer Redaktion. Einen Tag gaben er und einige Vorstandsmitglieder Einblicke ins Innenleben der muslimischen Gemeinde.

Ein Imam, der in der Küche herumwirbelt: Bevor Sebahattin Altin kam, gab es das in Dissen noch nicht. Aber der muslimische Geistliche ließ sich einfach nicht abhalten. Auch heute nicht. Als er die Presse nach dem Freitagnachmittagsgebet bereits wegwähnt, bindet er sich wie selbstverständlich die Schürze um. Ein letzter Blick durch das Fenster zeigt, dass er mit einigen anderen nun Süßspeisen in rauen Mengen anfertigt. Denn für Dissens Stadtfest will alles vorbereitet sein. "Jeder Imam bring etwas mit", berichtet Songül Akünlü, eine der Vorstandsvorsitzenden des Dissener Ditib-Verbandes, während der zahlreichen Gespräche an diesem Freitag. Jeder bereichere die Gemeinde durch eigene Impulse. Altins Vorgänger zum Beispiel sei ein "sehr lieber" Mensch gewesen.

Foto: Michael Gründel

Entsprechend groß war der Abschiedsschmerz. Und doch, die Gemeinde ist mittlerweile daran gewöhnt, alle paar Jahre einen neuen Imam zu begrüßen: "Neue Menschen, neue Erfahrungen sammeln, das ist auch für uns gut. Nur so können wir vorankommen", ist Akünlü überzeugt.

Weggewaschen

Gesendet werden Imame zur Cagri-Camii-Moschee in Dissen vom Verein Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden ist. Diese Nähe zur türkischen Regierung bringt den Ditib-Verband in Deutschland immer wieder in die Kritik.

Das bekommen auch die Mitglieder des Dissener Vorstandes zu spüren. Songül Akünlü, die in Deutschland geboren wurde, verteidigt sich. Sie fühlt sich durch die Anschuldigungen und das Gefühl, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, zurückgewiesen. Für den Verband in Dissen und für sie persönlich gelte, dass es nicht um Politik gehe, sondern nur um eine Möglichkeit, ihre Religion zu leben, sich aufgehoben zu fühlen. Lieber nichts dazu sagen möchte Imam Sebahattin Altin, dessen Angehörige in Istanbul leben.

Foto: Michael Gründel

Er betätigt gerade die Aufnahmefunktion seines Smartphones. "Vorbereitung" und "Gebet" steht da. Doch nicht nur dank der Übersetzungsfunktion ist klar, dass eines der wichtigsten Gebete der Woche kurz bevor steht. Langsam trudeln Mitglieder der Gemeinde und des Verbandes ein, vor allem Männer, ziehen sich am Automaten ein Wasser, eine Tomatensuppe. Plaudern. Lassen ihre Arbeit, ihre Alltagssorgen, die Woche hinter sich. "Alle machen sich schick, wie Christen an einem Sonntag", sagt Mürvet Özemil, ebenfalls Vorstandsmitglied; und im Gegensatz zu ihrer Freundin überzeugte Trägerin eines Kopftuchs, das sie adrett um den Kopf geschlungen hat. Ein Mann zieht sich die Schuhe aus.

Foto: Michael Gründel

Ein anderer war vor ihm in das Bad gegangen, ein Wasserhahn rauscht. Die Hände und die Füße waschen sie sich: "Außerdem die Ohren, um das schlechte, das wir gehört haben wegzuwaschen und den Mund, um das schlechte, das wir gesagt haben wegzuspülen", erklärt Akünlü. Doch  Sebahattin Altin ist noch nicht soweit. Nach den Gesprächen über die letzten Fußballspiele seines Lieblingsclubs Istanbul Başakşehir geht er in sein Büro.

Foto: Michael Gründel

"Alles ist gut, wenn du den richtigen Weg findest." Das sei in etwa die Übersetzung seines Lieblingsverses, erklärt Sebahattin Altin, dem jetzt eigentlich gar nicht nach Reden zumute ist. Er möchte sich vorbereiten, im Koran lesen, seine Notizen durchgehen. Doch was ist für ihn der "richtige Weg"? Menschlich zueinander sein, miteinander nicht gegeneinander agieren, teilen. Für ihn bedeutet es nicht zwangsläufig oder ausschließlich, fünf Mal wöchentlich zu beten. Obwohl Sebahattin Altin als Imam natürlich jeden dazu motivieren möchte.

Ein Leben im Takt der Gebete

Zu einem Leben im Takt der Gebete. Ein Leben, das früh morgens mit dem ersten Gebet beginnt und erst spät abends zu Ende ist, wenn der muslimische Geistliche endgültig die Türen abschließt. Dazwischen: immer wieder die Familie. "Ich stehe früh morgens auf, schließe die Tür auf, spreche das erste Gebet". Danach weckt er seine Frau und seine Kinder. Frühstück. Eine Trennung zwischen Privatem und Beruf sieht er so nicht. Zumal die Wohnung direkt über der eigentlichen Moschee in Dissen liegt. Das eröffnet auch Freiheiten.

Foto: Michael Gründel

Denn mittags kann er sich mir nichts, dir nichts sein Jacket überwerfen und auf sein Rad schwingen, um seine Kinder vom Kindergarten und der Grundschule abzuholen.

Foto: Michael Gründel

 Ein Leben, das Sebahattin Altin nicht anders kennt, denn schon sein Vater war Imam. 

"Es ist gut, einen Imam mit einem Diplom zu haben".Mehmet Özsahin, Vorsitzender des Ditib-Verbands in Dissen

Dass er schließlich in dessen Fußstapfen treten wollte, kristallisierte sich schon früh heraus. Nach der zehnten Klasse besuchte er eine Imam-Hatip-Schule, die in konservativen türkischen Kreisen auch als allgemeinbildende Schule beliebt ist. Doch er entschied sich nicht sofort, ließ sich ein wenig Zeit: "Man muss sich ganz sicher sein, was man im Leben machen möchte". Danach studierte er, machte ein Aufbaustudium beim Ditib-Verband. 

"Es ist gut, einen Imam mit einem Diplom zu haben", sagt der Vorsitzende des Dissener Ortsverbandes Mehmet Özsahin und berührt damit ein viel diskutiertes Thema. Denn unter anderem die Deutsche Islamkonferenz befürwortet eine universitäre Imam-Ausbildung in Deutschland. Auch um gut integrierten Muslimen aus Deutschland den Zugang zu dem Beruf zu ermöglichen. Die Verbände in Deutschland sowie der Zentralrat der Muslime in Deutschland konnten sich bislang noch nicht auf einen einheitlichen Ausbildungsweg einigen. Nach wie vor kommen daher die meisten Imame deutscher Ditib-Moscheen aus der Türkei.

Der Unterschied liegt in der Größe

In der Türkei sind diese Stellen beliebt. "Ich war sehr neugierig, wie es in Deutschland aussieht, wie man hier lebt", sagt Sebahattin Altin. Istanbul und Dissen, bei aller Liebe: Es ist ein Kontrastprogramm. Istanbul die lebendige Stadt am Bosporus, die Tag und Nacht bevölkerten Straßen. Und doch: Der Imam mag Dissen. Er schlendert gerne durch den Ortskern, bummelt an den kleinen Geschäften vorbei, bleibt stehen, plaudert.

Foto: Michael Gründel

"Anfangs musste ich mich daran gewöhnen, in einer vergleichsweise kleinen Moschee mit einer kleinen Gemeinde zu arbeiten", sagt Sebahattin Altin. Seine Vorbereitungen für das Gebet sind nun beinahe abgeschlossen, er legt seinen weißen Umhang um, ist konzentriert und geht in den Gebetsraum. Für die Reporterin ist hier Endstation, zumindest während des Gebetes. Die beruhigende Wirkung der Verse der Melodie ist über Lautsprecher im ganzen Gebäude zu hören, vertreibt Hektik, Stress. Songül Akünlü konzenriert sich ganz auf den Moment, kommt zur Ruhe, lässt ihr "Ego" draußen: "Das Leben ist so kurz, so vergänglich", sagt sie. Was ist wirklich wichtig? Nach einer knappen halben Stunde ist auch Sebahattin Altin wieder da. Die kleine Cagri-Camii-Moschee in Dissen ist mittlerweile zu seinem zu Hause geworden: "Der Unterschied liegt nur in der Menge", sagt er. Die Menschen sind gleich.


Tag der offenen Moschee

Seit mehr als 20 Jahren laden in ganz Deutschland am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, die islamischen Religionsgemeinschaften dazu ein, Moscheen zu besichtigen. Im Gespräch können Besucher dabei mehr über Religion, die Kultur und den Alltag von Muslimen zu erfahren.

In Dissen hat die Cagri-Camii-Moschee ab 11 Uhr ihre Türen geöffnet.

Zudem beteiligen sich Osnabrücker Moscheen, wie es in einer Pressemitteilung der Stadt Osnabrück heißt:

  • Die Basharat Moschee an der Atterstraße 104a lädt von 9 bis 18 Uhr Besucher zu einer Ausstellung und einem bunten Familienprogramm ein
  •  Die Fatih Moschee an der Schützenstraße 25-27 öffnet zwischen 10 und 17 Uhr ihre Türen
  •  Die Ibrahim Al-Khalil Moschee am Goethering 14 wird zwischen 10 und 19 Uhr geöffnet haben und die As-Salam Moschee an der Belmer Straße 18 wird ihren Gästen zwischen 11 und 16 Uhr marokkanischen Tee servieren.  
  •  An der Iburger Straße 12-14 befindet sich die Merkez Moschee, die zwischen 10 und 17 Uhr für Besucher offen steht. Um 12.30, 14.30 und 16.30 Uhr werden in der Moschee Vorträge zum diesjährigen Jahresthema „Religiosität – individuell, natürlich, normal“ angeboten
  • An der Iburger Straße 17 hat die Al Rahman Moschee zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet
  • Die Diyanet-Moschee an der Frankenstraße 13 begrüßt ihre Gäste zwischen 9 und 18 Uhr und bietet um 10 und um 13.30 Uhr eine Moscheeführung an
  • Die in unmittelbarer Nachbarschaft liegende bosnische Moschee an der Wasastraße 7a hat zwischen 12 und 15 Uhr geöffnet. Dort wird um 12.30 Uhr ein Vortrag mit dem Titel „Geschichte, Gegenwart, Zukunft“ gehalten, und um 14 Uhr können die Besucher an einer Führung durch die Moschee teilnehme
  • An der Meller Straße laden drei Moscheegemeinden zum Besuch ein. Die Risale-i Nur Gemeinde Osnabrück an der Meller Straße 37 hat von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Dort findet um 12 und um 15 Uhr eine Lesung aus dem „Risale-i-Nur Werk“ von Said Nursi statt
  • Die Aya-Sofya-Moschee an der Mellerstraße 86 empfängt zwischen 10 und 15 Uhr die Gäste und schließlich lädt das islamisches Kulturzentrum „Saraj-Bosna“ Osnabrück e.V. an der Meller Straße 298 zwischen 11 und 16 Uhr zu einem Besuch ein. pm

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