Betriebsrat sorgt sich um Produktion Schulte in Dissen: Viele Leiharbeiter müssen gehen

Von Stefanie Adomeit

Im Herzen Dissens produziert Schulte seit vielen Jahren Salami und andere Wurstsorten her. Foto: Gert WestdörpIm Herzen Dissens produziert Schulte seit vielen Jahren Salami und andere Wurstsorten her. Foto: Gert Westdörp

Dissen. Bei Schulte brennt die Luft. Der geplante Verzicht auf bis zu 45, teils langjährige Leiharbeiter bewegt Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft.

Nach Informationen unserer Redaktion ist geplant, bis zu 45 von insgesamt 70 bis 80 Leiharbeitern im Unternehmen nicht weiter zu beschäftigen. Hintergrund dürfte die Reform des Arbeitnehmerüberlassungs-Gesetzes (AÜG) sein, nach dem die „Höchstüberlassungsdauer“ von Leiharbeitern ab Oktober dieses Jahres auf 18 Monate begrenzt ist. Erst bei einer zeitlichen Unterbrechung der Überlassung von drei Monaten und einem Tag wird neu gerechnet.

Viele Leiharbeiter sind bei der Firma Office People, einem Personaldienstleister, beschäftigt. Das Unternehmen betreibt 94 Filialen in Deutschland, darunter eine am Dissener Kirchplatz. Office People habe bereits mehreren Kräften gekündigt, die teilweise seit zehn Jahren bei Schulte tätig seien, berichtete NGG-Gewerkschaftssekretär Sebastian Zöppel auf Anfrage. Erste Kündigungsschutzklagen liefen. Die Filialleitung war am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Entleiher entlässt Kräfte

Zöppel ärgert sich, dass nicht nur Schulte auf erfahrene Kräfte verzichten wolle, sondern eben sogar „Entleiher“ Office People diese Mitarbeiter entlassen habe. „Das ist kein fairer Umgang“, findet Zöppel, umso mehr, als von den Mitarbeitern gefordert worden sei, per Unterschrift auf weitere Ansprüche zu verzichten.

„Schulte will die Mitarbeiter einfach gegen neue Leiharbeiter austauschen, trotz Fachkräftemangel“, meint Zöppel. Dabei habe die dauerhafte Beschäftigung von 80 bis 90 Leiharbeitern im Betrieb, so der Gewerkschaftssekretär, mit den klassischen Gründen für eine zeitlich begrenzte Beschäftigung – wie Auftragsschwankungen – nichts mehr zu tun.

Auf die Verträge zwischen Office People und Schulte hat der Betriebsrat von Schulte keinen Einfluss. Er fragt sich allerdings, wie die Produktionsmengen gehalten werden sollen, wenn viele erfahrene Kräfte gehen müssten. „Unser Ziel ist es, dass die Leiharbeiter fest angestellt werden“, betont Betriebsrat Holger Steuer. Das lehne der Arbeitgeber leider ab. Steuer: „Viele der Leiharbeiter arbeiten seit vielen Jahren bei Schulte. Ich weiß nicht, wie das Unternehmen ohne sie weiter laufen soll“ – auch dann nicht, wenn die Geschäftsführung neue Leiharbeiter beschäftigen wolle. Am 14. August möchte der Betriebsrat in einem Gespräch mit der Geschäftsführung erfahren, wie der Personalbedarf gedeckt werden soll.

„Mit Augenmaß einstellen“

Ein Abweichen von der Beschäftigungs-Obergrenze von 18 Monaten ist durch einen Tarifvertrag der Branche abzuwenden. Solch ein Vertrag ist offenbar ausgehandelt worden, um Schulte zu ermöglichen, Arbeitnehmer für einfachere Tätigkeiten kostengünstig einzustellen. Davon will Schulte in diesem Fall offenbar keinen Gebrauch machen.

Markus Eicher, Sprecher der Konzernmutter Tönnies Lebensmittel-Gesellschaft, bestätigte, dass Leiharbeiter bei Schulte „ersetzt werden“, da ihre Verträge auslaufen. Die Frage, ob sie eins zu eins ersetzt werden, sei von der Auftragslage abhängig. Aktuell sei der Absatz etwas niedriger. „Wir werden mit Augenmaß wieder einstellen“, kündigte Eicher an. Es gebe keinen Anlass, sich um die Produktion zu sorgen: „Wir haben genügend Festangestellte mit dem entsprechenden Know-how. Wir haben kein Exodus und kein Kompetenzproblem.“

Seit 16 Jahren gehört Schulte wie Böklunder, Redlefsen oder Plumrose zur Zur-Mühlen-Gruppe von Deutschlands größtem Fleischverarbeiter Clemens Tönnies. Mit über 3000 Mitarbeitern produziert die Gruppe nach eigenen Angaben jährlich mehr als zwei Milliarden Verbraucherverpackungen. Der weltweite Exportanteil liegt bei 25 Prozent. „Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“ wirbt Schulte auf seiner Homepage um Fachkräfte.

1893 gründeten die Dissener Brüder Ludwig, August und Wilhelm Schulte einen Fleischwarenversand. Schulte war in den 50er Jahren größter deutscher Fabrikant von Sülzen. Wirtschaftlich geriet die Firma mehrmals ins Schlingern. Heute produziert Schulte vor allem Salami und anderer Rohwurstarten, Garschinken und Aspik-Spezialitäten.


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