Großer Bahnhof für die Tradition 21. Sparkassen-Jazz-Festival in Dissen huldigt der Swing-Ära

Von Matthias Liedtke

Generationenübergreifend: David Hermlin (2. von links) begeistert unterstützt von Vater Andrej (links) und dessen Swing Dance Orchestra das Publikum beim 21. Jazz-Festival am Dissener Bahnhof. Foto: Elvira PartonGenerationenübergreifend: David Hermlin (2. von links) begeistert unterstützt von Vater Andrej (links) und dessen Swing Dance Orchestra das Publikum beim 21. Jazz-Festival am Dissener Bahnhof. Foto: Elvira Parton

Dissen. Der Tradition verpflichtet: Ein Zwei-Tages-Ticket zurück in die Pionier- und Blütezeit des traditionellen Jazz, Swing, Blues und Boogie-Woogie konnten die Besucher des 21. Sparkassen-Jazz-Festivals am alten Dissener Bahnhof lösen.

Dabei fuhr der Zug zwar mehrgleisig und in verschiedene Richtungen. Doch alle Musiker blieben mehr oder weniger konsequent in der traditionellen Spur ihres jeweiligen Genres. Für einen entspannten Einstieg sorgten am Freitagnachmittag Jay Jay´s Border Jazzmen, die angesichts der hohen Temperaturen erstmals in ihrer 20-jährigen Bandgeschichte in kurzen Hosen auftraten. Passend zur Weinschorle kredenzte das Sextett aus dem niederländischen Gelderland überwiegend leicht perlende Swing – und Jazzklassiker, erlaubte sich aber auch einen Abstecher in die Country-Musik. Als sie sich mit „Going Home To New Orleans“ verabschiedeten, war damit gleichsam der Weg für das Abendprogramm vorgezeichnet. 

Denn das gestalteten die sieben norddeutschen Jazz Lips mit heißen Rhythmen aus der Südstaaten-Metropole, die zum tatsächlichen auch frischen musikalischen Wind aufkommen ließen - mit Einbruch der Dämmerung auch düster in Form von Duke Ellingtons „The Mooche“. Als Ersatz für die „kurzfristig verhinderte“ Steeldrum-Legende Gregory Boyd zauberten die Lips den Jazz-affinen Schlagersänger Peter Petrel als Special Guest aus dem Hut. Anstelle von karibischem Flair verbreite er mit Bluesstimme und „Hello, Dolly!“ Hamburger Hafenkneipenstimmung.

Stilecht und unverstärkt

Am Samstag geriet der solide Auftritt der Swinging Feetwarmers Jazzband aus Kiel zum luftigen Aufwärmprogramm für den unstrittigen Höhepunkt des Festivals. Mit großem, 13-köpfigen Aufgebot besetzte das Berliner Swing Dance Orchestra unter der Leitung von Andrej Hermlin die Bühne, um die Besucher mit nahezu blindem musikalischem Verständnis zwischen Rhythmus- und den einzelnen Bläsersektionen, stilecht gediegen mit Frack und Fliegen und unverstärkt in die goldene Swing-Ära der Dreißigerjahre zu entführen. Dabei verstand es sich von selbst, dass Wegbereiter Benny Goodman eine tragende Rolle spielt, aber auch Count Basies „Five to Five“-Sänger Jimmy Rushing wurde ebenso Reverenz erwiesen wie Klarinettist Artie Shaw mit dessen Hit „Begin The Beguine“ und „When Winter Comes“ - in Anbetracht der Hitze wohl als Wunsch gedacht. 

Nichtsdestotrotz wurde vor der Bühne wie in einem alten Ballsaal stilsicher Swing getanzt, während der junge David Hermlin als Sohn des deutschen „King of Swing“ nicht nur an den Drums, sondern auch als smarter, drahtiger und mit feinem Timbre singender Entertainer den überaus eleganten Beweis dafür antrat, dass traditionelle Swing-Musik auch generationenübergreifend funktioniert. Der als Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin in der DDR aufgewachsene Bandleader würzte den Wunschauftritt von Festivalsponsor Dieter Fuchs mit allerlei musikhistorischen Anekdoten. Seinem Vater widmete er dessen Fred Astaire-Lieblingssong „Cheek To Cheek“. Und der Jive „Hep Hep“ aus dem Soundtrack des Films „Stormy Weather“ wurde zum mehrstimmigen Glanzlicht. Die entgegen ihres Bandnamens gar nicht mal so wilden, sondern relativ entspannten „Wild Bluesmen“ sorgten schließlich am Abend, virtuos angetrieben vom singenden Ausnahmepianisten Steve Clayton aus England, mit lockeren Grooves, Rock´n Roll, schwungvollem Boogie-Woogie und funkigen Bassläufen für einen furiosen Ausklang.


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