„Sie töten Frauen und Kinder“ Flüchtlinge in Dissen in Angst um Familien in Afrin

Von Anke Schneider

Warten und hoffen: Permanent schauen die Syrer aus Afrin aufs Handy und verfolgen die Nachrichten aus der eingekesselten Stadt. Foto: Anke SchneiderWarten und hoffen: Permanent schauen die Syrer aus Afrin aufs Handy und verfolgen die Nachrichten aus der eingekesselten Stadt. Foto: Anke Schneider

Dissen. Die türkische Militär-Offensive im Norden Syriens und die Belagerung und Bombardierung der Stadt Afrin wirkt bis nach Deutschland. Nicht nur bei heftigen Debatten im Bundestag, nicht nur durch Demos in den Großstädten. In der Dissener Teutoburger-Wald-Schule herrscht im Deutschkurs für Flüchtlinge derzeit Ausnahmezustand.

Warum haben alle ein Recht zu leben, nur die Kurden nicht “, schreit eine Frau und bricht weinend zusammen. Andere Frauen helfen ihr auf und versuchen, sie zu beruhigen. Aber auch bei ihnen laufen die Tränen. Ein Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch und ist außer sich vor Wut. Er schimpft und rennt aus dem Raum.

Eingekesselt

Die Frauen und Männer stammen aus Afrin und treffen sich jeden Morgen zum Deutschunterricht. „Lernen ist derzeit kaum möglich“, sagt die Lehrerin Katja Bertram. Jeden Morgen höre sie sich die neuesten Berichte aus der von der türkischen Armee eingekesselten Stadt im Nordwesten Syriens an. Jeden Morgen steht sie hilflos vor den verzweifelten Menschen, die so sehr darauf hoffen, dass ein Wunder geschieht.

Die türkische Armee führt seit dem 20. Januar eine Offensive gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und fliegt seitdem Luftangriffe, bei denen auch viele Zivilisten ums Leben kommen. Derzeit spitzt sich die Lage dramatisch zu, denn die Stadt ist eingeschlossen. „Über eine Millionen Menschen sind in Afrin“, berichten die Männer und Frauen aus dem Deutschkurs. Dabei sei die Stadt kleiner als Osnabrück. Die meisten von ihnen seien Flüchtlinge aus Syrien, die im Laufe des Krieges in der bisher sicheren Stadt Schutz gesucht haben.

Verwandte in Gefahr

Alle aus dem Deutschkurs haben Verwandte in Afrin. Mütter, Väter, Geschwister, aber auch Freunde. Jeden Tag versuchen sie, über Whatsapp Kontakt zu ihren Familien in Syrien zu bekommen. Und hoffen verzweifelt, dass alle noch leben. „Meine Mutter ist 80 und ich habe keinen Kontakt seit einem Monat“, erzählt Abdo. Er wisse nicht, wo sie sei.

„Sie töten ja nicht nur die Männer. Sie töten auch Frauen und Kinder“, ergänzt Ibrahim. Am Boden, Mann gegen Mann, hätten die Kämpfer in Afrin eine Chance gehabt, so die beiden Männer weiter. Aber gegen die Flugzeuge mit ihren vernichtenden Raketen nicht. Dem hätten die Menschen in Afrin nichts entgegenzusetzen. Es sei nur eine Frage der Zeit, dass sie sterben.

IS tötet Jesiden

Asra springt auf, sie hat keine Ruhe mehr, auf dem Stuhl zu sitzen. „Die Terroristen vom IS machen mit den Menschen in unserer Stadt einen Test. Sie fragen, ob du Moslem bist oder nicht. Und ob du Koranverse kennst. Wenn du Jeside bist, wie meine Familie, dann töten sie dich sofort “, erzählt sie. Alle hungerten, berichten die Männer und Frauen aus dem Deutschkurs weiter. Es gebe keine Lebensmittel mehr, keinen Strom und auch kein Wasser.

„Es gibt nur zwei Straßen raus aus Afrin“, berichtet Abdo. Die Straße nach Aleppo sei schon lange zerstört und die Straße in Richtung Türkei nun auch. „Überall sind Soldaten, die Menschen in Afrin können nicht raus. Sie sitzen in der Falle“, ergänzt Aische. Eine andere Frau zeigt auf dem Smartphone Fotos von ihrer Familie. Man sieht ihre Eltern, Geschwister und deren Kinder in einem Kellerraum hocken. „Die Politiker müssen was tun“, sagt sie und presst das Handy an ihre Brust.

„Europa muss helfen“

Diese Forderung bringt die übrigen im Raum um das letzte bisschen Fassung. „Europa muss uns helfen“, sagt einer, „die Luftangriffe müssen gestoppt werden“, so ein anderer. „Alle schweigen“, sagt die Frau, die kurz darauf zusammenbricht. „Alle sehen zu, wie wir sterben.“ Mehr aus Dissen im Netz

„Ich versuche so gut es geht weiterzumachen“, sagt Katja Bertram. Schließlich steht am Ende des Kurses eine Prüfung an. Das Handyverbot im Unterricht hat die Lehrerin allerdings gelockert, da die Schüler brennend auf neue Nachrichten warten. Wenn es dann wieder Verlustmeldungen gibt, sei es mit dem Unterricht natürlich auch wieder vorbei.