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Was ist eigentlich „normal“? Bramscherin mit Handicap liest Morgenandacht im NDR

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 10.07.2014, 09:20 Uhr

„Was ist eigentlich normal“? Unter diesem Motto stehen noch bis zum Freitag, 11. Juli, die Morgenandachten in NDR I. „Bei mir ist normal, dass nichts normal ist“, sagt Cornelia Glindkamp, eine der Autoren der kurzen Andachten, die jeweils morgens um 9.15 Uhr ausgestrahlt werden.

„Wenn ich meinen eigenen Weg gehe, dann klappt es. Wenn ich versuche zu leben, wie andere Menschen es von mir erwarten, geht es schief“ , fasst die Mitarbeiterin der Bramscher Reha-Werkstätten zusammen. Seit 1999 arbeitet sie in der Einrichtung der Heilpädagigischen Hilfe Bersenbrück an der Hermann-Bohne-Straße in Bramsche. Eine seelische Erkrankung und ein chronisches Rückenleiden machten es ihr schwer, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Ich bin behindert, aber ich will auch etwas aus meinem Leben machen“, beschreibt die junge Frau ihre Motivation, sich neben der Arbeit in der Handbuchbinderei der Werkstätten für das Projekt der Evangelischen Kirche im NDR zu engagieren.

Schon in der Jugend verfasste sie gern Texte aller Art, jetzt findet sie darin eine Erfüllung neben der beruflichen Tätigkeit. „Die Angst vor dem weißen Blatt Papier habe ich nie gekannt, sagt die verheiratete Bramscherin. „Ich muss nicht schreiben, ich darf schreiben“. Cornelia Glindkamp schreibt für die Werkstattzeitung, berichtet hier über Aktionen, Feste, Ausflüge. Aber sie versucht auch, den Blick der Leser für die Sicht der Welt aus dem Blickwinkel eines Menschen mit Handicap zu schärfen.

Genau wie sie das am Freitagmorgen mit ihrem Impuls über die „Volkskrankheit Einsamkeit“ tun möchte. Glindkamp meint nicht das „Ab-und-zu-Alleinsein, das „jeder einmal braucht“, sondern die „Isolation, die viele Menschen trifft, die alt oder krank oder behindert sind, oder alles zusammen“. Sie erzählt von eingeschränkter Mobilität, von den Schwierigkeiten unter Menschen oder „einfach mal raus zu kommen“, von den Problemen, auf andere Menschen angewiesen zu sein, von Radio oder Fernseher, die oft das einzige Fenster zur Welt sind, aber das Zuören, das Trösten, das In-den-Arm-nehmen nicht ersetzen können. Wie schnell kann ein Mensch, der nicht mehr am „normalen Leben“ teilnehmen kann, aus der Gesellschaft herausfallen, fragt sie (sich).

Wie fand Glindkamp nun den Weg ins Radio? „2013 gab es einen Aushang bei uns am Schwarzen Brett, dass Autoren für die Morgenandacht gesucht werden“, berichtet sie. Ihre Gruppenleiterin Tatjana Grafunder ermutigte sie, mitzumachen. Sie verfasste zwei Probetexte und reichte sie ein, allerdings ohne große Erwartungen und hakte das Thema erst einmal ab.

Um so erstaunter war Glindkamp, als sie einige Wochen später ein Anruf von NDR-Radiopastor Jan von Lingen erreichte: „Wir wollen sie haben“. Sie fuhr nach Hannover, sprach die Texte mit von Lingen durch, im Studio folgten zwei Leseproben, dann die Aufnahmen. „Ein gewisses Lampenfieber war schon da“, erinnert sie sich.

In der Themenwoche war und ist sie mit drei Andachten vertreten. An den anderen Tagen beschreibt der Politik- und Religionswissenschaftler und Rollstuhlfahrer Claus Mohr aus Hannover sein „neues Spielzeug“ und berichtet von den Problemen eines Menschen mit Behinderung bei der Arbeitssuche.

Termin: Cornelia Glindkamp: Volkskrankheit Einsamkeit, Freitag, 11. Juli, 9.15 Uhr, NDR I Niedersachsen, Himmel und Erde.