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Viel mehr als Kühe mit Hörnern Brunings aus Evinghausen setzen auf Nachhaltigkeit

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 28.10.2014, 08:29 Uhr

„Zehn Stunden werden‘s immer“, sagt Rolf Bruning über die Arbeitszeiten auf dem Hof in Jetzt sind Bruning und seine Frau Monika für ihr vielfältiges Engagement mit dem Niedersächischen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet worden (wir berichteten). Die Jury war voll des Lobes – nur für die langen Arbeitszeiten gab es Abzüge in der Gesamtnote.

Rolf und Monika Bruning lieben ihren Beruf. „Wenn ich morgens aufstehe und aus dem Fenster sehe, denke ich manchmal ‚Ach, ist das schön‘, sagt die Evinghausener Ortsvorsteherin. Vor dem Fenster grasen friedlich ein paar Schwarzbunte, ein bisschen Nebel hängt noch über den leicht abschüssigen Wiesen. „Man muss das wollen, das ist mehr als ein Job, das ist auch ein Hobby“, meint sie. Rolf Bruning zeigt stolz auf ein Diagramm, dass die Prüfer nach einem strengen Kriterienkatalog erstellt haben. Im Bereich Lebensqualität nähern sich Brunings den Bestnoten, was sie nicht zuletzt auch auf eine gut funktionierende Nachbarschaft und ein stabiles soziales Netz zurückführen.

Der Hof an der Icker Landstraße 1 wird mittlerweile von zwei Generationen bewirtschaftet. Sohn Ralf und seine Frau sind längst mit im Geschäft. Das macht es auch möglich, dass jede Familie reihum sonntags frei hat. „Es muss ja immer jemand da sein. Das Vieh kennt keine Feiertage“, schmunzelt Bruning. Dazu kommt der stetig wachsende bürokratische Aufwand. „Man nimmt schon abends den Laptop mit aufs Sofa. Aber das kann es doch auf die Dauer eigentlich nicht sein.“ So viel zum Thema Arbeitsbelastung.

Auch das Antragsverfahren für den Nachhaltigkeitspreis kostete etliche dieser Abendstunden. „Jörg Schomborg von der Landwirtschaftskammer hat uns darauf gebracht mitzumachen und hat uns schließlich vorgeschlagen“, erzählt Bruning. Gemeinsam wurde dann der Kriterienkatalog abgearbeitet, bei dem es um deutlich mehr ging als darum, „dass bei uns die Kühe noch Hörner haben“, grinst Monika Bruning. Rolf Bruning geht die Punkte durch, die die Berner Wissenschaftler im sogenannte RISE-Verfahren (sie Infobox) abfragten.

Bodenerosion und Gewässerschutz: Bruning ist Sprecher der „Gewässerschutzkooperation Dümmer“, eines freiwilligen Zusammenschlusses von Landwirten, um den Phosphateintrag in den Binnensee zu verringern. Auf Evinghausener Gebiet liegt eine Ursprungsquelle für die Hunte. Nach Osten fließt alles Wasser über den Venner Mühlenbach in die Hunte und von dort in den ohnehin stets überdüngten Dümmer. „Wir versuchen, immer Bewuchs auf dem Boden zu halten“, erläutert er. Gerade jetzt wird Grünroggen gesät, dessen Wurzelwerk über Winter den Boden zusammenhält und so dafür sorgt, dass vor allem in den abschüssigen Lagen Boden und Nährstoffe nicht weggeschwemmt werden. „Wo großflächig Mais angebaut wird, ist der Boden im Winter kahl.“

Tierschutz und Biodiversität: Vielfalt heißt das Stichwort, dass dem Hof nicht nur Pluspunkte für artgerechte Haltung, sondern auch wirtschaftliche Stabilität, sprich das Einkommen der Besitzer, sichert. Brunings mästen Schweine, die übrigens in den Ställen mit Spielzeug wie Glocken und Bällen bei Laune gehalten werden. Sie halten Milchkühe und Kälber, es gibt Bullen und „natürlich auch Hühner“. Gefüttert werden die Tiere in erster Linie mit selbst angebautem Getreide, nur ein paar Eiweißkomponenten werden zugekauft. „Unser Betrieb ist so ausgerichtet, dass wir verbrauchen, was wir ernten“, sagt Bruning. Die Kühe laufen auf den Wiesen frei herum. Schutz finden sie im Winter in einem Offenstall. „Wir haben erst gedacht, es könnte den Kühen zu kalt sein. Aber die lieben das“, berichtet Monika Bruning. Im ersten Jahr wollte man den Wiederkäuern etwas Gutes tun und deckte einen Teil der offenen Ostseite ab, „aber sie haben alle das Offene gesucht“. Seither sind die Kühe längst nicht mehr so anfällig für Krankheiten. Und richtig: Die Hörner werden nicht gekappt. Kämpfe um die Rangordnung gehören zum sozialen Leben der Tiere. „Jüngere müssen sich unterordnen, sagt Bruning.“ Sicher gibt es mal ein paar Blessuren. „Aber die Tiere leben damit, und wir Menschen müssen halt ein bisschen aufpassen“. Das gilt besonders für den Umgang mit dem „700-Kilo-Bullen“, aber dafür hat der Bauer seine „Psychotricks“.

Nährstoffkreislauf: „Gülle und Mist werden auf eigenem Land ausgebracht. Permanente Bodenproben machen eine gezielte Planung der Düngung möglich. Die genaue Dokumentation war Bestandteil des RISE-Verfahrens „Wir können Gülle und Mist für acht Monate speichern und dann gezielt zu den Vegetationsperioden aufbringen“, sagt Bruning. Durch den Verzicht auf Kunstdünger ließen sich zum Beispiel bei den Kartoffeln nicht unbedingt Spitzenerträge erzielen, aber „viele Kunden fragen gezielt nach ungespritzter Ware“, berichtet Monika Bruning .

Energie und Klima: Auf dem Hof an der Icker Landstraße wird die Kraft der Sonne genutzt. In Spitzenzeiten, wenn gemolken wird oder die Kühlung läuft, reicht die Fotovoltaikanlage allerdings nicht aus. Dann wird zugekauft. Warmes Wasser für den Betrieb ebenso wie Heizungswärme liefert eine Holzhackschnitzelanlage. Dafür verarbeiten Brunings Holz, das nicht anderweitig zu vermarkten ist. Mit Holzhackschnitzeln aus den Evinghausener Wäldern werden auch die Waldorfschule, die Johannesschule und etliche weitere private und öffentliche Kunden beliefert. Der Häcksler verbraucht allerdings noch große Mengen Diesel. Bei den Prüfern gab dies Punktabzüge, räumt Rolf Bruning ein.

Beruf und Ausbildung: Schüler der Waldorfschule absolvieren auf dem Hof Praktika, Landwirtschafts-Azubis aus Frankreich und Norwegen waren zu Gast. Ein junger Mann mit Förderbedarf aus der benachbarten Johannesschule kommt zweimal pro Woche, baut Kartoffelkisten oder mistet die Kälberboxen aus – immer im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Alles musste belegt und mit Zahlen unterfüttert werden. „Für uns war wichtig, dass wir wissen, wo wir stehen“, sagt Monika Bruning. Dass ein Preis dabei herauskam, umso besser.