Ein Artikel der Redaktion

Serie Tierwelten Sögeln: Viel Freilauf und eine Dusche für 12000 Gänse

Von Ilona Uphaus, Ilona Ebenthal | 14.09.2016, 12:29 Uhr

Als Thomas von Guionneau vor 25 Jahren den reinen Ackerbaubetrieb seines Vaters in Sögeln übernahm und sich probeweise 600 Gänseküken kaufte, ahnte er nicht, einmal zu den größten Gänsemästern der Region zu gehören.

Ein reiner Pachtbetrieb – dazu keine vorhandenen Stallgebäude – da sei die Entscheidung 1991 naheliegend gewesen, es mit der Freilandhaltung zu versuchen, erklärt der Landwirt, der mit Ehefrau und zwei Kindern im Sögelner Bruchhausweg lebt. Die beiden älteren Kinder wohnen am jeweiligen Studienort. Mit viel Herzblut kümmert sich der Landwirt um seine Tiere. Aus den 600 „Gösseln“ so der Fachausdruck für Gänseküken, sind inzwischen bis zu 12000 Tiere in Sögeln und zusätzlich 12000 Tiere in Brandenburg geworden, wo der 55-Jährige seit der Wende Land gepachtet hat und einen fest angestellten Mitarbeiter beschäftigt. Alle vier bis sechs Wochen reist Thomas von Guionneau zu diesem Betrieb nach Mühlenberg im Havelland.

Zwei Wochen Wärme

1500 bis 2000 Gänse pro Herde – männliche und weibliche Tiere angeliefert als Eintagsküken – werden zunächst zwei Wochen im Aufzuchtstall in ringförmigen Abtrennungen unter der 30 Grad warmen Lampe aufgezogen. Dann geht es in den Kaltstall, „bis sie ausgefiedert sind“, erklärt der Gänsemäster. Damit sie sich bei Regen nicht „vollsaugen wie ein Schwamm“ kommen sie erst im Alter von fünf bis sechs Wochen ins Freiland. In Brandenburg sei das Grünland, hier in Sögeln Ackerflächen, auf denen Getreidestreifen für die Tiere stehen bleiben. Zehn Quadratmeter Platz pro Tier sei Pflicht, 15 Quadratmeter stehen bei ihm zur Verfügung, erzählt von Guionneau. Unangekündigte Überprüfungen durch das LAVES (Landesamt für Verbraucherschutz) finden zwei bis drei Mal im Jahr statt. Kein Problem für den Landwirt, der täglich nach den Tieren schaut, sie manchmal abends zu den Futtersilos und Tränken zurücktreiben muss. Denn „in der Dunkelheit sind die Junggänse in den ersten drei Tagen in neuer Umgebung orientierungslos“, weiß er.

Dusche im Sommer

Jeder rund zwei Hektar große Schlag besitzt einen breiten Streifen Mais, wo die Tiere Schatten und Futter finden. Die selbstgebauten großen Futtersilos halten das Kraftfutter für rund eine Woche vor. Hier können die Gänse „ad libitum“ (lat. ganz nach Belieben) fressen, berichtet Thomas von Guionneau. Die Rohrtränken müssen häufig umgestellt werden. Da die Gänse den ganzen Kopf ins Wasser stecken können, werde viel geplantscht, sagt der Landwirt. Gänse sind schließlich Wasservögel. An besonders heißen Tagen gibt es die „Gänsedusche“, da werde aus einer selbst konstruierten Schlauchvorrichtung Wasser fein versprüht, damit die Tiere sich abkühlen können. Eingezäunt sind die Herden mit ein Meter hohem Weidedraht, den von außen zusätzlich zwei Strom führende Drähte umspannen. In Sögeln soll das Fuchs und Marder abhalten, während in Ostdeutschland Seeadler und Kolkrabe mehr Schwierigkeiten machen, berichtet Thomas von Guionneau. Schrille Geräusche bedeuten Stress für die Gänse, die grundsätzlich schreckhaft seien und Ballons oder Motorflieger für Raubvögel halten. An Menschen gewöhnt seien die Tiere, denn im Aufzuchtstall werde Stroh mit der Hand ausgestreut, erklärt der Gänseexperte.

Schlachtreif mit 16 Wochen

Nach rund 16 Wochen sind die Gänse mit einem Gewicht von 6,5 bis sieben Kilogramm schlachtreif. Das ergibt einen Gänsebraten zwischen 4,8 und 5,5 Kilogramm. Dann gehen die Tiere an einen Schlachthof nach Cloppenburg, die Brandenburger Tiere nach Berlin. Alles mit festen Verträgen. Eine Selbstvermarktung funktioniere nur in der Nähe von Großstädten, meint von Guionneau. Hier auf dem Lande sei das schwieriger. Anfang Mai gibt es in Sögeln die ersten Gössel im Stall. Anfang Dezember werden die letzten abgeliefert. Das entspannte Umtreiben unterstützte bisher Border Collie-Hündin Amy, die vor kurzem im Alter von 14,5 Jahren gestorben sei, bedauert der Landwirt.

Nebenbei betreibt der Betrieb immer noch Ackerbau. Während 25 Hektar für die Gänsemast zur Verfügung stehen, gibt es 35 Hektar für Getreide und 90 Hektar für Veredelungskartoffeln, aus denen Pommes und Chips hergestellt werden. In Brandenburg sind es rund 40 Hektar Grünland. Zusätzlichen mineralischen Dünger kann der Landwirt sich sparen. Dafür sorgen die Gänse. Noch etwas findet Thomas von Guionneau gut: die Rückverfolgbarkeit der Ware. Weil die Gänsebraten mit Etikett verkauft werden, habe er sogar schon Post aus Bayern bekommen - von einer Familie, die von ihren Erlebnissen mit der Weihnachtsgans aus Sögeln berichtete.