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Nach einem Jahr Bilanz gezogen Mehr Bürokratie: Aber Nordkreis-Wirtschaft meistert die Brexit-Folgen

Von Marcus Alwes | 27.12.2021, 07:06 Uhr

Mehr bürokratischer Aufwand, dazu negative Effekte im Bereich der Logistik – doch die Wirtschaft im Nordkreis ist offenbar in der Lage, die Folgen des Brexit gekonnt zu meistern.

Den Kopf steckt in Bramsche, Rieste und Neuenkirchen-Vörden jedenfalls niemand in den Sand, obwohl seit einem Jahr manches anders ist. Die Tischdekor- und Verpackungsexperten der Duni GmbH aus Achmer berichten beispielsweise von verzögerten Zollformalitäten, die zu längeren Lieferzeiten auf der Insel und dementsprechend auch zu höheren Kosten führen. "Der allseits bekannte Fahrermangel trägt zudem dazu bei, dass Lieferungen vom Zentrallager Bramsche nach Runcorn nur sehr verzögert abgewickelt werden können, was wiederum Logistikkosten in die Höhe treibt", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Diese Engpässe bekämen vor allem die Kunden im Königreich zu spüren, erklären Duni-Geschäftsführer Matthias Voß und der Marketing-Leiter Central Europe, Axel Gelhot. "Standard-Lieferzeiten zu den Kunden, egal ob Paket- oder Stückgutsendungen, mussten entsprechend verlängert werden", so die beiden Manager.

Landtechnik festigt ihre Marktanteile auf der Insel

Auch Amazone-Sprecher René Hüggelmeier berichtet von bürokratischem Aufwand, der durch den Brexit beim Spezialisten für Düngerstreuer, Sämaschinen und Pflanzenschutzspritzen größer geworden sei. Doch einen Grund, Trübsal zu blasen, sieht auch der Landtechnik-Fachmann nicht. „England ist mit unserer Sales-&-Service-Gesellschaft in Doncaster nach wie vor ein wichtiger Absatzmarkt für uns geblieben“, betont der Leiter Personal & Recht der Amazonen-Werke in Hasbergen sowie Ge schäftsführer der Amazone Technologie GmbH in Schleptrup. „Wir v erkaufen dort unser komplettes Maschinenprogramm und können keine Verschlechterung oder Besserung unserer Geschäfte vermelden“, so Hüggelmeier gegenüber unserer Redaktion.

Ganz ähnlich klingen die Meldungen aus Damme und dem Niedersachsenpark bei Rieste. Der britische Markt „zählt zu den Top Fünf von insgesamt 120 Ländern innerhalb der Grimme-Gruppe“ , verdeutlicht Jürgen Feld, Pressesprecher des weltweit agierenden Landmaschinen-Unternehmens. Grimme UK habe sich mit seiner Landtechnik für die Kartoffel-, Rüben- und Gemüseernte „eine sehr gute Marktstellung auf der Insel erarbeitet“, so Feld.

Im Jahr 1993 – also vor fast drei Jahrzehnten – sei der britische Ableger in Swineshead (Boston, Bedfordshire) gegründet worden. Heute arbeiten rund 100 Grimme-Mitarbeiter an vier Standorten in Großbritannien. Neben der Niederlassung Swineshead in den Orten Five, York und Shrewsbury. Der Brexit habe dem Geschäft bisher nicht geschadet, sagt Pressesprecher Feld: „Im Gegenteil, wir konnten sehr gute Umsatzzuwächse erzielen.“

Fragen rund um Zoll-, Marken- und Patentrecht geklärt

Beantwortet seien inzwischen auch Fragen rund um das Zoll-, das Marken- und das Patentrecht, die durch den Brexit anfänglich im Raum gestanden hatten, ergänzt René Hüggelmeier. Zunächst habe es deshalb bei Amazone Unsicherheiten gegeben. „Die Sorgen, die wir hatten, haben sich aber alle nicht bewahrheitet.“ Am Ende sei die Lösung der Probleme – vor allem bei den Marken- und Patentfragen – relativ unkompliziert gewesen. „Und jetzt geht alles seinen geregelten Gang“, erklärt Hüggelmeier.

Auch Jürgen Feld will in diesen Tagen nicht allzu viel Wasser in den Wein gießen. Nur ein bisschen. Der administrative Aufwand, Maschinen und Ersatzteile nach Großbritannien zu versenden, sei „leider sehr stark gestiegen und verursacht hohe Kosten“ – sowohl am Stammsitz in Damme/Rieste als auch bei Grimme UK selbst. „Die Lieferketten sind ebenfalls ein Problem, aber das ist ein weltweites Phänomen“, ergänzt der Öffentlichkeitsarbeiter.

Ferner sei in Großbritannien die Konkurrenz am Markt in der Kartoffeltechnik durchaus überschaubar. Die Umsatzzuwächse lägen unterdessen „hauptsächlich an den hohen Preisen für Kartoffeln und Gemüse in den letzten Jahren, sodass unsere Kunden auch das finanzielle Polster hatten, in Landtechnik zu investieren“, erläutert Feld.

Viele Farmer suchen weitere Mechanisierungsmöglichkeiten

Ein weiterer Grund sei, dass viele Erntehelfer – vornehmlich aus Osteuropa – nach dem Brexit nur unter schwierigen Bedingungen hätten einreisen dürfen. Und auch Corona habe das Ganze noch deutlich erschwert. „Aufgrund dessen suchten viele Farmer nach weiteren Mechanisierungsmöglichkeiten, das hat die Nachfrage nach moderner Kartoffel- und Gemüsetechnik beflügelt“, schildert Feld die jüngsten Entwicklungen.

Genau wie der Amazone-Mann Hüggelmeier betont auch der Grimme-Vertreter, dass in Vorbereitung auf den Brexit nie über eine Reduzierung des Engagements auf dem britischen Markt nachgedacht worden sei. „Nicht mal im Ansatz“ hätten die Verantwortlichen derartige Überlegungen angestellt. „Wir haben ja schon zuvor einige internationale Krisensituationen am Markt erlebt und durchgemacht“, so Feld, „und wir wissen deshalb, jede Krise geht wieder vorbei.“

UK weiter strategisch wichtig für Tapetenfabrik Rasch

Sich in schwierigen Situationen zu bewähren, hat bekanntlich auch Frederik Rasch gelernt . „United Kingdom ist einer der größten Tapetenmärkte Europas und für Rasch ein strategisch wichtiger Markt, in den wir auch nach dem Brexit investiert haben und weiter investieren werden", sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Brexit sei vor diesem Hintergrund "für uns wirtschaftlich und persönlich ausschließlich nachteilig". Heute lägen die Nachteile insbesondere in höheren Transportkosten, längeren Lieferzeiten und Einschränkungen beim Personenverkehr zwischen dem Stammsitz der Tapetenfabrik in Bramsche und dem Tochterunternehmen Rasch UK in der Nähe von Manchester.

Aufgrund der Schwäche der in United Kingdom ansässigen Tapetenindustrie, seien die dortigen Händler aber von Produkten vom europäischen Kontinent abhängig. "Bislang konnten wir keine erheblichen Marktanteilsveränderungen zu Gunsten von britischen Herstellern erkennen“, bilanziert Rasch.

Adidas: Weiteres Distributionszentrum in Großbritannien

Derartige Verschiebungen will auch der Sportartikelgigant Adidas, dessen größtes europäisches Logistik- und Versandzentrum im Niedersachsenpark bei Rieste und Neuenkirchen-Vörden steht, verhindern. Der börsennotierte Konzern habe "unter anderem bereits 2018 ein zusätzliches Distributionszentrum in Großbritannien in Betrieb genommen, das unsere bestehenden Lagerkapazitäten dort ergänzt", erläutert Pressesprecherin Mandy Nieber. So soll bei Adidas weiterhin ein zuverlässiger Kundenservice gewährleistet werden. "Der Aufbau des Distributionszentrums war ein Bestandteil unserer Maßnahmen, uns auf den Brexit vorzubereiten“, so Nieber abschließend.