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Literaturfest Niedersachsen: Science-Fiction-Lesung der etwas anderen Art Kalkrieser Zeitreisen

Von Tom Bullmann | 22.09.2011, 17:02 Uhr

„Also sprach Zarathustra“ leiert zirpend aus den Boxen. Mit dem Thema von Richard Strauß, das Stanley Kubrick eindrucksvoll in seinem Film „2001 – Odyssee in den Weltraum“ einsetzte, leitet der Musiker Christopher Baum eine außergewöhnliche Lesung ein – in einer elektronisch verfremdeten Version, als sei die Komposition nach einer Zeitreise deformiert in die Gegenwart zurückgekehrt. Genau darum geht es nämlich in dieser Performance: Um Menschen, die verschiedene Möglichkeiten erfunden haben, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu reisen.

„Die Zeit“ beschäftigt heuer das Literaturfest Niedersachsen. Neben Veranstaltungen, die sich mit der literarischen Erkundung von Zeitmessung und Zeitwahrnehmung beschäftigen, wird in Kalkriese versucht, der vierten Dimension auf die Spur zu kommen. Auf höchst lebendige und amüsante Art tragen die Schauspieler Ruth Meyer und Dietmar Wunder zusammen mit dem Autor Heiko Postma Exzerpte aus exemplarischen Science-Fiction-Romanen vor, die sich mit dem Phänomen der Zeitreise beschäftigen.

Natürlich weiß jeder, dass es Zeitreisen nicht gibt, aber beim Literaturfest Niedersachsen geht es auch um Fiktion. Und so hat Heiko Postma sich in das Genre „Science Fiction“ vertieft, um den Zuhörern die „Geometrie der 4. Dimension“ nahezubringen – mit einer fantastischen Exkursion durch die Zeit.

Da erklärt „Der Zeitreisende“ aus H. G. Wells’ gleichnamigem Roman einer Skeptikerin, wie man durch das Raum-Zeit-Kontinuum reisen kann – und verschwindet tatsächlich mit seiner Maschine, die als Prototyp in die Geschichte der Science-Fiction einging. Die drei Protagonisten stellen aber auch die vatikanische Zeitmaschine von Carl Amery, den „Zeitknick“ von George Alec Effinger oder die Zeitdehnung von Stanislaw Lem vor. Oder sie lassen die Zuhörer sich durch das Wurmloch von Michael Crichton ins Mittelalter katapultieren und die Geschichte manipulieren, indem sie wie in Ward Moores Roman „Der große Süden“ in der Vergangenheit einen Zwischenfall provozieren, der einschlägige Folgen für die Zukunft hat.

„Was wäre, wenn ...“ fragt Heiko Postma, der die Dramaturgie für diese besondere Art der Lesung entworfen hat. Es ist bereits das fünfte Mal, dass er zusammen mit Ruth Meyer und Dietmar Wunder eine solche Performance für das Literaturfest realisierte. Süffisante Klammern und Kommentare, hervorragende Auswahl der Romansequenzen, schräge Musikintermezzi und gekonnte Art des Vortrags machen die Veranstaltung zum Genuss. Und da der Besuch von Kalkriese als historischem Schauplatz der Varusschlacht auch einer Art Zeitreise gleicht, fühlten sich die Sprecher hier besonders gut aufgehoben.