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Kleben, kleben, kleben Wie die Bramscher Familie Seeba ein Papierboot (fast) unsinkbar macht

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 03.08.2012, 06:15 Uhr

Papierboot, das hört sich nach selbst gefaltetem Schiffchen an, das kurz auf einer Pfütze schwimmt. Aber auf Papier und Pappe zwei Kinder 60 Meter über den Hasesee schippern? Geht nicht! Oder doch? Und wenn ja, wie? Ralf Seeba ist Seriensieger der Bramscher Papierbootregatta, mal mit Freunden, mal allein, und er hat uns verraten, wie man Papier zum Schwimmen bringt.

Florian Seeba ist erst 13, aber auf dem Kettcar schon ein Profi. Gekonnt rangiert der Sohn des Hauses das Gefährt mit Anhänger rückwärts in die Einfahrt an der Wörthstraße. Passt! Vater Ralf schaut kurz hin, hat aber offensichtlich keinen Moment Sorge um die wertvolle Fracht – das Siegerboot der diesjährigen Papierbootregatta, das jetzt zugunsten der Bramscher Tafel versteigert werden soll. Man hat eben Routine. Schließlich hat Fabian den drei mal 1,55 Meter großen Katamaran „Papershark“ per Kettcar-Gespann schon heil zur Regatta auf dem Hasesee gebracht. Eine Familie von Profis eben. Mutter Heidi Seeba blickt anerkennend zu „ihren Männern“. Dabei ist „Chefkonstrukteur“ Ralf eigentlich im Einzelhandel tätig. „Aber der kriegt alles wieder fertig“, lobt sie die praktischen Fähigkeiten ihres Ehemannes.

Spaß am Basteln haben die Seebas jedenfalls, und das verbindet sie mit den befreundeten Familien Meyran und Rodefeld. Die ersten Papierbootkonstruktionen entwickelten die „Wöhrdis“, wie sich die Freunde von der Wörthstraße und dem Distelkamp nennen, noch zusammen. Eines Sonntagvormittags im Jahr 2005, die erste Papierbootregatta war gerade angekündigt, fassten die Herren beim Bier einen Entschluss: „Wir machen mit.“ „Was haben wir rumgesponnen, bis in die Nacht rein“, erinnert sich Ralf Seeba. Und dann stundenlang geschnitten, gesägt, geklebt und gepinselt. Die Mühe lohnte sich: Das Containerschiff zeigte sich seefest und sicherte den „Wöhrdis“ den ersten Sieg. 2009 konnte das Team um Käptn Guido Rodefeld den nächsten Sieg einheimsen. Die Römergaleere, passend zum Jubiläumsjahr der Varusschlacht, brachte dem Nachbarschaftsclan neben dem Sieg sogar einen Auftritt bei Pro 7. „Total irre, das war ein toller Tag“, erinnern sich Heidi Seeba.

Bei so viel Erfolg ist es klar, dass die Römergaleere nicht das letzte Boot der Seebas gewesen sein sollte. 2011 begann Ralf Seeba mit dem nächsten Werk, zunächst noch in der Annahme, dass noch im gleichen Jahr eine Regatta stattfinden sollte. Dieses Mal wollte man es allein packen. In dem großen Möbelhaus südlich von Osnabrück, wo der Bootsbauer arbeitet, waren bald alle Kollegen informiert. Seeba brauchte alles an Verpackungsmaterial aus Papier und Pappe, was zu bekommen war. „Ihr müsst für mich sammeln“, hatte er allen mit auf den Weg gegeben. Besonders beliebt – Verpackungswinkel, die den dreieckigen Katamaranrümpfen die Stabilität verleihen sollten. Schicht für Schicht wurde Pappe aufeinandergeklebt. Tapetenkleister haben Ralf und Florian Seeba wohl kiloweise verbraucht. Die Pappe musste Kleister aufsaugen, dann trocknen, dann wieder eine neue Lage drauf, und so weiter, und so weiter. Papierbootbauen ist keine Sache für ein Wochenende. Aber der Erfahrung. Der Kleber für den Rumpf muss wesentlich fester sein als der für die Laminierung, erklärt Seeba. „Dreiecke sin d in sich stabil“, weiß der geübte Modellbauer. Aber sicher ist sicher, und deshalb wird schon mal ein Familienmitglied „Probe sitzen“ verpflichtet. Schlecht, wenn „die Rakete“, wie die Seebas den Rumpf nennen, zusammenbricht. Aber alles hält, und deshalb kommt jetzt die Laminierung dran. „Geht nur mit Original Bramscher Nachrichten“, grinst Ralf Seeba. Schicht für Schicht wird das Zeitungspapier aufgelegt und mit Kleber eingestrichen. „Oft bin ich morgens aufgewacht und habe gedacht: „Machste noch eine drauf“, erinnert er sich. Mindestens zehn Schichten Bramscher Nachrichten und Kleber machen das Boot schließlich so wasserfest, dass auch heute noch kaum etwas vom Einsatz auf dem Hasesee zu sehen ist. Nichts aufgequollen, nichts rissig, zeigt Seeba die intakten Rümpfe der „Papershark“.

Aber mindestens genauso wichtig wie die Laminierung ist die fugenlose und möglichst wasserfeste Verbindung der einzelnen Bootsteile. Schließlich müssen stabile Rollen die „Brücke“ tragen, auf der Fabian Seebas Cousinen Mareike und Wencke Marks die „Papershark“ über den Hasesee „steuern“ sollen. Auch hier hat Seeba eine ebenso umweltfreundliche wie haltbare Lösung – Pappmacheé. „Das geht nur mit aufgefasertem Papier“, erklärt er. Kein anderes nimmt genug Kleister auf. „Einen ganzen Abend habe ich vor dem Fernseher gesessen und Toilettenpapier zerruft.“ Jede noch so kleine Lücke wird zugespachtelt, schließlich bekommt der Hai aus Papier seinen ersten Anstrich. Dann geht es ans Feintuning. „Das Haimaul ist bei Heidi durch den optischen TÜV gekommen“. Sohn Fabian besteht auf einem „Nitroantrieb“. Also wird erneut Pappe gesägt und Schicht für Schicht aufeinandergeklebt, bis die Form einer Flüssiggasflasche entsteht. Aus dem „Motor“ schießen Flammen, Kleenex-Tücher, die angepinselt und zum Trocknen aufgehängt wurden.

„Das ist auch schon die Kunst“, meint Ralf Seeba ganz entspannt. Das Werkzeug hat man im Haus. Eine Säge, Scheren, ein paar Malerutensilien. Ein paar Farbreste waren noch von den Varusstelen übrig, Seebas Bruder spendete den Rest.

„Man könnte das Ganze eigentlich als Bausatz rausgeben“, frotzelt Heidi Seeba. Warum eigentlich nicht? Für die nächste Regatta haben die Seebas jedenfalls keine Ambitionen mehr. „Andere sollen auch mal eine Chance haben, meint Ralf Seeba augenzwinkernd.

Die Papershark ist zu ersteigern unter www.stadtmarketing@bramsche.de . Der Erlös ist für die Bramscher Tafel bestimmt.