Ein Artikel der Redaktion

Gespräch mit Leiter Klaus Dierker Flüchtlingsunterkunft Hesepe im Umbruch

Von Björn Dieckmann | 04.11.2015, 20:21 Uhr

Neue Besen kehren gut: Ein abgegriffenes Sprichwort, das auf Klaus Dierker dennoch passt. Seit drei Wochen erst ist Dierker neuer Leiter der Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber in Hesepe. In dieser Zeit aber hat er schon einiges bewegt. Doch es gibt auch noch viel zu tun.

Ein deutlicher Rückgang der Belegungszahlen, der Abbau der Zeltstadt und Aufbau winterfester Unterkünfte, ein Holz-Container für den Gesundheitsdienst , neue Essensausgabestellen. „Das sieht vielleicht so aus, als sei das Klaus Dierker ganz allein gewesen“, sagt Klaus Dierker, und schränkt gleich ein: „Das stimmt natürlich nicht: Einige Dinge waren bereits angestoßen, als ich hierher gekommen bin. Und alles, was hier geschieht, erfolgt in einer Rücksprache mit der Landesaufnahmebehörde LAB, dem Innenministerium. Und hier vor Ort arbeiten wir im Team. Ich bespreche alles mit den Mitarbeitern, das ist mir sehr wichtig“.

Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet Dierker, was in den vergangenen Wochen in der LAB Hesepe passiert ist – und was noch angepackt werden soll:

Rückgang der Belegungszahlen

„Quasi zeitgleich mit meinem Dienstantritt hier hat Innenminister Pistorius bei den Kommunen Amtshilfe zur Unterbringung von Asylbewerbern beantragt“, blickt Dierker zurück. Diese Maßnahme habe schnell „eine spürbare Entlastung“ für die LAB Hesepe gebracht. „Es pendelt sich nun bei rund 2500 Personen ein, die wir hier untergebracht haben“, nennt Dierker die aktuelle Größenordnung. „2500, das ist sehr viel, aber für uns noch zu handhaben“, sagt er dazu. Die meisten in Hesepe untergebrachten Flüchtlinge stammen derzeit aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan und vom Balkan.

Dass die Zahlen noch weiter sinken, davon geht der neue Leiter kurzfristig nicht aus: „Es ist ja bekannt, dass der Zuzug an Flüchtlingen nach Deutschland weiterhin groß ist.“ In der Spitze seien es wohl schon rund 4500 Asylbewerber gewesen, die in der Erstaufnahme-Einrichtung gelebt haben. „Aber nicht 6000, das ganz bestimmt nicht“, betont Dierker. „Wo diese Zahl herkommt, weiß ich nicht. Vielleicht haben manche die Gesamt-Belegungszahlen in den niedersächsischen Aufnahme-Einrichtungen runtergerechnet – dann haben sie aber nicht berücksichtigt, dass der LAB-Standort Bramsche-Hesepe auch Außenstellen wie beispielsweise in Osnabrück unterhält“, vermutet Dierker. Er betont: „Es sollte niemand glauben, dass die Menschen freiwillig hierhin kommen. Krieg, Bürgerkrieg und Perspektivlosigkeit sind die Fluchtursachen, und gegen diese Ursachen gilt es anzugehen.“

Registrierung der Flüchtlinge

„Wir haben nach und nach ein Delta von rund 1800 nicht registrierten Flüchtlingen abgebaut“, erklärt Dierker. Dies sei eine wesentliche Voraussetzung gewesen, damit die Asylbewerber nach der Erstaufnahme schneller in die Kommunen verteilt und dort untergebracht werden können. „Die derzeitige Aufenthaltsdauer von Familien beispielsweise aus Syrien beträgt vier Wochen, bei Alleinreisenden bei sechs Wochen“, nennt Dierker Zahlen. Um die Registrierung voran zu bringen, seien Polizeibeamte eingesetzt worden, „wir selbst haben Personal dafür aufgestockt“, zudem seien die Systeme landesweit vereinheitlicht worden . „Wir sind heute wieder auf dem Stand, dass die Registrierung unmittelbar nach Ankunft der Flüchtlinge erfolgt. Das ist auch wichtig für eine zügige medizinische Erstuntersuchung – und wir haben tagesaktuell die Belegungszahlen“, unterstreicht Dierker.

Infrastruktur der Einrichtung

„Unser allererstes Ziel nach meinem Dienstantritt war es, die Zeltstadt als Notunterkunft abzubauen und durch winterfeste Unterkünfte zu ersetzen“, so Dierker. Die kleinen Zelte seien nun weg, ein Großzelt ist bereits errichtet, ein zweites ist im Aufbau. „Beide sind beheizt und winterfest – das ist vorerst das Wichtigste“, betont Dierker. Die Zelte seien für jeweils 200 Personen ausgelegt, durch eingezogene Rigips-Wände sei ein gewisses Maß an Privatsphäre gegeben. Auch weitere Container seien bald bezugsfertig. Mittelfristig, so meint Dierker, seien Holz-Ständerhäuser wünschenswert. „Aber ob die errichtet werden, das können wir nicht hier vor Ort entscheiden.“

Zudem sind zwei neue Essensausgaben geschaffen worden. „Das entspannt die Situation und reduziert das Konfliktpotenzial“, so Dierker. Eine weitere Essensausgabe soll noch eingerichtet werden. Die Registrierung der Flüchtlinge soll auf dem Gelände „räumlich entzerrt“, sprich in mehreren unterschiedlichen Gebäuden durchgeführt werden. Auch sollen Kita und Turnhalle auf dem Gelände bald wieder für ihre eigentliche Bestimmung zur Verfügung stehen, nachdem die Räume dort über Monate für Schlafgelegenheiten genutzt werden mussten. Überhaupt soll der soziale Dienst, also die Betreuung der Flüchtlinge noch weiter ausgebaut werden. Aber dafür, sagt Dierker, „braucht es Räume, die wie erst schaffen müssen, und für diese spezielle Aufgabe qualifizierte Mitarbeiter, die wir erst finden müssen.“

Ehrenamtliches Engagement

Sehr angetan ist Klaus Dierker von dem Engagement, das viele Bramscher freiwillig für die Flüchtlinge leisten: „Das ist wirklich toll“, meint der neue LAB-Leiter – nicht zuletzt, nachdem er sich am Dienstagabend mit einigen der in Hesepe aktiven Vereine und Verbände getroffen hat. Auch im Hinblick auf die Ehrenamtlichen sei es wichtig, in der Erstaufnahme-Einrichtung Räumlichkeiten zu schaffen, in denen sie sich mit Flüchtlingen treffen können. „Da sind wir am Ball“, verspricht Dierker. Gleiches gelte für den von der Stadt Bramsche formulierten Wunsch, dass die Landesaufnahmebehörde einen hauptamtlichen Koordinator für das Freiwilligen-Engagement in Hesepe einstellen soll. „Wir haben das hier vor Ort in unserem Team bereits diskutiert und eine Lösungsmöglichkeit skizziert, die wir nun der Behördenleitung in Braunschweig vorstellen werden“, erklärt Dierker. Einstweilen stehe er selbst als Ansprechpartner zur Verfügung.

Perspektiven des neuen Leiters

Dierker betont, er habe die Aufgabe in Hesepe nur vorübergehend übernommen: „Ursprünglich gehörte ich nur zu dem Team der Polizei, dass die Registrierung der Flüchtlinge neu aufstellen sollte“, so Dierker. Dann habe er die Leitung der Erstaufnahme-Einrichtung angetragen bekommen, nachdem ein anderer Kandidat für die Nachfolge von Conrad Bramm kurzfristig abgesagt hatte. „Ich gehe davon aus, dass ich ab Mitte Januar wieder meiner eigentlichen Tätigkeit als Polizeibeamter nachgehen werde. Die Leitung der Erstaufnahme-Einrichtung ist jetzt ausgeschrieben worden“, berichtet Dierker. Trotz des überschaubaren Zeitraums sei es ihm wichtig, in Kontakt zu kommen mit den Hesepern und Bramschern. „In dieser Woche treffe ich mich noch mit Anliegern der Heseper Hauptstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zur LAB. Und bei der Stadtrats-Sitzung am 19. November, zu der Innenminister Pistorius eingeladen ist, werde auch ich da sein“, kündigt Dierker an.