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Gedenkstein, Schriftzug, Straßenschild „Wir si ei Vol“ – Buchstäbliche Kuriositäten in Bramsche

Von Johannes Kapitza | 16.09.2011, 06:59 Uhr

Für Anhänger der Fernseh-Spielshow „Glücksrad“ bietet Bramsche ein gutes Pflaster: Kaffee- und Küchenmaschinen gibt es zwar nicht zu gewinnen, aber für alle, die gerne mit Buchstaben rätseln, bieten sich einige Herausforderungen.

„Wir si ei Vol“, heißt es beispielsweise an der Hauptschule. Dort hat die CDU einst einen Gedenkstein anlässlich der Wiedervereinigung aufstellen lassen. Nicht nur dem Satz „Wir sind ein Volk“ sind Buchstaben abhanden gekommen, sondern auch dem Datum: In welchem Jahrhundert die deutsch-deutsche Einheit geschaffen wurde, werden sich nachfolgende Generationen angesichts der Jahreszahl „1_90“ gut merken müssen. Denn „aktuell gibt es keinen Restaurationsauftrag der CDU“, sagt Imke Märkl. Der Stein sei zwar „auf jeden Fall ein Dauerthema“, berichtet die CDU-Fraktionsvorsitzende im Bramscher Ortsrat. Die Christdemokraten seien schon von Bürgern angesprochen worden und hätten das Malheur „zur Kenntnis genommen“.

Dass der Stein dennoch nicht instand gesetzt wird, liegt nicht am fehlenden guten Willen, sondern daran, dass „wir die entstehenden Kosten nicht auf Dauer tragen können“. Eine Reparatur sei nicht vor Ort möglich, sondern nur in einer Werkstatt. Es wäre vermutlich eine Sisyphosarbeit, denn „der Stein ist insgesamt schon dreimal restauriert worden“. Und die Buchstaben seien danach nicht nur beim Klettern abgetreten, sondern auch schon „professionell abgesägt“ worden, berichtet Märkl.

Den Kampf gegen Sisyphos hat Hubert Hoffmann, Geschäftsführer des Idingshof-Betreibers Hoffmann Hotel Consult, immer wieder aufnehmen müssen. Dem Schriftzug des Hotels an der Malgartener Straße gingen jedes Jahr „mindestens zehn Buchstaben verloren und tauchen nie wieder auf“. Um einen guten Eindruck bei den Gästen zu wahren, musste jeder verschwundene Buchstabe ersetzt werden. „Wir konnten da ja keine Lücke stehen lassen“, sagt Hoffmann.

Jede verschwundene Plastik-Letter habe einen „Riesenaufwand“ bedeutet. Auf 600 bis 1000 Euro pro Jahr beziffert er die Kosten für die Erneuerung. Zum finanziellen Schaden sei noch eine Lieferzeit von bis zu anderthalb Wochen hinzugekommen, bis der Schriftzug wieder komplett war. Einen Vorrat konnte Hoffmann nicht gezielt anlegen: Die Buchstaben seien „wahllos“ verschwunden, das „I“ vom Idingshof „in den vergangenen zwei Jahren nur einmal, die anderen Buchstaben regelmäßiger“. Wenn es schon bei der Beute kein Muster gab, so hatten zumindest die Zeitpunkte der Verluste „immer zum Anfang und Ende eines Schulhalbjahres“ ein System. Hoffmann hat aus dem Buchstaben-Klau Konsequenzen gezogen: Seit etwa vier Wochen ist eine Platte mit aufgedrucktem Schriftzug angebracht worden.

Ein anderes buchstäbliches Phänomen ergibt sich bei einem Ortsschild an der Osnabrücker Straße. Dort ist das „e“ des Wortes „Bramsche“ eine Nummer kleiner als der Rest des Namens. Aber es handelt sich nicht um einen verschwundenen Buchstaben, der notdürftig ersetzt worden wäre, wie Stadtsprecherin Dagmar Paschen auf Anfrage sagt. „Wir können uns das nicht erklären“, heißt es aus dem Rathaus. Weder im Fachbereich Ordnungswesen und Bürgerservice, der die Standorte von Verkehrszeichen festlegt und die Schilder bestellt, noch im Bauhof, der für das Aufstellen zuständig ist, sei das Schild auffällig geworden.

Zudem sei die reflektierende Schutzfolie nicht abgekratzt, gibt Paschen zu bedenken. „Das Schild sieht nicht beschädigt aus.“ Das spreche dafür, dass die unterschiedlichen Schriftgrößen schon seit geraumer Zeit nebeneinander existieren. Warum dieser auch für die Stadt „kuriose Fall“ zuvor noch nicht aktenkundig geworden sei, kann sich Paschen auch aus eigener Erfahrung nur mit der Macht der Gewohnheit erklären: „Man fährt tagtäglich daran vorbei, und dann fällt es einem nicht so auf.“

Der Bauhof werde sich in Kürze darum kümmern, dass die Schrift angeglichen wird, sagt die Stadtsprecherin – frei nach dem geflügelten Glücksrad-Satz „Ich kaufe ein e“. Dafür gibt es dann zwar keine Kaffeemaschine, aber es dürfte ein Gewinn für den Gesamteindruck sein. Wenn auch vielleicht erst auf den zweiten Blick.