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Formulare, Formulare, Formulare Friedrich Kühnel sorgt seit 25 Jahren ehrenamtlich für Durchblick in Rentenfragen der Bramscher Bürger

Von Julia Kuhlmann | 09.09.2011, 11:53 Uhr

Bei Friedrich Kühnel geht es an diesem Morgen zu wie im Taubenschlag. Kaum ist der eine weg, klingelt der Nächste schon an der Tür. Seit 25 Jahren ist Friedrich Kühnel im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung als Berater tätig – rein ehrenamtlich. Was anderen die Haare zu Berge stehen lässt, fordert Kühnels Ehrgeiz erst richtig raus: Formulare, Formulare, Formulare!

„Die Menschen sollen die Rente bekommen, die ihnen zusteht, dafür haben sie ja die Beiträge eingezahlt“, sagt Kühnel. Seit einem Vierteljahrhundert geben sich die Menschen bei ihm zu Hause die Klinke in die Hand, weil sie mit dem Papierkram, der mit der Klärung von Rentenfragen verbunden ist, nicht alleine zurechtkommen. Außerdem hält Kühnel Sprechstunden im Bramscher Rathaus und im Rathaus von Neuenkirchen-Vörden, wo regelmäßig großer Andrang vor dem Büro herrscht, in das Kühnel für die Sprechstunde einzieht.

Warum er sich diese ganze Arbeit freiwillig und ehrenamtlich aufhalst? „Ich will den Menschen helfen“, sagt Kühnel. Aufgrund seiner Tätigkeit in führender Position bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) war er einst gefragt worden, ob er als ehrenamtlicher Berater für die Rentenversicherung agieren würde. Er sagte zu und blieb dabei, auch als er vor neun Jahren selbst in Frührente ging.

„Jeder Fall ist anders“, sagt er und darf von sich selbst mit Fug und Recht behaupten, dass er das Leben von vielen Seiten kennenlernt. Bei der Klärung von Rentenangelegenheiten geraten nämlich Menschen aller Couleur an ihre Grenzen. Kühnel hat den Durchblick, auch wenn sich die Bestimmungen ständig verändern. Regelmäßige Schulungen gehören für den Versichertenberater daher zum festen Programm. Altersrente in zig Varianten, Erwerbsminderungsrente und Renten für Hinterbliebene, dazu die schier unüberblickbare Zahl an Zusatzversorgungen – auch Friedrich Kühnel muss in jedem Fall neu recherchieren.

69 Seiten Papier hat er eben für eine Witwe mit drei Halbwaisen ausgefüllt. Ein „normaler Rentner“ braucht immerhin 23 Seiten. Oft sitzen Menschen vor dem Versichertenberater, in deren Leben sich gerade etwas Gravierendes verändert hat. Da kommt es nicht selten vor, dass auch die Familien-, Berufs- und Lebensgeschichte mit auf den Tisch kommt. Kühnel könnte Bücher schreiben – wird er aber nie tun, denn alles, was zwischen ihm und den Versicherten besprochen wird, unterliegt der Schweigepflicht. Wenn es darum geht, für seine Klienten Unklarheiten zu beseitigen, legt Kühnel eine Hartnäckigkeit an den Tag, die für Menschen, die es mit Formularen nicht so haben, zutiefst beeindruckend ist.

Wenn es die Versicherten selbst nicht leisten können, ruft er sonst wo an, um an die Informationen zu kommen, die benötigt werden, damit das Rentenkonto lückenlos dokumentiert werden kann. Fehlende Dokumente über Schul- und Berufsabschlüsse, eine Diagnose zur Begründung der Erwerbsminderung und vieles mehr – Kühnel bleibt dran. „Ist doch interessant, nicht?“, pflegt er gerne zu sagen, wenn es ihm mal wieder gelungen ist, ein Fragezeichen zu beseitigen. „Aber die Leute müssen schon mithelfen“, nimmt er die Versicherten auch selbst in die Pflicht. Dokument beim Umzug verschwunden, verbrannt, einfach so weg – das heißt für Kühnel erst mal gar nichts. „Es gibt fast immer Möglichkeiten, noch etwas nachträglich zu dokumentieren, und wenn es eine Zeugenaussage ist“, sagt er.

Dafür, dass viele bei ihm Rat suchen, hat er tiefstes Verständnis. „Das versteht doch keiner.“ Was er sehr preist: Das Computerprogramm der Rentenversicherung gibt ihm heutzutage – je nach Fall – die passenden Formulare vor. Alle Individualitäten, die das Leben allerdings so mit sich bringt, kann selbst das beste Computerprogramm nicht abbilden, und so bleibt genug kniffelige Recherche- und Handarbeit für den Versichertenberater. Hier und da muss aber auch der passen. „Fragen zu Steuern kann ich nicht beantworten“, sagt Kühnel, „und jede einzelne Betriebsrente und Zusatzversorgung kann ich auch nicht kennen.“

Es klingelt an der Tür. Der nächste Ratsuchende ist einfach mal 15 Minuten früher gekommen. Immerhin konnte der ältere Herr selbstständig nach Lappenstuhl kommen. Manchmal gibt es auch das Problem, dass jemand nicht in der Lage ist, selbst zu kommen und niemanden hat, der ihm helfen kann.

Klagen ist nicht sein Ding

In Neuenkirchen-Vörden hat Kühnel gute Erfahrung mit dem Service gemacht, den die Bürgerstiftung dort für ähnliche Fälle eingerichtet hat: Es findet sich jemand, der den Ratsuchenden fährt. Aber etwas zu beklagen ist Kühnels Ding nicht. Den Schwerbehinderten wird er selbst abholen und auch wieder nach Hause bringen.

Was den Versichertenberater etwas nachdenklich macht: In der jüngeren Vergangenheit mehren sich die Anfragen von Menschen, die wissen wollen, wann sie frühestens aus dem Berufsleben aussteigen können, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Das zumindest war vor 25 Jahren noch ganz anders.