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Flüchtlingshelfer berichteten Info-Abend in Bramsche: Die Lage der Flüchtlinge auf Lesbos

Von Holger Schulze, Holger Schulze | 19.02.2017, 17:18 Uhr

Mit dem Titel „Die Folgen der Europäischen Abschottungspolitik für Geflüchtete auf der Insel Lesbos“ war am Samstagabend eine Infoveranstaltung im Bramscher Rathaus überschrieben.

Theresa Heller und Valeria Hänsel, zwei junge Frauen, die als freiwillige Helferinnen auf Lesbos tätig waren, ließen das Publikum an ihren Erfahrungen teilhaben. Unterstützt wurden sie dabei von Paul Krause, der sich ebenfalls bereits mehrfach an den Außengrenzen von Europa im humanitären Einsatz befand.

Maria Stuckenberg, die Ehrenamtskoordinatorin von Bramsche, begrüßte die Zuhörer, und teilte ihre Freude mit „ über die Erfahrungsberichte der jungen Leute, die dort sind, wo geflüchtete Menschen gestrandet sind.“ Auf die Dinge aufmerksam machen, die sich verändern müssen, sei ein Schwerpunkt des heutigen Abends, führte Paul Krause in die Informationsveranstaltung ein. Dazu schilderte er in einem Kurzüberblick die Fluchtwege im September 2015 nach Errichtung des ungarischen Grenzzaunes. Ferner zeichnete er die Entwicklungen mit dem „EU-Türkei-Deal“ bis hin zum aktuellen Zehn-Punkte-Plan unter Einbeziehung von nordafrikanischen Staaten nach.

Bis zu einem Jahr Wartezeit

Valeria Hänsel berichtete im Anschluss hieran von der Situation auf Lesbos. Diese Insel wird von Frontex, der Nato, freiwilligen Seenotrettern sowie der griechischen und türkischen Küstenwache umfahren. Die Fliehenden werden im Migrations-Hotspot registriert. Dort müssen die Flüchtlinge bis zu inzwischen einem Jahr verharren. Der Schutz der Außengrenzen ist jedoch unverändert das Hauptziel der EU. Durch den EU-Türkei-Deal wurde der Flüchtlingsstrom ganz erheblich reduziert. „Ende gut, alles gut“ kommentierte Thomas de Maizière die „Erledigung der Balkanroute“, wie Valeria Hänsel berichtete. Mit einem Live-Video dokumentierte sie, wie die türkische Küstenwache ihrem Abschottungsauftrag nachkommt. Mit Wasserwerfern werden die Flüchtlingsboote bekämpft oder zum Kentern gebracht.

Drei Hauptlager

Wer es dennoch nach Lesbos schafft, wird in drei Hauptlagern untergebracht. Absolute Überbelegung, dreistündiges Anstehen für eine Mahlzeit, nur stundenweise warmes Wasser, Erfrieren in Europa weil Container fehlen, Gewalt und Brände, all dies seien in den Lagern existierende Zustände, schilderte Valeria Hänsel als Augenzeugin.

Ganz persönliche Erfahrungen in Bezug auf die teilweise angenommene Kriminalisierung von Flüchtlingen stellte anschließend Theresa Heller dar. Ihr Freund fiel den Behörden auf Lesbos als „Troublemaker“ auf. Er organisierte etliche Proteste und wurde bei einer dieser Demonstrationen verhaftet. Als Alternative zum bis zu zwei Jahre dauernden Gefängnisaufenthalt wird diesen Inhaftierten dann die sogenannte freiwillige Rückkehr in das Heimatland oder die Beantragung von Asyl nahegelegt. Auf die Ablehnung folge dann die Abschiebung in einer Nacht- und Nebelaktion. Der auf eine unbekannte Dauer angelegte Gefängnisaufenthalt hätte ihren Freund, der sich zuvor in vielfältig aktiver Weise für seine Mitflüchtlinge eingesetzt hatte, zerbrochen, schloss Theresa Heller ihren bewegenden Bericht ab.

Inoffizielle Anlaufpunkte

Der Informationsteil des Abends endete mit einer Darstellung der Arbeit der „No-Border-Kitchen“ auf Lesbos. Mit diesem Freiwilligenprojekt wird versucht, außerhalb der Lager einen Anlaufpunkt für Flüchtlinge zu schaffen, in dem sie frostsicher übernachten können, warme Mahlzeiten und Kleidung erhalten sowie etwas soziale Abwechslung und menschliche Anteilnahme außerhalb des Lageralltags erfahren.

„Was können wir tun“, lautete die Fragestellung im zweiten Teil der Veranstaltung.

Dabei wurde unter Beteiligung des Publikums mehrere Punkte herausgearbeitet. Einer davon behandelte die Betroffenheit bei den Flüchtlingen, die aufgrund ihrer ungeklärten Aufenthaltssituation in die ausschließliche Nehmerrolle gedrängt werden, anstelle zum Beispiel durch das Angebot ihrer Arbeitskraft auch etwas geben zu dürfen.

Ferner wurde darauf hingewiesen, dass die Abschiebungspraxis nicht selten dem geltenden Recht widerspreche. Wer das Privileg habe, über private Kontakte diese Praxis durch einen Anwalt gerichtlich klären zu lassen, werde oft vor den Verwaltungsgerichten Recht erhalten.

Auf das Beispiel aus den USA hinweisend, in denen sich große Städte zu einem anderen Umgang mit Migranten entschlossen hatten, als es den Vorstellungen der Landesregierung entsprach, wurden ferner halboffizielle Vorgehensweisen geschildert, die auch bei uns schon existieren und so nicht aufenthaltsberechtigten Flüchtlingen eine medizinische Versorgung oder deren Kindern eine Beschulung ermöglichen.

Welche Möglichkeiten in Bramsche eventuell existieren, um aufgrund von eigener Betroffenheit über den inhumanen Umgang mit Flüchtlingen die gegenwärtige Situation positiv zu beeinflussen, soll in einem weiteren Treffen näher ausgelotet werden.