Ein Artikel der Redaktion

Flüchtlinge und Sozialberatung Arbeitsintensives Jahr 2015 für Bramscher Diakonie

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 03.03.2016, 20:04 Uhr

Das Jahr 2015 war eines der arbeitsintensivsten der jüngeren Vergangenheit für die Diakonie im Kirchenkreis Besonders die fast bis Ende des Jahres stetig steigenden Flüchtlingszahlen stellten die Mitarbeitenden vor ungeahnte Herausforderungen.

„Flüchtlingsarbeit - eine besondere Herausforderung“ heißt es im Jahresbericht der Diakonie, den Kirchenkreissozialarbeiterin Natalia Gerdes jetzt vorstellte. „Am 2. Februar wurden wir von der LAB angerufen. Umgehend haben wir ehrenamtliche Helfer zusammengetrommelt. Bislang gehörte die Hilfe für Flüchtlinge nicht zu unseren Aufgaben, aber wir haben uns engagiert getreu dem Motto ‘Diakonie ist dort, wo Menschen in Not sind“, schildert Gerdes den Start in diesen neuen Arbeitsbereich. Da die Aufgaben mit Ehrenamtlichen allein nicht mehr zu stemmen waren, wurde das professionelle Team der Diakonie im Laufe des Jahres kontinuierlich erweitert. Die Stelle der Projektverantwortlichen wurde mit Mitteln aus Rücklagen des Kirchenkreises von anfangs sechs Stunden zunächst auf eine halbe, dann auf eine volle Stelle aufgestockt. Seit September finanziert die Landeskirche Hannover eine weitere Stelle für die Flüchtlingsarbeit.

In der Zwischenzeit wurden die klassischen Aufgaben der Diakonie, die allgemeine Sozialberatung, die Schuldner- und Insolvenzberatung und die Präventionsprojekte, nicht weniger, . Wir haben intern immer wieder umstrukturiert, aber wir haben es geschafft“, berichtet Gerdes von den Bemühungen „aus Chaos Strukturen zu schaffen oder aus einem Meer von blauen Säcken einen geordneten Laden,“ die Kleiderkammer in der LAB. 

„Wenn es Alltag ist, wird es schwierig“

Mittlerweile sind die Belegungszahlen in Hesepe stark zurückgegangen. Für die Diakonie-Mitarbeiter ist das allerdings kein Grund auszuruhen. „Jetzt gilt es, Aufgebautes zu halten“, sagt Gerdes und ergänzt: „Wenn es Alltag ist, wird es schwierig“. Deshalb bemüht man sich inzwischen verstärkt, die inzwischen 82 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer zu schulen, wobei es durchaus unterschiedliche Erwartungen gibt. Einem Ehrenamtlichen geht es um die Vermittlung von Sprachkenntnissen, dem Anderen um Einblicke in fremde Kulturen, wieder andere wollen lernen, Grenzen zu setzen, gegenüber anderen aber auch für sich selbst. „Man braucht Hilfe, um helfen zu können“, fasst Gerdes zusammen.

Auch „klassische“ Leistungen stärker nachgefragt

Parallel zur Entwicklung dieses neuen Arbeitsfeldes wurden in 2015 auch die „klassischen“ Leistungen der Diakonie-Mitarbeiterin in stark zunehmendem Maße nachgefragt. 398 Klienten nahmen an den Standorten Bramsche, Bohmte, Fürstenau und Quakenbrück die allgemeine Sozialberatung in Anspruch. Im Vorjahr waren es „nur“ 303. Quakenbrück sticht hier mit einem Zuwachs von 43 auf 89 Klienten besonders hervor, die Samtgemeinde Artland weißt den höchsten Anteil verschuldeter Personen im gesamten Landkreis auf. Firmeninsolvenzen seien hier als Gründe zu nennen aber auch ein geringes Bildungsniveau beziehungsweise kulturelle Hintergründe. Die Quakenbrücker Neustadt mit ihrem hohen Anteil an griechischen Muslimen zählt seit Langem zu den sozialen Problemgebieten im Nordkreis. Diese Bevölkerungsgruppe sei auch nur schwer von den ehrenamtlichen Soziallotsen zu erreichen, die ansonsten in fast allen Gemeinden des Kirchenkreises im Einsatz sind, räumt Gerdes ein.

Soziallotsen als „Familienhelfer gegen Armut“

51 Soziale Lotsen leisten inzwischen ehrenamtlich als „Familienhelfer gegen Armut“ eine bewährte Form der dezentralen aufsuchenden Sozialarbeit. Ein Besuch bei den Ratsuchenden im häuslichen Bereich bringe in der Regel viele Informationen, die eine zielgerichtetere Unterstützung ermöglichten, so Gerdes. Geht es darum,Wohnraum für Sozialschwache zu finden, stoßen allerdings auch die Soziallotsen oft an ihre Grenzen. „Menschen, für die wir tätig sind, haben nicht unbedingt eine gute Lobby“, stellte die Kirchenkreissozialarbeiterin fest. „Es ist sehr schwer, für eine alleinerziehende Frau mit sieben Kindern, die sehr lebendig sind, eine Wohnung zu finden. Oder für einen alten Mann, der im Ort als alter Alkoholiker gilt. Oder für eine Frau, deren Sohn im Gefängnis ist und nach der Entlassung wieder zu seiner Mutter ziehen will“. In diesen Fällen versuchten die Soziallotsen, Vorurteile abzubauen und die Hilfesuchenden zu ermutigen, nicht aufzugeben. „Sie sind quasi unser verlängerter Arm“ im Bemühen, Menschen nachhaltig anzuleiten, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, sagt Gerdes.

„Die Normalität ist sehr kompliziert geworden“

In 343 Fällen mussten die Mitarbeitenden der Diakonie in der Schuldnerberatung aktiv werden. Die Ratsuchenden würden allerdings kaum durch luxuriöse Ansprüche in die Überschuldung getrieben, sondern durch Dinge wie Miete, Strom, Rundfunkgebühren, Versicherungen oder öffentliche Abgaben. „Die Menschen schaffen es nicht, zu halten, was früher normal war, weil die Normalität sehr kompliziert geworden ist und ein besonderes Bildungsniveau verlangt“, schildert die Sozialarbeiterin die Abwärtsspirale aus nicht verstandenen oder nicht rechtzeitig gekündigten Verträgen, versäumten Anträgen, nicht gezahlten Rechnungen und hoher Zinsbelastung. „Der Beratungskontext wird immer umfangreicher und der Bedarf an Beratung steigt“, fasste sie zusammen. Allerdings, und das verhehlt Gerdes auch nicht, „sobald sich die aktuelle Situation gebessert hat, nehmen viele Menschen vereinbarte Beratungstermine nicht mehr wahr.“

Die Diakonie setzt dessen ungeachtet weiter auf Nachhaltigkeit. Kurse zum Umgang mit dem Taschengeld gibt es bereits für Kindergartenkinder. In der Grundschule wird über den Umgang mit dem Handy gesprochen und in den weiterführenden Schulen über die Vermeidung von Schulden durch die Internetnutzung.