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Erwin Voss zu Besuch Jude auf den Spuren seiner Bramscher Vergangenheit

Von Heiner Beinke | 17.12.2015, 17:54 Uhr

Das Wohnhaus, die Tanzpartnerin von einst, der Schulkamerad: Auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelte Erwin Hermann Voss am Donnerstag in „Ich habe schlechte Erinnerungen an die Nazizeit, aber nicht an Bramsche“, betonte der 85-Jährige Jude, der 1937 als siebenjähriger Junge mit seinen Eltern von Bramsche nach Argentinien ausgewandert ist.

Alte Bilder

Es ist nicht das erste Mal, dass Voss Bramsche nach Kriegsende besucht. Bereits im Jahr 1957 hatte er hier seinen alten Freund aus Kindheitstagen, Friedrich Wilhelm Wermeyer, genannt „Büb“, besucht und war direkt zu einer Hochzeit in der Familie eingeladen worden. Die Erinnerung daran stand beim Besuch am Donnerstag im Vordergrund, denn am Otterkamp trifft Voss eine Tanzpartnerin von damals wieder: Gertrud Torlage hat für Erwin Voss und seine Frau Hebe Bilder von der Feier herausgesucht. Eines zeigt Voss in jungen Jahren.

Weniger vertraut kommt dem Besucher aus Buenos Aires fast nebenan das Haus Otterkamp 7 vor, in dem die Familie des Viehhändlers Ernst vor der Auswanderung gewohnt hat. „An den Garten kann ich mich erinnern, aber der war früher größer“, sagt Voss und fügt hinzu: „Bramsche hat sich sehr verändert“.

Ein Blick auf die Meyerhofschule, die er zwei Jahre lang besucht hat, und ein Bummel durch die Große Straße sind weitere Stationen. An die Lehrer kann Voss sich auch nicht erinnern, wohl aber daran, dass es unter den Kindern in den ersten Jahren der Nazizeit keine Unterschiede gab: „Wir als Juden waren dieselben wie jedermann“. Als der Vater dann gesagt habe, die Familie gehe nach Südamerika habe er nicht gewusst warum. Erwin Voss erzählt das in einem Deutsch, dem man nicht anmerkt, dass er es seit Jahrzehnten nicht gebraucht hat: „Mit meinen Eltern habe ich noch Deutsch gesprochen, danach höchstens noch mit Kunden“.

Empfang im Rathaus

Am Nachmittag beim Empfang im Rathaus kommt Voss ins Gespräch mit Heinz Aulfes. Der ging in die dritte Klasse, als der kleine Erwin eingeschult wurde. „Das ist schon ein besonderes Gefühl“, findet Aulfes. Ein Thema ist dabei auch die neue Heimat von Erwin Voss. Unter Juan Peron seien viele ehemalige Nazis nach Argentinien, vor allem nach Patagonien, gekommen. Es habe zwei deutschsprachige Zeitungen gegeben: Die „Freie Presse“, die die alten Nazis lasen, und das demokratische „Tageblatt“, das die „guten Deutschen“ lasen.

Buchvorstellung

Der späte Besuch in der alten Heimat ist von Dieter Przygode initiiert worden, der Voss bei seinem Recherchen über das Schicksal der Bramscher Juden in Buenos Aires besucht hat . Daraus ist das Buch „Von Bramsche nach Buenos Aires“ entstanden, das am Donnerstag, 17. Dezember, ab 19 Uhr in der Kornmühle vorgestellt wird.