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Dragan Mischewski berichtet Hesepe: Warum ein Serbe sein Land verlassen hat

Von Sascha Knapek | 09.02.2017, 18:31 Uhr

Der Serbe Dragan Mischewski hat in Deutschland Asyl beantragt. Derzeit lebt er in Hesepe. Sein größtes Problem ist die Tatsache, dass er aus einem Land kommt, das die Bundesregierung als sicher einstuft. Mischewskis Geschichte ist keine alltägliche.

Vor fast genau einem Jahr hat Dragan Mischewski sich mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in einen Mini-Bus gesetzt und ist aus seinem Heimatland Serbien nach Deutschland geflohen. Der 49-Jährige fühlte sich in Serbien nicht mehr sicher und hoffte auf Asyl in Deutschland. Diese Hoffnung hat Mischewski immer noch, aber die vergangenen zwölf Monate haben ihm und seiner Familie gezeigt, was es bedeuten kann, aus einem sogenannten sicheren Herkunftsstaat zu kommen.

„Der Antrag von Herrn Mischewski wurde Mitte letzten Jahres als offensichtlich unbegründet abgelehnt. Dagegen hat Herr Mischweski Klage beim Verwaltungsgericht Stade eingereicht. Der Eilantrag wurde vom Gericht jedoch abgelehnt. Damit hat das Klageverfahren keine aufschiebende Wirkung und Herr Mischweski ist ausreisepflichtig. Das Klageverfahren ist weiterhin beim Gericht anhängig“, teilt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) auf Anfrage mit.

Tätig für Nichtregierungsorganisation

Die Gründe, warum Dragan Mischewski und seine Familie aus Serbien fliehen mussten, haben laut dessen Angaben mit seinem Beruf zu tun. Der Serbe arbeitete als eine Mischung aus Theaterregisseur und Sozialarbeiter für die Nichtregierungsorganisation „Aps Art“. Mischewski war dort Teil eines dreiköpfigen Teams, das versuchte, Ex-Häftlingen und Drogenabhängigen den Weg zurück in ein normales Leben zu erleichtern.

Mischewski Aktivitäten stießen laut seinen Angaben vor allem bei der örtlichen organisierten Kriminalität auf Missfallen. „Ich wurde von Drogenhändlern, die gute Verbindungen in die serbische Politik haben, bedroht und attackiert“, erzählt der aus einem Belgrader Vorort stammende Mann, über dessen Arbeit in Serbien auch schon Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelaufen sind.

Vor allem nachdem er ein Buch über den Alltag in serbischen Gefängnissen veröffentlicht habe und er zu den Köpfen einer Initiative gehörte, die versuchen wollte, die Haftbedingungen in Serbien zu verbessern, sei seine Sicherheit in Gefahr gewesen. Neben den Bedrohungen sei „Aps Art“ aus deren Büroräumen geworfen worden und es habe keine Auftrittsmöglichkeiten mehr für die Theatergruppe gegeben, erzählt Mischewski.

Von Kriminellen attackiert

Als dann nicht nur der 49-Jährige und seine Frau Lepa von den Kriminellen attackiert und eingeschüchtert worden seien, sondern man den Vater und seine vierjährige Tochter Theodora auch auf dem Weg zum Kindergarten belästigt habe, sei endgültig der Entschluss gereift , Serbien zu verlassen, so Mischewski. „Von unserem ehemaligen Theater-Team ist keiner mehr in Serbien. Einer ist nach London geflohen, einer nach Schweden und ich nach Deutschland“, weist der Familienvater darauf hin, dass nicht nur er sich in Serbien nicht mehr sicher fühlt.

„Ich bin hierher gekommen, um meine Familie in Sicherheit zu bringen. Serbien liebe ich, aber ich habe dort Angst um meine Familie“, fasst Mischewski den Kern seines bereits abgelehnten Asylantrags zusammen. Von den deutschen Behörden fühlt er sich im Stich gelassen: „Niemand nimmt unser Anliegen ernst. Die sehen nur, dass wir aus Serbien kommen und damit ist die Sache erledigt.“

Psychische Errkankung

Warum die Mischewskis überhaupt noch in Deutschland sind, hängt mit einer Erkrankung des Familienvaters zusammen. Dieser wurde in den 1990er-Jahren in den Jugoslawienkrieg eingezogen und leidet seitdem an posttraumatischen Belastungsstörungen. „In Serbien hatte ich die Krankheit über die Jahre einigermaßen in den Griff bekommen. Aber als wir in die Flüchtlingsunterkunft in Bad Fallingbostel verlegt wurden, und dort in der Nähe Militärübungen stattfanden, kam alles wieder hoch“, erinnert sich Mischewski, der nach Aufenthalten in Bremen, Soltau und Bad Fallingbostel mittlerweile wieder in Hesepe ist.

Der Serbe möchte dabei nicht unbedingt in Deutschland bleiben. Nach seinem Antrag auf Asyl bleibt ihm aber keine andere Möglichkeit als entweder die Rückkehr in seine Heimat oder in Deutschland die Hoffnung nicht aufzugeben. „Ich würde sofort in ein anderes Land gehen. Frankreich, England, egal wohin. Aber als Asylbewerber hat man uns die Pässe abgenommen“, erklärt der Familienvater.

Kontakt zu unserer Redaktion hat Mischewski durch den Bramscher Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Dr. med. Wolfgang Kranzusch, aufgenommen. Der Serbe befreite den Mediziner schriftlich von dessen Schweigepflicht und bat darum, den Kontakt herzustellen. Kranzusch hält Mischewskis Aussagen für glaubwürdig und die aktuelle Verfassung seines Patienten für problematisch. „Herr Mischewski leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und befindet sich in einem dauerhaften Stresszustand“, erklärt Kranzusch. In einem Schreiben an die Ausländerbehörde, das unserer Redaktion vorliegt, präzisierte der Psychotherapeut: „Es besteht eine schwere depressive Episode mit latenter Suizidalität.“

Besonders Transporte oder die Abschiebung bergen für Dragan Mischewski große gesundheitliche Risiken, so Kranzusch. Die gesundheitlichen Probleme des 49-Jährigen könne man behandeln, allerdings brauche es dafür Zeit und eine sichere Umgebung, erklärt der Facharzt. „Was ich mir für Herrn Mischewski und seine liebens- und schutzwürdige Familie am meisten wünsche, ist Sicherheit“, so Kranzusch abschließend.