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Dieter Przygode besucht Erwin Voss in Argentinien Vor 74 Jahren aus Bramsche ausgewandert:Auf den Spuren einer jüdischen Familie

Von Dieter Przygode | 29.06.2011, 15:24 Uhr

Vor 74 Jahren hat die Familie Voss aus Bramsche die Strapazen einer dreiwöchigen Schiffsreise auf sich genommen. Sie waren Juden und mussten vor den Nazis fliehen. Heute bin ich es, begleitet von meinem Freund Peter Krehenbrink, der nach Buenos Aires reist.

Von Erwin Voss werden wir in seinem Optikgeschäft wenige Häuserblocks von unserem Hotel, das direkt an der 20-spurigen Avenida 9 de Julio inmitten von Buenos Aires liegt, freudig begrüßt. Wir nehmen sein Angebot, uns die Stadt zu zeigen, gerne an. Am Abend sind wir bei ihm und seiner Frau Hebe in ihrem Appartement im 27. Stock eines luxuriösen Hochhauses zum Essen eingeladen. Der Portier lässt uns erst durch, nachdem er sich versichert hat, dass wir willkommen sind. Der Empfang ist äußerst herzlich. Erwin Voss hat noch ein paar Freunde eingeladen, denen er uns vorstellt. Mitgebracht haben wir ihm einen Zinnteller der Stadt Bramsche und ein Fotoalbum mit persönlichen Fotos aus Bramsche, die seine Freunde aus Kindertagen und die Orte, an denen er mit seiner Familie gelebt hat, damals und heute, zeigen, was ihn anzurühren scheint.

Es wird ein Abend mit interessanten Gesprächen und einem exzellenten Essen. Der Ausblick ist traumhaft auf die Lichter der Stadt und das neue, elegante Hafenviertel Madero. Am nächsten Morgen holt uns Erwin Voss mit dem Auto ab. Unser Ziel ist das über 300 Kilometer entfernte Basavilbaso in der Provinz Entre Rios nördlich von Buenos Aires nicht weit von der Grenze zu Uruguay. Uns begleitet Diego, Erwin Voss’ Assistent. Voss lenkt den PS-starken Jaguar mit großer Sicherheit durch den mehrspurigen Verkehr aus der Stadt.

„Nach über 35 Jahren bin ich das erste Mal wieder hier“, erklärt uns Erwin in Basavilbaso. Wir treffen Juan, unseren Guide für die Geschichte „Basa’s“, wie der Ort von den Einheimischen genannt wird. Er führt uns zunächst zum Bahnhof der heute 9000 Einwohner zählenden Stadt. „Ich erinnere mich, dass auf diesem Bahnhof viele Menschen waren, als wir damals nach unserer Ausreise aus Deutschland hier ankamen“, erzählt der 81-jährige Erwin Voss. Schon lange finde hier kein Personenverkehr mehr statt, übersetzt er die Erläuterungen Juans. Peter dreht seine erste Filmsequenz mit dem 81-jährigen ehemaligen Bramscher allein auf dem Bahnsteig vor einem Museumszug. Wir fahren jetzt raus aus der Stadt zu der ehemaligen Synagoge einer jüdischen Siedlung. Das gepflegte weiße Gebäude steht unter Denkmalschutz. Nachdem auch wir die von Juan mitgebrachte Kippa aufgesetzt haben, betreten wir die Synagoge. Juan hat inzwischen die schweren Petroleum-Lampen angezündet. Die hier lebenden wenigen Juden würden seit einigen Jahren zur Synagoge nach Basavilbaso fahren. Auch die Schule werde nicht mehr genutzt. „Dort bin ich die ersten sechs Monate zur Schule gegangen“, erinnert sich Erwin. „Danach musste ich auf meinem Pferd die vier Kilometer in die Stadt reiten.“ Er habe schnell reiten gelernt. „Der Voss spricht zwar nicht gut Spanisch, aber er kann gut reiten“, habe die Lehrerin gesagt.

Der nächste Tag hält eine Überraschung für Erwin Voss bereit: Juan weiß, dass das ehemalige Gebäude, in dem die Familie Voss ab 1937 lebte, noch existiert. Wir fahren hin, vor uns reitet ein Gaucho. Hinter einem verriegelten Gatter führt ein langer Feldweg zu einem weißen Gebäude, es ist äußerlich noch gut in Schuss. Während ich mit Freude registriere, dass das erste Ziel meiner Reise erreicht ist, erklärt Erwin, dass ihn dieser Moment nicht sonderlich berühre: „Ich habe zu diesem Kapitel meines Lebens keine emotionale Bindung, da ich hier nur vier Jahre verbracht habe.“

Am nächsten Tag besuchen wir den jüdischen Friedhof von La Tablada. Erwin kauft am Eingang einen Blumenstrauß. Schweigend gehen wir zum Grab seiner Eltern. Sein Vater Ernst Voss ist 1980 gestorben, seine Mutter Ida sechs Jahre später. Mitten auf dem Friedhof befindet sich eine Denkmalanlage. Eine Skulptur erinnert an den Bombenanschlag auf das Zentrum der Jüdischen Gemeinde – AMIA – in Buenos Aires von 1994. Bei dem Attentat sind 85 Menschen ums Leben gekommen, 300 wurden verletzt.

Alle Namen der Opfer – Juden und Nichtjuden – sind auf der Metallplatte verzeichnet. Auf dem Friedhof befindet sich auch das Grab von Carl Meyer, dem Onkel von Erwin, der bereits im Dezember 1936 nach Argentinien gereist ist und alles für die Ankunft seiner Verwandten in Basavilbaso vorbereitet hat. Seine Frau und die beiden Kinder sind nach seinem Tod nach Israel ausgewandert. Wir legen einen kleinen Kieselstein auf seine Grabplatte als Zeichen, dass wir sein Grab besucht haben.

In Belgrano, wo man ahnt, warum die Argentinier Buenos Aires auch als „Le Petit Paris“ bezeichnen, holen wir Ingeborg ab, die fünf Jahre jüngere Schwester von Erwin. Eine elegante Dame, die mich zu meiner Überraschung auf Deutsch begrüßt. Ihre Eltern hätten zu Hause mit den Kindern fast nur Deutsch gesprochen. Trotzdem sehe sie Deutsch nicht als ihre Muttersprache an, auch, weil sie keine emotionale Bindung zu Deutschland habe. Sie sei zwar in Bramsche geboren, sei aber erst vier Jahre gewesen, als die Familie auswanderte. „Obwohl ich die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, fühle ich mich nicht als Deutsche.“ In einem Nebensatz ergänzt sie, dass es schwierig sei zu vergessen, dass ihre Verwandten von den Nazis ermordet wurden.

Wir fahren zu dem jüdischen Kinderheim, in dem Erwin und Ingeborg als Kinder untergebracht waren, während ihre Eltern in Buenos Aires arbeiten mussten. „Es war so etwas wie ein Internat. Unsere Eltern holten uns immer am Wochenende ab, wenn sie frei hatten“, erzählt Erwin. Beide betonen, dass sie sich in dem Kinderheim wohlgefühlt hätten.

Unser nächstes Ziel ist die AMIA, Zentrale des jüdischen Hilfswerks in Argentinien. Die jüdischen Einrichtungen sind neben den Regierungsgebäuden die am stärksten bewachten Gebäude der Stadt. Erst nachdem wir unsere Pässe abgegeben haben und überprüft worden sind, können wir die dicken Stahltüren passieren.

Wir werden freundlich empfangen vom Vizepräsidenten der AMIA, Angel Barman, und Ana E. Weinstein, der Direktorin, die für das Dokumentationsarchiv des Hilfswerks zuständig ist. Von hier aus werden alle jüdischen Gemeinden Argentiniens betreut und bei Bedürftigkeit Hilfsleistungen erbracht, erfahren wir. Ich darf mein Projekt vorstellen, was wohlwollend zur Kenntnis genommen wird. Aus dem Archiv werden mir ohne Umschweife Fotos und Texte zur Verfügung gestellt.

Während Erwin Voss ein Taxi nimmt, um schnell zu seiner Klinik in der Avenida Quitnana zu fahren, im noblen Botschaftsviertel der Stadt, wo er einen Termin mit einem Patienten hat, schlendern wir den Weg dorthin zu Fuß. Erwin Voss hilft Patienten, die an Makulapathie leiden, einer Erkrankung mit Funktionseinschränkung der Netzhautmitte, also dem Bereich, mit dem man am besten sehen kann. Er hat eine Methode entwickelt, durch die Brillengläser die im Randbereich der Augen noch vorhandene Sehkraft auf die Mitte zu fokussieren. Später begleiten wir Erwin in das exklusive Shopping-Center Patio Bullrich an der Av. Libertador. Dort befindet sich eine weitere Pupilent-Filiale, die von Alexandra, der Tochter seiner Frau Hebe, geführt wird. Vor dem Appartementhaus verabschieden wir uns und danken ihm für die freundliche Aufnahme, die geduldige Begleitung und perfekte Vorbereitung unserer Recherchen.

Nach einer ereignisreichen und für mein Projekt erfolgreichen Woche fliegen wir zurück in die Heimat, die Familie Voss ist auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Argentinien geblieben und hat dort eine neue Heimat gefunden. Geblieben sind Erinnerungen an Deutschland: schöne Erinnerungen an die Zeit in Bramsche, aber schmerzliche Gedanken an das Schicksal jener Verwandten, die in Konzentrationslagern von Deutschen ermordet wurden. Ingeborg Voss unternimmt schon seit Jahren keine Reisen mehr, ob Erwin Hermann Voss Bramsche noch einmal besucht, ist ebenfalls fraglich.