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“Dann geh‘ ich mal ins grüne Rathaus“ Nach 23736 Tagen muss sich die Bramscher SPD Partner suchen

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 11.09.2011, 21:35 Uhr

So hatte Andreas Quebbemann sich das sicher nicht gedacht. Gerade erst laufen die ersten Ergebnisse der Landratswahl ein, da verkündet der CDU-Ratsherr aus Achmer im Brustton der Überzeugung: „Heute wird nach genau 23736 Tagen die SPD-Alleinregierung in Bramsche beendet.“ So ist es gekommen, aber so hat es Quebbemann bestimmt nicht gemeint. Nicht Schwarz – Grün ist die neue angesagte Farbe.

Mit rund 45 Prozent haben die Sozialdemokraten ihre eigene Messlatte klar verfehlt. Im SPD-Büro im Parteienhaus nimmt man derweil die schlechten Nachrichten mit Fassung. Mit Verlusten hatte man offenbar gerechnet. Bürgermeisterin Höltermann gesellt sich zu der Runde. Kandidaten warten gespannt warten: Drin oder nicht mehr drin. Einen oder zwei wird es wohl erwischen, ist sich SPD-Ortsvorsitzender Wolfgang Kirchner sicher.

Liesel Höltermann beweist derweil Galgenhumor. „Ich geh jetzt wieder ins grüne Rathaus“, spricht die Erste Frau der Tuchmacherstadt und macht sich auf in den Sitzungssaal, wo ein Wahllokal nach dem anderen auf der Leinwand erscheint. Resignation bei den Sozialdemokraten, Verluste um die acht Prozent sind nicht die Ausnahme. Aber was gute Demokraten sind – die freuen sich doch über ein Örtchen wie Lappenstuhl. Knallrot fühlt die ganze Grafik. 100 Prozent SPD. Nicht, dass es Mitbewerber gegeben hätte, aber die verletzte Seele freut sich auch über solchen Balsam.

Dann ist ausgezählt. Liessel Höltermann muss sich jetzt bei allen wichtigen Entscheidungen Mehrheiten suchen. „Das war früher einfacher“, gibt sie zu. Aber sie ist Profi genug, um gleich zu ergänzen: „Wir haben ja immer alle vertrauensvoll zusammengearbeitet.“ SPD-Fraktionschef Ralf Bergander jedenfalls muss irgendwas geahnt haben. Der Termin steht: Am Mittwoch treffen sich Sozialdemokraten und Grüne zu einem ersten Gespräch. Sechs Ratsmitglieder stellt die Ökopartei demnächst im Stadtrat. „Dann nehmen wir eben ’ne Wand raus“, frotzelt später Ratsfrau Annette Specht. Ob sie die Ratsfraktion oder die im Kreistag gemeint hat? Eigentlich egal. Filiz Polat jedenfalls kann ihren politischen Ämtern noch ein Kreistagsmandat hinzufügen. Sie hat mit Abstand die meisten Stimmen. Da ist die Liste nicht mehr wichtig.

Grund zum Feiern hat die Truppe um die Landtagsabgeordnete und den Kreistagsspitzenkandidaten Uffke Cremer den ganzen Abend. Der Wahlabend ist noch jung, als ein lautes „Oooh“ durch den Ratssaal schallt. 44,42 Prozent bei der Kreistagswahl im traditionsgrünen Evinghausen. Das allein ist noch nicht so etwas Besonderes. Aber dann kommt das Wahllokal Am Vogelbaum in Bramsche. Drei fast gleichhohe Säulen; 30 Prozent für SPD, CDU und Grüne. SPD- und CDU-Leuten steht das ungläubige Staunen ins Gesicht geschrieben. Grünen-Urgestein Ilka Holtgrave vergisst angesichts solcher Traumzahlen alle Zurückhaltung: „Wo gibt’s hier denn mal ’nen Schnaps?“ Den gibt’s nicht, denn das Bramscher Rathaus ist alkoholfrei, kontert Liesel Höltermann. Es ist eben nicht jedem nach Feiern zumute.

Einer allerdings scheint an diesem Abend so richtig mit sich im Reinen und strahlt mit den Grünen um die Wette. Es ist Bramscher stellvertretender Bürgermeister Jürgen Kiesekamp. „Ich freu mich“, meint er nur. In Epe, wo er Ortsbürgermeister ist, hat seine CDU eine satte Mehrheit, mit 60 Prozent ist die Wahlbeteiligung im Verhältnis geradezu traumhaft und Kiesekamp von allen Bewerbern um ein Ratsmandat der mit den meisten Stimmen – mit Abstand.