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Bundestagskandidatin im Porträt Bramscherin Filiz Polat will für die Grünen nach Berlin

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 16.08.2017, 08:29 Uhr

Filiz Polat ist ein Profi. Berufspolitikerin, Grüne, mit türkisch-deutschen Wurzeln und wird mit Platz drei der Landesliste mit ziemlicher Sicherheit in den nächsten Bundestag einziehen. Parlamentsneuling wäre die Bramscherin nicht, denn seit 2004 gehört die Diplomvolkswirtin dem Niedersächsischen Landtag an.

„Das Küken“ war sie, die jüngste Abgeordnete und vor allem die erste mit türkischen Wurzeln, die damals als Nachrückerin ihr Mandat im Leineschloss antrat. Dass die Politik einmal ihr Beruf werden könnte, hatte sich aber bereits in den Jahren zuvor abgezeichnet. Mutter Ilka Holtgrave ist eines der Gründungsmitglieder der Bramscher Grünen, ihr Vater Dr. Ümit Polat war nicht nur jahrzehntelang der Hausarzt vieler Bramscher, sondern schon während seines Studiums ein hochpolitischer Kopf , der sich für einen offenen, weltlichen Islam einsetzte . Filiz Polat und ihre Geschwister wuchsen in einem Haus auf, in dem politischer Meinungsaustausch zum Alltag gehörte. Sie machte Abitur in Münster, studierte VWL in Frankfurt und kam dann in ihre Heimatstadt zurück.

Als Kind bei den „Green Teams“

Ihren ersten Schritt in Richtung Politik tat Polat hier noch als Kind. „Es gab da eine Kindergruppe der Umweltorganisation Greenpeace, die ,Green Teams‘. Wir haben uns gegen die Abholzung der Regenwälder eingesetzt und Aktionen gestartet gegen die Verwendung von Tropenhölzern. Die Nachwirkungen von Tschernobyl haben uns sensibilisiert. Wir waren viel auf der Straße.“ Auf die „Green Teams“ folgte 1994 die Grüne Jugend. „Lokal handeln, global denken“ lautete damals das Motto der Nachwuchs-Grünen. Vor Ort kämpfte man (erfolgreich) für eine Skateranlage. „Man kann was bewegen“, lautet im Rückblick ihr Fazit. Über die Station Kommunalpolitik war es irgendwann nur noch ein folgerichtiger Schritt in Richtung Landtagskandidatur.

„Es war wohl das richtige Zeitfenster für einen Generationenwechsel. Außerdem war ich eine junge Frau, darüber hinaus mit Migrationshintergrund“, meint sie. Es reichte für einen guten Listenplatz, allerdings im ersten Anlauf noch nicht für ein Mandat. Das erhielt sie aber wenig später als Nachrückerin. Bald war sie wohnungs- und baupolitische Sprecherin („wegen meines Engagements in der Kommunalpolitik“) , gehörte zehn Jahre lang dem Petitionsausschuss an, machte Front gegen die Flüchtlingspolitik der damaligen CDU/FDP-Landesregierung. „Mein Vater ist für viele Zuwanderer nicht nur Arzt, sondern auch Seelsorger. Menschen, die hier schwer gearbeitet haben und dann das Land wieder verlassen mussten.“ Später gehörten solche oft tragischen Fälle zu den Schwerpunkten der Arbeit im Petitionsausschuss. Die Betroffenheit ist der in der Kommunalpolitik als kühle Rechnerin bekannten Diplom-Volkswirtin deutlich anzumerken.

Rot-grün habe die restriktive Migrationspolitik der CDU/FDP-Regierung unter David McAllister zwar zurücknehmen können. Allerdings: „Was wir in Niedersachsen geschafft haben, wurde durch Bundesgesetzgebung konterkariert.“ Der Entschluss, für den Bundestag zu kandidieren, lag nahe. „Die Grundlagen werden eben doch in Berlin gelegt. Dafür brauchen wir alle Stimmen, aber ganz besonders die Zweitstimmen“, sagt sie.

Stolz auf den Erhalt des Krankenhauses

Auf eins ist Filiz Polat allerdings stolz im Rückblick auf ihre Zeit im Landtag: den Erhalt des Bramscher Krankenhauses und die Sicherstellung der Sanierung. „Dafür habe ich in der kritischen Phase fast jeden Tag irgendwo auf der Matte gestanden.“ Überhaupt zählt sie Hartnäckigkeit und Beharrungsvermögen zu ihren Stärken. In ein paar Monaten müsste das Großprojekt Kliniksanierung starten.

Filiz Polat liebt Treffen mit Freunden, Stunden mit einem Buch auf dem Sofa, Relaxen im Garten. Den Sommer allerdings wird sie in diesem Jahr etwas anders gestalten als üblich. Familie Polat besitzt ein Sommerhaus auf einer Insel vor Istanbul, wo man oft und gern Urlaub machte. Schon allein, weil Polat Senior dort die Einwohner medizinisch versorgte. . Filiz Polat und ihre Schwester erlebten dort die Nacht des versuchten Putsches gegen Erdogan, hörten Schüsse und über den Bosporus dröhnende Militärmaschinen. „Vielleicht komme ich nächstes Jahr wieder“, überlegt die Kandidatin. „Im Moment schrecke ich noch zusammen, wenn ich nur Feuerwerk höre“. Auf dem großzügigen Balkon ihrer Wohnung in der Bramscher Innenstadt tönen nur ab und zu die Kirchenglocken.

Die Kandidaten für die Bundestagswahl der Stadt Osnabrück (Wahlkreis 39) im Porträt:

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