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Bramscher Wirtschaft im Porträt Engteraner führen Sanitärbetrieb im Team

Von Christoph Lützenkirchen | 30.06.2016, 09:03 Uhr

Kerstin Borgerding führt gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Niehaus-Borgerding das Elektro-Sanitär-Heizungs-Unternehmen Borgerding in In der Firmenleitung begreifen sie sich als Team.

Jugend im Mittelstand: Schon mit 15 vertrat Kerstin Borgerding ihre Eltern Christa und Hartmut im Urlaub und teilte morgens die Monteure für die unterschiedlichen Aufträge ein. „Mein Opa hat mir geholfen“, sagt die 44-jährige „und die Gesellen waren teilweise schon seit 40 Jahren im Betrieb. Die wussten, wie es läuft.“ Später, während der Ausbildung, nahm sie sich selbst frei, um den Eltern den Urlaub zu ermöglichen. Keiner ihrer Kollegen konnte das verstehen. Heute führt Kerstin Borgerding das elterliche Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Niehaus-Borgerding. Der 45-jährige ist Meister für Elektrotechnik, Sanitär und Heizung. Das passt und war von langer Hand geplant, möchte man meinen. Doch im richtigen Leben entwickelte sich alles ganz anders.

Ein Betrieb - zwei Einheiten

„Das Interesse am Betrieb war schon immer da“, erzählt Kerstin Borgerding. Allerdings besteht ‚der Betrieb‘ bei genauerem Hinsehen aus zwei Einheiten: einer handwerklichen mit Leistungen in den Bereichen Heizung, Sanitär und Elektro; sowie einer kaufmännischen mit Angeboten rund um den Haushalt, von der vollautomatischen Kaffeemaschine – Kerstin Borgerding: „Mein Steckenpferd!“ – über Geräte zum Waschen und Spülen bis hin zum Handmixer. Die heutige Firmenchefin entschied sich nach der Schule für die kaufmännische Seite, blieb mit ihrer Lehrstelle beim Osnabrücker Sanitärgroßhändler Koch aber nah am elterlichen Geschäft. Nach der Ausbildung arbeitete sie zehn Jahre lang bei dem Hollager Installateur Kohlbrecher. Über die Abendschule qualifizierte sie sich weiter zur Handelsfachwirtin und Finanzbuchhalterin. Außerdem erwarb sie die Berechtigung, im kaufmännischen Bereich auszubilden.

Schicksalhafte Wende im Leben

Ein Sommerabend des Jahres 2001 führte zu einer, im Rückblick schicksalhaften, Wende im Leben der jungen Frau. Auf der traditionellen Scheunenfete der Landjugend Bramsche-Engter lernte sie in Thomas Niehaus ihren späteren Mann kennen. „Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon schwer krank“, erinnert sich Kerstin Borgerding: „Es war absehbar, dass er den Betrieb nicht mehr führen konnte.“ Ausgerechnet in diesem Moment begegnete sie einem gestandenen Elektromeister und Betriebswirt des Handwerks. Thomas Niehaus-Borgerding stammt aus Vörden. Der landwirtschaftliche Betrieb seiner Eltern liegt an derselben Straße, an der in Engter auch seine Frau aufgewachsen ist. Die jungen Leute zeigten sich entschlussfreudig. Knapp ein Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, übernahmen sie 2002 den Engteraner Betrieb. An der Abendschule in Oldenburg absolvierte Thomas Niehaus-Borgerding seinen Meister Sanitär und Heizung. Kerstin Borgerding und ihr Mann führen das Familienunternehmen seitdem gemeinsam und sie führen es erfolgreich. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich mehr als verdoppelt; nach drei Gesellen und drei Auszubildenden in 2002 beschäftigt der Betrieb heute einen Meister, sieben Gesellen, fünf Auszubildende und einen Fliesenleger. Auf einem Nachbargrundstück, das sie zukaufen konnten, errichteten die beiden eine neue Halle, in der nun alle Firmenfahrzeuge sicher untergebracht werden können.

Die Seniorchefin springt mit ein

Wie teilen die Eheleute die Aufgaben im Betrieb untereinander auf? Thomas Niehaus-Borgerding leitet den gesamten handwerklichen Bereich. Er schreibt Angebote für Kunden, teilte morgens die Mitarbeiter ein, organisiert die Baustellen. Die ersten Gesellen kommen um sieben. Ihr Arbeitstag endet nachmittags um halb fünf. Der Chef dagegen sitzt oft noch bis abends um zehn im Büro. „Da kann ich dann in Ruhe planen, wie ich die Mitarbeiter am besten koordiniere“, sagt er. Kerstin Borgerding kümmert sich um das Ladengeschäft, weiter liegt die gesamte Buchhaltung in ihrer Hand. Sie schreibt die Rechnungen. Eine Auszubildende und eine Aushilfe unterstützen sie im Büro. Außerdem springt Seniorchefin Christa Borgerding trotz ihrer 69 Jahre regelmäßig ein. Während des Gesprächs im kleinen Büro neben dem Laden klingelt das Telefon auf dem Schreibtisch von Kerstin Borgerding. Am Apparat ist eine 80-jährige Stammkundin. Ihre Dachrinne ist verstopft. Die Chefin schaut am PC nach, wann sich einer der Mitarbeiter darum kümmern kann. „Dann schicke ich den Hendrik morgen vorbei“, sagt sie. Ein Installateur, der Dachrinnen säubert? Für Kerstin Borgerding gehört das durchaus zum üblichen Service für Stammkunden. Das seien dann auch die Menschen, die im Betrieb anrufen und einen Auftrag erteilen, ohne dass dafür eigens ein Angebot erstellt wird. „Die sagen dann einfach: Mach mal“, erklärt die 44-jährige: „Das Vertrauensverhältnis zu diesen Kunden ist oft über Jahrzehnte gewachsen.“

„Feierabend ist unter der Woche nie richtig“

Kerstin Borgerding und ihr Mann haben einen langen Arbeitstag. Außerdem sind da ja noch die beiden Kinder Malin (zwölf Jahre) und Christin (neun Jahre). „Feierabend ist unter der Woche eigentlich nie richtig“, sagt Thomas Niehaus-Borgerding: „Wir versuchen aber, uns möglichst viel Zeit für die Kinder zu nehmen. Meine Schwiegermutter hat immer viel geholfen.“ Dass die Arbeit so viel Raum im Leben einnimmt, kenne er nicht anders, in der Landwirtschaft sei das genauso. Die Kinder wüssten, dass die Eltern immer da und auch ansprechbar seien. Ganz wichtig sind den Beiden die regelmäßigen, gemeinsamen Mahlzeiten. Einmal im Jahr gönnt sich das Paar etwa zehn Tage Familienurlaub; zuletzt sind sie nach Spanien gereist. Für 2016 steht Bayern auf dem Programm. Doch ganz loslassen kann der Chef auch im Urlaub nicht. „Meistens telefonieren wir doch mal“, sagt er.

Im Alltag sucht Thomas Niehaus-Borgerding den Ausgleich durch abendliche Radtouren, regelmäßig schwimmt er auch im eigenen Schwimmbad. Seine Frau liest gern. Wichtig sind ihr die Treffen mit ehemaligen Kollegen. Konkrete Pläne für die weitere Entwicklung ihres Betriebes haben die beiden nicht. „Wir wollen nicht weiter wachsen“, da ist sich der Chef sicher. Er hofft auf etwas Entlastung durch einen Mitarbeiter, der in Zukunft auch Angebote erstellen soll.

Viel hektischer als früher

Wer sich vor Augen hält, welche Arbeitsbelastung Kerstin Borgerding und ihr Mann zu schultern haben, der wundert sich über die uneitle Gleichmut, mit der sie von ihrem Leben und ihrem Betrieb erzählen. Sie tragen die Last, weil sie getragen werden muss. Im Geschäft sei heute alles viel schneller, beliebiger und hektischer als früher, erzählt die Chefin wohl. Richtig in Stress gerät sie eigentlich aber nur, wenn alles auf einmal kommt. Zum Beispiel Montagsmorgens: „Da hatte ich bis halb zehn schon mal 60 Anrufe.“ Sie lächelt, auch das gehört zum Geschäft.