Ein Artikel der Redaktion

Bramsche Orgelraritäten aus Renaissance und Barock

12.07.2009, 22:00 Uhr

Im Rahmen des Bramscher Orgelsommers waren am Samstagabend der holländische Organist Egbert Schoenmaker und seine Ehefrau Gerri Freeke zu Gast in St. Martin. Schoenmaker bot den zahlreichen Zuhörern ein außergewöhnliches Programm. Fast ausschließlich eher unbekannte oder sehr selten gespielte Stücke hat er zu einer anspruchsvollen und ansprechenden Werkfolge zusammengestellt.

Mit den ersten drei kürzeren Werken von Jacob Praetorius, Heinrich Scheidemann und Johannes Jakob Froberger stellt er das breite Klangspektrum der Janke-Orgel vor, bevor er mit vier Tänzen von Tielmann Susato aus dem Jahre 1551 einen ersten Schwerpunkt setzt. Schoenmaker operiert hier zunächst ohne Prinzipalregister, sondern mit verschiedenen Mixturen und im Mittelsatz mit der näselnden, an Krummhörner erinnernden Vox humana, die der alten Renaissancemusik ihre fremde Farbe geben. Erst spät kommt in den Fortepassagen dann doch das Prinzipal zum Tragen, wird aber mit gekoppelter Trompete und Schalmey eigenartig, aber höchst effektvoll und interessant verfremdet, sodass unsere historisch-ästhetische Distanz zur Renaissance sinnfällig wird.

Mit der Passcaglia in d des 82-jährigen Rastatter Hofkapellmeisters Johann Kaspar Ferdinand Fischers aus dem Jahre 1738 wird ein weiteres Kleinod der Orgelliteratur vorgestellt. Mit mächtigen rhythmisierten Akkordblöcken, flatternden Flötenregistern im Diskant und verwirrenden Aufwärtsläufen entfaltet sich das Werk bis zum Schlusshöhepunkt. Allein Präludium und Fuge des nicht weiter bekannten B.C. Weber bräuchte auch weiterhin nicht unbedingt bekannt werden. Zwar registriert Schoenmaker die sich umrankenden Stimmen des Präludiums feinsinnig, aber die anschließende Fuge kommt so schulmäßig einfallslos daher, dass da auch hohe Orgelspielkunst nur wenig ausrichten kann.

Zweiter Höhepunkt des Programms ist das Adagio e mesto aus der fünften Orgelsonate, Wq 70, des ältesten und wohl auch zu Recht berühmtesten Sohnes von Johann Sebastian Bach: Carl Philipp Emanuel. In dieser Variationenfolge gelingt es Schoenmaker, durch Mixturen von Flötenregistern besonders in den ersten Variationen jenen empfindsamen Ton auf der Orgel zu erreichen, der das kleine und sensible Lieblingsinstrument Carl Philipp Emanuels, das Clavichord, auszeichnet. Daneben stehen Variationen mit strahlenderen Farben und mit der Eindringlichkeit des Cornetts und der Schalmey. Alles wird aber in den Dienst einer tragischen, mit Seufzermotivik und frappanten Dissonanzen sowie Stimmführungswidrigkeiten gestalteten melancholisch-expressiven Grundstimmung gestellt.

Den das Konzert abschließenden Block bilden drei Werke ebenfalls nicht weiter bekannter Komponisten. Sie zeichnen sich aber alle durch den Schein des Bekannten aus, brillieren mit volkstümlichem Charme, bei dem Natürlichkeit und im positiven Sinne gemeinte Naivität eine positiv aufklärerische Stimmung verbreiten. Egbert Schoenmaker musiziert diese drei Delikatessen zusammen mit seiner Ehefrau Gerri Freeke vierhändig, sodass neben den abwechslungsreichen Klangfarben noch ein dichterer Satz für zusätzlichen ästhetischen Reiz sorgt. Den Abschluss bilden dann Präludium und Fuge in g-Moll des Lüneburger St.-Johannis-Kantors und älteren Zeitgenossen Bachs, Georg Böhm. Nach einem sich wuchtvoll aufbauenden Präludium setzt mit Zungenregistern eine vierstimmige Fuge ein, deren mit Mordenten und Prallern reich verziertes Thema immer charakteristisch instrumentiert wird, wodurch die komplexe Kontrapunktik stets durchhörbar bleibt. Dieses Werk schließt mit einem Postludium ab, in dem Schoenmaker nochmals seine Virtuosität in schnellen Sequenzfolgen demonstriert und mit strahlender, voll registrierter eindrucksvoller Akkordik den nachdrücklich langen Schlusston erreicht, der den Kirchenraum fast erbeben lässt.