Ein Artikel der Redaktion

Bramsche Lieder über die soziale Fähigkeit von Schnaps

26.07.2009, 22:00 Uhr

Als „Di Chuzpenics“ pünktlich am Donners tagabend zum Soundcheck auf dem Kirchplatz eintrafen, lagen sechs Stunden im Stop-and-go auf der Autobahn hinter ihnen. Nach dem Konzert wurde kurz eingepackt, und es ging wieder direkt zurück nach Kiel. Der nächste Auftritt wartete bereits im Norden. Arbeitstage von Musikern können lang sein.

Kurzweilig hingegen war das Programm, das die Kieler Klezmergruppe bei der Donnerstagveranstaltung des Bramscher Sommerkulturprogramms „umsonst und draußen“ mit im Gepäck hatte. Das Repertoire der Band reichte von jüdischen Gassenhauern über populäre Klassiker bis zu weniger bekannten Stücken sowie inzwischen auch selbst gefertigten Kompositionen.

Traditionelle Volks-, Liebes-, Widerstands- und Theaterlieder und die jiddische Sprache breiteten sich höchst lebendig und voller „Chuzpe“ über den Kirchplatz aus. Zwischen todernster Albernheit und schelmischer Schwermut wurde vielfältiger Klezmer ohne Klarinette, stattdessen mit Oboe, Akkordeon, Kontrabass, Geige und Gesang im kontinuierlichen Wechsel mit reinen Instrumentaltiteln zu Gehör gebracht.

„Di Chuzpenics“, das sind semiprofessionelle Damen und Herren, die sich aus Faszination für den bunten Kulturmischmasch innerhalb der Klezmermusik zusammengefunden haben. Jule Schwarz an der Geige, Leadsänger Martin W. Luth, Christine von Bülow mit der Oboe, Kay Krügel am Kontrabass sowie Martin Quetsche mit seinem Akkordeon lieferten ihrem Publikum eine feinsinnige Mischung, bestehend aus Mosaiksteinchen der Alltäglichkeiten an die überdachten Sitzplätze.

Da wurde der „Borscht“, ein Eintopf also, zum Anlass für den Heiratsantrag an die Köchin. Das Lebensgefühl von Auswanderern nach dem Verlust der Heimat fand ebenso seine musikalische Ausdrucksform wie das Loblied auf die sozialen Fähigkeiten von Schnaps. Dieser bringt nämlich in der jiddischen Betrachtungsweise die Menschen zusammen, lockert Feierlichkeiten auf und vereint Paare.

Eine in geländegängigen Stiefeln daherkommende Geige, im Zusammenspiel mit der zeitweilig in gewollter Dissonanz dazwischen kreischenden Oboe und den gesetzten Klampfern des Bassmannes bildeten das Fundament für die eigenwillig sentimentale, aber trotzdem nicht endgültig depressive Prosa der Textinhalte. Ob beim wehmütigen Rückblick auf die viel zu schnell vergangenen Kinderjahre oder bei der Geschichte vom selbst ernannten Gettohändler, der selbstverständlich kein Dieb, sondern eben Händler ist und der nur ganz heimlich manchmal eine Träne im Auge wegdrückt beim Gedanken an die ihm nicht zuteil gewordenen besseren Chancen im Leben – mehr als nur einmal kam das Publikum an diesem Abend in den Genuss von Tränen, die zu einem Lachen geworden waren.

Ja und schließlich lohnt es sich ja immer noch, auf das „Glik“ zu warten, das, auch wenn es meistens ein bisschen zu spät kommt, dann umso schneller ergriffen werden will, um nur noch mit ihm zu tanzen. „Di Chuzpenics“ bedeutet übersetzt die Frechen. Ihnen verdankte das Bramscher Publikum einen Abend voll mit heiter-melancholischem Augenzwinkern.