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BN-Serie: Das passt! Ilka Holtgrave aus Bramsche wollte eigentlich zu Dior

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 13.07.2016, 14:16 Uhr

„Das passt! – Kleiderwahl im Wandel“ lautet das Motto der Jahresausstellung 2016 im Bramscher Tuchmacher-Museum. Einige Bramscherinnen haben Kleider, Kostüme oder Stoffe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. In dieser Folge: Ilka-Marlen Holtgrave

In Bramsche ist Ilka-Marlen Holtgrave bekannt als Urgestein und Gründungsmitglied der Grünen und als streitbare Kommunalpolitikerin. Dass sie auch viel mit dem Textilstandort Bramsche verbindet, wird bei einem Blick in die Vitrinen deraktuellen Jahresausstellung „Das passt!“ im Tuchmacher-Museum deutlich. Hinter Glas ist hier die Abschlussarbeit zu bestaunen, die die junge Bramscherin 1967 an der Textiltechnikerschule in Neumünster vorlegen musste. Es sind nicht nur schöne Erinnerungen, die Holtgrave an diese und die folgenden Jahre hat. „Als ich fertig war, war alles kaputt“, seufzt sie. Der Niedergang der Textilindustrie ließ auch in der Tuchmacherstadt ein Unternehmen nach dem anderen in die Knie gehen. Auf eine junge Textiltechnikerin, und sei sie noch so qualifiziert, wartete in ihrer Heimatstadt niemand mehr.

Traum: Modezeichnerin bei Dior

Dabei hatte alles mit großen Wünschen und Plänen. „Ich wollte Modezeichnerin werden. Dior und so!“, erzählt sie. Aber diesen Begriff kannte man in Bramsche nicht. „Mach doch erst mal ne Lehre“, empfahl man ihr. Die junge Ilka verabschiedete sich von ihren Träumen und begann eine Ausbildung, zunächst in Osnabrück, wechselte aber bald zur Firma „Inge-Kleider“ in Bramsche, wo sich Hermann Eggeringhaus auf die Fertigung von erschwinglicher Konfektionsmode für jedefrau spezialisiert hatte. Eggeringhaus hatte einen guten Namen in der Textilbranche . Bei ihm lernte unter anderem Heinz Oestergaard, der als Designer bekannt wurde und später die Kollektionen für das Versandhaus Quelle entwarf.

Ein komplettes Unternehmen konzipieren

Auch Ilka-Marlen Holtgrave wollte weiter kommen, deshalb auch die Schule in Neumünster, die inzwischen allerdings auch ein Opfer des Niedergangs der deutschen Bekleidungsindustrie wurde. Von jungen Textiltechnikern wurde viel erwartet. Sie mussten ein komplettes Unternehmen konzipieren . Einen Businessplan entwickeln würde man heute vielleicht sagen. Sie mussten Web- und Strickmaschinen bedienen können und nicht zuletzt auch eine eigene Kollektion entwickeln und sie, im Falle Ilka-Marlen Holtgrave auch selbst auf dem Laufsteg präsentieren. Die Fotos der Modenschau finden sich in ihrer Abschlussarbeit, einem vielseitigen, komplett mit der Hand geschriebenen Buch („Das sollten wir so machen“). Ein Foto zeigt eine dunkelhaarige junge Frau im bunten Abendkleid, eine breite Schärpe unterstreicht die schmale Taille. Daneben dieselbe Frau im biederen Kostüm - unerwartete Mannequin-(so sagte man damals) Qualitäten der altgedienten Grünen-Ratsfrau werden plötzlich sichtbar.

Verantwortlich für alle Hertie-Azubis

Doch die wirtschaftliche Lage setzte der Karriere in der Modebranche ein Ende, bevor sie wirklich begonnen hatte. Holtgrave orientierte sich neu, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung bei Hertie in Osnabrück, legte die Ausbildereignungsprüfung ab und war bald verantwortlich für alle Azubis des Warenhauses. „... und dann habe ich ja auch bald meinen Mann kennengelernt“, schmunzelt sie. Ein Reitunfall brachte sie mit Dr. Ümit Polat zusammen. „Dann bin ich eben Arzthelferin geworden“ Es war der dritte Beruf von Ilka Marlen Holtgrave. „Und Politikerin. Das war dann der Vierte“, ergänzt Museumsleiterin Kerstin Schumann. Holtgrave nickt zustimmend. „Ich war halt immer eine Abenteurerin“. Dann erzählt sie, wie sie mit zwei kleinen Kindern im VW-Bus allein über den Balkan und durch die Türkei gefahren ist, um die Familie ihres Mannes zu besuchen. Nur Modezeichnerin für Dior, das hat wohl nicht sollen sein.