Adventsserie „Angekommen“ Tempeltanz und Bollywood in Kerala und Bramsche

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Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie sind geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen. Heute Evelyn Renci aus dem südindischen Kerala.

Tradition und Moderne, der Master in Physik und die große Leidenschaft für den klassischen indischen Tempeltanz, eine arrangierte Ehe mit einem von Mutter und Vater im Internet gesuchten Mann, die Katholikin aus dem Südindischen Kerala, die in der Baptistengemeinde in Bramsche Anschluss und Freunde gefunden hat - Evelyn Rencis Leben ist voller spannender Widersprüche – für die Besucherin, aber ganz offenbar nicht für die junge Inderin, die vor zwei Jahren ihrem Ehemann nach Deutschland folgte, der an den Niels-Stensen-Kliniken in Ostercappeln als Assistenzarzt arbeitet. Bis vor wenigen Wochen war er am Bramscher Krankenhaus in der Inneren Medizin tätig. Nach Hause zu seiner jungen Frau hatte er damals nur wenige Schritte. Das Ehepaar hat sich an der Hasestraße häuslich eingerichtet.

Die Wohnung ist geräumig, Evelyn Renci ist zuerst viel allein. „Ich war einsam und ich hatte Heimweh. Ich wusste nicht, wie ich unter die Leute gehen sollte“, gibt sie zu. „Ich habe immer aus dem Fenster geguckt, wenn jemand vorbeiging. Oder ich bin in den Supermarkt gegangen, um Menschen zu sehen“. Dabei war es nie eine Frage, dass sie dahin gehen würde, wo ihr Mann ist. Die Tradition will es so. Schließlich brachten die vielen Minuten am Fenster den Durchbruch. „Ich habe gesehen, dass nebenan eine Kirche ist und ich habe gefragt, ob ich da auch beten kann,“ erzählt sie. Den Mitgliedern der Freikirchlichen Gemeinde war gleich, dass Evelyn Renci dem katholischen Glauben angehört, so wie viele andere Menschen in Kerala. „Alle waren sehr nett zu mir“, sagt sie. Hier lernt sie Heike Harms und andere Mitglieder der Christlichen Flüchtlingshilfe Amal kennen. Hier tanzt sie mit anderen Frauen oder es wird gekocht, Deutsch gelernt, oder, oder, oder.... In der Nachbarschaft nimmt sich ein älteres Ehepaar ihrer an, „die ich jetzt meine deutsche Mama und Papa nenne“. Sie ergänzt: „Ich bin 2016 noch einmal für drei Monate nach Indien geflogen. Als ich dann zurückgekommen bin, war alles gut hier“.

„Meine Mama weint oft“

Nicht so gut ist es offenbar für Evelyns Mutter. Die Tochter ist als Einzelkind behütet im friedlichen und toleranten Kerala aufgewachsen. „Meine Mama weint oft, wenn wir telefonieren“, sagt Evelyn. Die Tochter fast 4000 Kilometer entfernt in Norddeutschland zu wissen, war offenbar doch nicht das, was die Eltern erhofften, als sie auf einer christlichen Partnersuche-Seite im Internet einen passenden Partner für ihre Tochter suchten, die nach dem Studium in der Telekommunikationsbranche in Indien arbeitete, tanzte und ein Musikprogramm im Fernsehen moderierte. „Dass die Eltern einen Mann oder eine Frau für ihre Kinder suchen, ist normal“, sagt Evelyn Renci. „Allein einen Mann zu suchen, wäre schwer. Manchmal akzeptieren die Eltern ihn dann nicht....“ Für einen Moment wirkt sie nachdenklich. „Er ist zweimal zu uns nach Hause gekommen, mehr nicht,

sonst haben wir ein paar Mal über Handy telefoniert. Häufigere Kontakte waren nicht möglich. Sebastian Renci absolvierte zu den Zeit ein Medizinstudium in Rumänien und hatte bereits Pläne geschmiedet, sich um eine Stelle in Deutschland zu bemühen. Zunächst aber wurde groß und prunkvoll geheiratet. „Man muss alle Verwandten, Nachbarn und Kollegen einladen. Manchmal sind das 2000 Leute“. Wenn man bedenkt, dass Evelyn Renci allein 40 Cousins und Cousinen hat, verwunderte die Zahl schon nicht mehr so.

Kerzengerade auf dem Sofa

Während des gesamten Gesprächs sitzt die junge Inderin kerzengerade auf dem Sofa. Die totale Körperkontrolle hat sie in ihrer Heimat während der Ausbildung im klassischen Tempeltanz gelernt. „Ich bin zwar Katholikin, aber das wollte ich immer machen. Man muss ein ganzes Jahr die richtigen Schritte lernen, bis man in einem Hindu-Tempel auftreten darf“. Während ihres Studiums ist sie des Öfteren in Fernsehshows zu sehen. Der Bollywood-Stil ist ihr nämlich ebenso geläufig wie die klassische Form des Tanzes.

Das Tanzen hat sie mit nach Deutschland gebracht. Sie trat mit einer Gruppe beim „Namaste India“-Festival in Osnabrück auf und bot in Bramsche VHS-Kurse im Bollywood-Tanz an. Getanzt wird auch mit den Frauen von Amal. Und gekocht. „Wir kochen oft bei mir in der Küche. Deutsches Essen, dass sie bei ihrer „deutschen Mama“ gelernt hat oder indisches, Hähnchen-Currys oder vegatarische Gerichte. „Die Deutschen mögen indisches Essen gern“, hat sie dabei beobachtet.

„Die Menschen hier waren alle so freundlich zu mir. Jetzt traue ich mich auch etwas“. Evelyn Renci lächelt. Das erste Projekt war der Führerschein, den sie seit ein paar Tagen besitzt. Das Nächste: Evelyn Renci möchte einen Youtube-Kanal einrichten, um Indern und Deutschen mehr voneinander zu vermitteln, den Tanz, das Essen, aber besonders, „dass wir sehen, dass wir alle gleich sind, wenn wir uns nur öffnen“.


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