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Adventsserie „Angekommen“ Wegen der Religion aus dem Iran nach Bramsche

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Am Weihnachtsbaum glitzert und funkelt es. Forozan Ezhaghi und Hamid Sadaghi wollen mit Freunden die Festtage verbringen. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeAm Weihnachtsbaum glitzert und funkelt es. Forozan Ezhaghi und Hamid Sadaghi wollen mit Freunden die Festtage verbringen. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie sind geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen. In dieser Folge Hamid Sadaghi und Forozan Ezhaghi.

Der Iran ist ihre Heimat und er wird es immer bleiben. Hamid Sadaghis und Forozan Ezhaghis .Augen leuchten, wenn sie von ihrer Heimat Isfahan erzählen. Aber in Deutschland sind sie sicher. Und sie sind endlich wieder zusammen. Das zählt.

Lange sah alles nach einen ganz normalen Leben aus in Isfahan, wo Hamids Familie lebt und wo er und seine Frau geboren sind. Die Eltern sind Christen, aber durchaus suchend und kritisch. Auch viele schiitische Muslime, die im Iran die Mehrheit stellen,seien weltanschaulich offen gewesen - im Iran vor der Machtübernahme durch Ayatollah Khomeini und seine Anhänger, meint er. Die Familie ist durchaus wohlhabend. „Mein Vater hatte mehrere Häuser“, berichtet der junge Mann. Er selbst war bei einem großen Unternehmen in Isfahan als Monteur beschäftigt.

„Ein Haus mit Wänden aus Beton“

Hamid hatte viele Freunde und in diesem Kreis ist Religion und deren Einfluss auf das Leben der jungen Menschen immer wieder ein Thema. „Der Islam schien mir zu der Zeit als ein Haus mit Wänden aus Beton, unmöglich aus diesen Wänden auszubrechen“, sagt er. Die Zweifel wuchsen, schließlich wandte sich Hamid ganz von der Religion seiner Väter ab. „Ich war Atheist zu dieser Zeit“, sagt er. „Mein Bauch sagte Ja zum Christentum, mein Kopf sagte Nein“. .In seinem Freundeskreis suchten die jungen Leute, Christen wie Muslime, weiter nach Antworten.

Seit seiner Flucht nach Deutschland hat der junge Iraner schon gut Deutsch gelernt und so beschreibt er gut nachvollziehbar, was ihn letztlich zur Flucht aus seiner Heimat veranlasste: „Ich hatte eine Wohnung, ich hatte Arbeit, ich hatte keine Probleme“. Dann überlegten Hamid und seine Freunde, ihre Überlegungen über das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Form einer kleinen „Geschichte“, wie Hamid sagt, zu Papier zu bringen. Im Vorfeld gingen viele SMS und und Nachrichten über soziale Netzwerke hin und her. Sie seien wohl zu unvorsichtig gewesen, räumt er im Nachhinein ein. Der Islam ist im Iran Staatsreligion. Als er schließlich unterwegs eine Tasche mit Papieren, darunter das Manuskript der „Geschichte“ verliert, ziehen sich die Stricke zusammen. Er habe sich verstecken müssen, erinnert er sich. Aber die Sicherheitskräfte suchen ihn auch im Hause seines Vaters und bei Forozans Familie.

Dokumente waren das Problem

„Mein Vater hat sofort erkannt, dass die Dokumente das Problem waren“, fährt er fort. Zum Glück hat der alte Herr Kontakte in den Führungszirkel der örtlichen Polizei. Offenbar fließt viel Geld, damit die beschlagnahmten Unterlagen solange zurückgehalten werden, bis Hamid Sadaghi das Land verlassen hat. Er war schon einmal zum Arbeiten in Deutschland, bekommt ein Visum,fliegt nach Hamburg. Armen Landsleuten wäre so etwas wohl nicht möglich, räumt der Neu-Bramscher ein. Er lebt zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft in Eisenhüttenstadt, dann drei Jahre in Cottbus. Mittlerweile ist er seit eineinhalb Jahren als Flüchtling anerkannt und kann seine Frau nachholen.

Seine Frau, von Geburt an Muslimin, sieht sich in der Zwischenzeit im Iran massivem Druck ausgesetzt. Sie erzählt, dass die Polizei Hamid suchte. Ihre konservative Familie setzt sie zusätzlich unter Druck. Sie soll sich scheiden lassen. Nach iranischem Recht kann eine Frau selbst die Scheidung beantragen, wenn ihr Mann mehr als sechs Monate nicht mit ihr zusammenlebt. Forozan lehnt ab. Inzwischen ist sie selbst zum Christentum übergetreten. Mit einem Visum für Italien kommt sie ebenfalls nach Hamburg. Deutschland und Italien gehören beide dem Schengen-Raum an.

Hilfe von Amal e.V.

Das Leben in der Flüchtlingsunterkunft in Cottbus ist nicht leicht, Kontakt zu Deutschen gibt es kaum. Aber Hamid und Forozan wollen ankommen. Von einem Baptistenpastor in Cottbus bekommen sie die Adresse eines Arztes in Quakenbrück. Im Osnabrücker Nordkreis sucht Hamid Arbeit, beide wollen besser Deutsch lernen, aber schon die Suche nach einer Wohnung ist extrem schwierig. „Uns war schließlich ganz egal, was das für eine Wohnung ist, Hauptsache, es ist eine Wohnung“, sagt er. Schließlich werden sie an der Paul-Lincke-Straße in Bramsche fündig, wo sie sich inzwischen gemütlich eingerichtet haben. Über die Amal-Flüchtlingshilfe knüpfen sie in der Tuchmacherstadt Kontakte, was den Deutschkenntnissen sehr förderlich ist. Ab und zu muss Hamid dort auch übersetzen. Ein erster Versuch, sich mit dem Backen von traditionellem iranischen Brot selbstständig zu machen, scheitert zunächst. Dann hat Hamid Glück. An einem Montag bewirbt er sich bei Semco-Glas, am Mittwoch hat er bereits seinen Arbeitsvertrag als Maschinenführer in der Tasche. Seine Erfahrungen als Monteur und seine Kenntnisse des Programms, mit dem in dem Unternehmen gearbeitet wird, haben die Firmenleitung überzeugt. Hamid ist ehrgeizig. „Irgendwann möchte ich mich noch weiterbilden“, kündigt er an.

Ein kleiner Weihnachtsbaum schmückt das Wohnzimmer, ein Shi Tzu-Hündchen, das auf den urdeutschen Hundenamen Bello hört, springt munter herum, im April kommt das erste Kind. Es wird ein Sohn.


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