Projekt zum Thema Depression Tandemfahrer wollen auch in Bramsche Mut machen

Trotzten dem Regen in Bramsche: Lisa Meyer, Bettie de Vries, Dietmar Reinberger, Paula Pukka, Doris Schulten und Sebastian Burger sind mit Tandems auf Mut-Tour. Foto: Matthias BenzTrotzten dem Regen in Bramsche: Lisa Meyer, Bettie de Vries, Dietmar Reinberger, Paula Pukka, Doris Schulten und Sebastian Burger sind mit Tandems auf Mut-Tour. Foto: Matthias Benz

Bramsche. Mit dem Ziel, das Tabuthema Depression in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, sind derzeit viele Menschen mit und ohne Depressionserfahrungen auf der „Mut-Tour“ mit dem Fahrrad quer durch Deutschland unterwegs. Am Mittwoch legten drei Tandems auch in Bramsche einen Zwischenstopp ein, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Am Montag war die sechsköpfige Gruppe in Bremen gestartet und am Dienstag wurden bereits Quakenbrück und Bersenbrück angesteuert. Im verregneten Bramsche kehrten die Radler im Eiscafé La Gondola ein. „Ich bin eigentlich total unsportlich, deswegen teste ich meinen Mut alleine schon mit dem vielen Radfahren“, erzählt der 64-jährige Dietmar Reinberger mit einem Lächeln. Am Sonntag wird in Mönchengladbach der Staffelstab an ein anderes Sextett weitergegeben. Angeführt wird das Team dabei von Projektinitiator Sebastian Burger.

Mut ist für die Gruppe das zentrale Stichwort, wenn es um Depression und andere psychische Erkrankungen geht. „Wir wollen dazu ermutigen, einfach mal zum Hausarzt zu gehen, wenn jemand Symptome einer Depression bei sich erkennt. Viele Menschen trauen sich das nicht. Dabei ist eine solche Erkrankung nicht unheilbar, sondern gut therapierbar“, erläutert Bettie de Vries, die selbst betroffen ist. Die Teilnahme ist für sie – neben der Öffentlichkeitsarbeit – auch persönlich wichtig. „Bewegung, frische Luft und soziale Kontakte helfen bei einer Depression am meisten. Diese Dinge stellt man nämlich häufig als erstes ab“, meint sie.

Dass Medikamente nicht immer die einzige und beste Lösung sind, bestätigt Paula Pukka. Als Ärztin in einer Psychiatrie betont sie, dass zielgerichtete Psychotherapie eine wichtige Rolle spielt. „Es geht da auch um die Lebensführung: Es ist wichtig, zu erkennen, welche Interessen und Talente man hat. Da kann das richtige Hobby schon ein erster Schritt zur Heilung sein.“

Auch wenn das Thema häufiger in der Öffentlichkeit steht, fällt es Betroffenen immer noch schwer, sich selbst eine derartige Erkrankung einzugestehen. „Viele Menschen haben Angst vor der eigenen Schwäche“, meint Lisa Meyer. „Es wird häufig befürchtet, dass alleine schon Diagnose zu Problemen im Job führt, dass einem nichts mehr zugetraut wird. Erst seitdem ich Rentnerin bin, rede ich ganz offen über das Thema“, berichtet Doris Schulten. „Stress im Beruf kann sicherlich zu einer Depression beitragen, aber gerade im Gesundungsprozess sind Arbeit und eine sinnvolle Beschäftigung ganz wichtig“, so Dietmar Reinberger. „Ein früherer Chef von mir dachte tatsächlich, Depression sei ansteckend“, ergänzt er kopfschüttelnd.

Ärgerlich berichten die Betroffenen auch über verharmlosende Kommentare aus dem persönlichen Umfeld. „Reiß dich doch zusammen!“ oder „Das ist doch gar nicht so schlimm“, sind Äußerungen, denen alle schon begegnet sind. „Dabei erkennen die Leute nicht, dass manche Menschen jeden Morgen kämpfen müssen, um überhaupt aufzustehen. Die fröhliche Bettie von letzter Woche ist nämlich gar nicht immer so fröhlich“, sagt Bettie de Vries.

Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Interessenverlust, mangelndes Selbstwertgefühl und Schuldgefühle sind Beispiele, wie sich eine Depression bemerkbar machen kann. „Von einer Depression kann man aber erst bei einem längeren Zeitraum reden. Der Novemberblues ist noch keine Depression“, erklärt Dietmar Reinberger, der im selben Atemzug aber davor warnt, zu lange mit einem Arztbesuch zu warten.

Wegen des starken Regens nahmen in Bramsche nicht viele Bürger das Gesprächsangebot wahr. Im Eiscafé zeigte sich Doris Schulten aber proaktiv und ging auf Gäste an den Nebentischen zu, die sich durchaus interessiert zeigten. „Jeder kann betroffen sein und die meisten kennen jemanden, der auch tatsächlich mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen hat“, weiß Dietmar Reinberger.

Ein Bramscher, der den Zwischenstopp der Mut-Tour ganz bewusst aufsuchte, ist Werner Hütten. „Ich war einfach neugierig. Ich finde das gut, denn viele Menschen stehen nicht zu ihrer Krankheit.“ Er selbst ist manisch-depressiv, leidet an einer bipolaren Störung. Seit 37 Jahren wird der einstige Kaufmann medikamentös behandelt. Hütten informiert sich auch auf Kongressen mit anderen Betroffenen und Ärzten. „Es ist noch ein Tabu, aber ich glaube, es ändert sich. Es wird mehr berichtet und auch privat wird offener geredet“, schätzt er ein. Genau das wollen auch die Tandemfahrer der Mut-Tour erreichen.


Bei Depressionen gibt es unterschiedliche Hilfs- und Beratungsangebote.

Betroffene Menschen sollten zunächst ihren Hausarzt aufsuchen.

In Bramsche gibt es darüber hinaus noch weitere Anlaufstellen:

Caritas Sozialstation: Münsterstraße 22, Tel.: 05461/91137

Deutsches Rotes Kreuz: Am Eschweg 3, Tel.: 05461/886514

Diakonisches Werk: Kirchhofstraße 6, Tel.: 05461/1597

Weitere Infos finden sich auch im Internet auf www.depressionsliga.de oder www.deutsche-depressionshilfe.de.

0 Kommentare