Nach Vorfall in Restaurant Rettungs-Einsatz in Bramsche bleibt umstritten

Von Björn Dieckmann

Aus Osnabrück anfahren mussten Notarzt und Rettungsdienst zu einem Einsatz in einem Bramscher Restaurant. Symbol-Foto: Michael Hehmann/ArchivAus Osnabrück anfahren mussten Notarzt und Rettungsdienst zu einem Einsatz in einem Bramscher Restaurant. Symbol-Foto: Michael Hehmann/Archiv

Bramsche. Ein 81-jähriger Mann befand sich in Lebensgefahr, nachdem er in einem Bramscher Restaurant ein Stück Fleisch verschluckt hatte. Der Mann wurde gerettet, der Einsatz von Rettungsdienst und Notarzt aber ist umstritten. Zu Recht?

Was war passiert? Am Abend des 6. April 2017 verschluckte sich ein 81-Jähriger in einem Restaurant an einem Stück Fleisch und drohte zu ersticken. Die Betreiber und Gäste unternahmen vergeblich Bemühungen, den Mann aus seiner Notlage zu befreien. Ein zufällig vorbeikommender Arzt leistete in der Folge Erste Hilfe. Rettungsdienst und Notarzt trafen angeblich erst nach einer halben Stunde ein. So schilderten es der Sohn des Verunglückten und Augenzeugen. (Weiterlesen: Bramscher verschluckt sich und ringt mit dem Tod)

Laut Landkreis Osnabrück trifft dies nicht zu: Der Notruf in der Rettungsleitstelle sei um 19.39 Uhr eingegangen. Ein Notarzt sei dann nach 14 Minuten eingetroffen, eine Minute später der Rettungsdienst. Beide mussten aus Osnabrück anfahren, da der Bramscher Rettungsdienst zu diesem Zeitpunkt in anderen Einsätzen war und um diese Zeit kein Notarzt mehr in Bramsche vorgehalten wird.

Mittlerweile haben sich in unserer Redaktion Leser gemeldet: Sie geben an, an dem fraglichen Abend „um ziemlich genau 8 Uhr, höchstens ein oder zwei Minuten danach“ das Restaurant passiert zu haben. Zu diesem Zeitpunkt seien Notarzt und Rettungsdienst vor Ort gewesen. Es sei „auch nicht so gewesen, dass die Einsatzkräfte da gerade erst eingetroffen waren“, sind die Leser überzeugt, dass sich Sanitäter und Notarzt zu diesem Zeitpunkt bereits im Restaurant befanden.

Wie es sich nun tatsächlich verhalten hat, wird wohl umstritten bleiben. Fragen ergeben sich aber dennoch:

Wieso wurden zu dem Einsatz keine „Sanitäter vor Ort“ (SavO) oder „First Responder“ gerufen? Bei den SavO handelt es sich um ehrenamtlich tätige Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes, die häufig aber auch hauptberuflich im Rettungswesen tätig sind. Unter dem Namen „First Responder“ gibt es bei der Feuerwehr Achmer ebenfalls Freiwillige, die speziell in Erster Hilfe geschult sind. Beide Einheiten können von der Rettungsleitstelle zusätzlich alarmiert werden: „Wir kommen zum Einsatz, um das sogenannte therapiefreie Intervall zu überbrücken – also die Zeit zwischen dem Vorfall und dem Eintreffen des Rettungsdienstes bei Alarmen mit Lebensgefahr“, erklärt Peter Marx, der bei der DRK-Kreisbereitschaft Osnabrück-Nord für die SavO zuständig ist.

Insgesamt zehn Kräfte gebe es in Bramsche und den Ortsteilen. „Die Sanitäter können bei einem Notfall in unmittelbarer Nachbarschaft innerhalb einer Minute da sein, ansonsten drei bis vier Minuten, je nach Tageszeit und Verkehrslage – also weit vor dem Eintreffen von Rettungsmitteln aus Osnabrück“, so Marx weiter. In ähnlicher Form wirkt die Feuerwehr Achmer, allerdings nur in ihrem Einsatzgebiet. Jüngst wurde aber auch die Ortsfeuerwehr Bramsche zu einem medizinischen Notfall gerufen, nachdem eine Frau in der Innenstadt gestürzt war. Mit Blick auf die Vorfälle in dem Restaurant und in der Innenstadt stellt Marx fest, „dass es scheinbar passiert, dass Einsätze an uns vorüberziehen“. Das DRK habe deshalb bereits „die verantwortlichen Mitarbeiter der Rettungsleitstelle aufgefordert, die Alarmierung zu überprüfen und entsprechend anzupassen“.

Warum keine „Sanitäter vor Ort“ alarmiert wurden, erklärt der Landkreis Osnabrück auf Anfrage wie folgt: Der Notruf in der Rettungsleitstelle sei durch einen „Anrufer 3. Hand“ erfolgt, dabei handele es sich um eine interne Einstufung: Ein Anrufer 3. Hand sei „eine unbeteiligte dritte Person, die das Notfallereignis zwar gesehen hat, allerdings nur bedingt präzise Angaben liefern kann, da diese Person auch alle Informationen beim Patienten, deren Angehörigen oder Augenzeugen erfragen muss und diese dann als Informationsquelle an die Disponenten der Leitstelle weitergibt“.

Aufgrund der Erstinformationen durch den Hinweisgeber seien die Rettungskräfte mit der Verdachtsdiagnose „Schlaganfall“ alarmiert worden. In einem solchen Fall werde „im gesamten Landkreis Osnabrück prinzipiell nur ein Rettungswagen entsandt, da der schnelle Transport des Patienten hier im Vordergrund steht“. Ein Notarzt-Einsatzfahrzeug hingegen werde bei einem vermuteten Schlaganfall eigentlich nur informiert, wenn eine „akute vitale Gefährdung“ wie beispielsweise Bewusstlosigkeit vorliege. Dass zu dem Einsatz in dem Bramscher Restaurant dann aber doch ein Notarzt-Einsatzfahrzeug alarmiert wurde, sei hingegen „ein Sonderfall“, der sich daraus ergeben habe, dass eben mit einer vergleichsweise langen Anfahrt des Rettungswagens gerechnet wurde.

Ist es aber nicht viel zu spät, selbst wenn ein lebensbedrohlich Verunglückter nach einer Viertelstunde professionelle Hilfe erhält? Der Landkreis Osnabrück beruft sich darauf, dass die gesetzliche „Hilfsfrist“ 15 Minuten betrage. Das heißt: Zwischen der Einsatzentscheidung der Rettungsleitstelle und dem Eintreffen des „ersten Rettungsmittels“ – gleich, ob Rettungsdienst oder Notarzt – darf eine Viertelstunde vergehen. Rettungsorganisationen sehen darin schon lange ein Problem: Bereits 1992 legte das Deutsche Rote Kreuz unter Zitierung vorheriger Studien dar, eine Eintreffzeit innerhalb von sieben bis zehn Minuten sei erforderlich. Das DRK forderte deshalb, es solle in allen Rettungsdienstgesetzen der Bundesländer die Vorgabe aufgenommen werden, dass in 80 Prozent der Notfälle eine Hilfsfrist von zehn Minuten erreicht werden solle und in 95 Prozent eine Hilfsfrist von 15 Minuten. Doch diese Vereinheitlichung der Landesgesetze hat es bis heute nicht gegeben. Niedersachsen gehört zu den Ländern mit der längsten Hilfsfrist, auch die 80-Prozent-Quote wurde nicht aufgenommen. Im benachbarten Nordrhein-Westfalen sind es sogar nur acht Minuten, zumindest in städtischen Gebieten. Auch der Landkreis Steinfurt hat das Ziel, diese Frist einzuhalten und baut derzeit Rettungswachen aus. (Weiterlesen: Rettungswache Westerkappeln größer als geplant)

Eine Verkürzung dieser Hilfsfrist wünschen sich auch Angehörige von Rettungsdiensten in unserer Region wie auch Notärzte: „Wir haben da ein Problem in Niedersachsen, das unbedingt angegangen werden sollte“, heißt es. Eine entsprechende politische Initiative hat es allerdings in jüngerer Zeit nicht gegeben.


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