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BN-Interview: Tendenz steigend Bramscher Berater: Im Internet fällt Mobbing besonders leicht“

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<em>Tino Boschanski und Christian Lienemann</em>Tino Boschanski und Christian Lienemann

Bramsche. Jeder dritte Jugendliche ist nach neuen Studien schon einmal Opfer von Mobbing im Internet geworden. Im Bramscher Sozialraumbüro beraten Christian Lienemann und Tino Boschanski vom Trägerverbund Jugendhilfe die Betroffenen.

Herr Boschanski, Herr Lienemann, der Fall der 14-jährigen Amanda Todd, die sich nach massiven Mobbing-Attacken im Internet das Leben nahm, bewegt seit Wochen die Öffentlichkeit. Hätte ihr geholfen werden können?

Boschanski: Beim Cyber Mobbing findet so viel in geschützter Anonymität statt. Wenn etwas erst veröffentlicht ist, lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen. Wir müssen diesen Fall aber ansehen als Aufruf an die Gesellschaft, hinzusehen. Wir müssen den Betroffenen das Gefühl geben, dass wir die Probleme mit ihnen gemeinsam anpacken.

Lienemann: Jugendlichen müssen sehen, dass Mobbing kein Kavaliersdelikt ist und die Betroffenen in tiefste Verzweiflung bis zum Selbstmord treiben kann. Ganz praktisch kann man versuchen, zumindest eine Teillöschung der Kommunikation zu erreichen.

Welchen Anteil nimmt das Cyber-Mobbing in Ihrer Beratungstätigkeit ein?

Boschanki: Das ist oft nicht klar zu trennen. Kinder, die in der Schule gemobbt werden, werden häufig auch in sozialen Netzwerken attackiert.

Lienemann: Mobbing fällt im Internet besonders leicht. Man steht seinem Opfer nicht mehr Auge in Auge gegenüber. Für Bramsche kann man aufgrund der strengen Anonymität zwar keine Fallzahlen nennen. Eine zunehmende Tendenz bei Belästigung, Beleidigung und Bedrohung im Internet ist aber zu erkennen.

Gibt es Warnzeichen dafür, dass Kinder und Jugendliche gemobbt werden?

Lienemann: Cybermobbing geschieht noch seltener als das klassische Mobbing in sichtbarer Weise. Wenn Eltern feststellen, dass der Sohn oder die Tochter sich verändert, stärker zurück zieht oder psychosomatische Beschwerden zeigt, ist das zwar kein unbedingter Beweis für Mobbing, jedoch ein Hinweis auf Belastungen des Kindes. Opfer schämen sich oft für ihre Situation, sodass es lange dauert, bis sie sich öffnen. Präventiv ist wichtig, dass Eltern angemessene Einblicke in das Online-Leben ihrer Kinder haben.

Boschanski: Oft entsteht in den Familien ein Teufelskreis. Kinder wollen nicht mehr zur Schule gehen. Die Eltern sehen aber nicht die Ursache, sondern nur das Ergebnis, und üben Druck aus. So entstehen zusätzliche Konflikte. Dabei wäre eine vertrauensvolle Basis besonders wichtig. Ein Tipp für Eltern: Auf der Internetseite „internet-beschwerdestelle.de“ kann man nicht nur unangemessene Inhalte melden. Sie enthält auch eine Art Ratgeber für Eltern.

Wie finden Betroffene zu Ihnen?

Lienemann: Alle Schulen wissen, dass es uns gibt. Wir sind vernetzt mit Stadtjugendpflege und dem Fachdienst Jugend des Landkreises, mit Ärzten, Therapeuten und der Polizei, die alle eine wichtige Brückenfunktion haben. Manche Betroffenen kommen auch direkt. Ganz wichtig ist aber die Einsicht: Ich muss mir helfen lassen. Die Beratungsstelle ist dienstags von 16 bis 17 Uhr oder nach telefonischer Absprache unter 05461/7079346 geöffnet.

Was empfehlen Sie, wenn Mobbingbetroffene manifeste psychische Probleme entwickeln?

Boschanski: Wir sind Pädagogen. Wir machen Beratung und Prävention. Wenn sich wegen der langfristigen Belastungen Beschwerden bis hin zu Depressionen oder Angststörungen entwickeln, sind Ärzte und Therapeuten gefordert. Leider sind die Wartezeiten gerade im stationären Bereich sehr lang.


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