Christliche Flüchtlingsarbeit Tanzen und Kontakte knüpfen mit „Amal“ in Bramsche

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Bramsche. „Amal e.V. - christliche Flüchtlingsarbeit in Bramsche“ arbeitet mit Migranten und Flüchtlingen, und das schon, bevor die Flüchtlingszahlen 2015 rasant anstiegen. Das Besondere: die Mitarbeiter kommen aus dem sozialpädagogischen oder Coaching-Sektor und sind zum Teil selbst Migranten.

Mittwochabend - Tanzabend. Rund 20 Frauen haben sich im Gemeindesaal der Freikirchlichen Gemeinde an der Hasestraße eingefunden, Afrikanerinnen, Frauen aus Syrien, dem Iran, Irak und Indien, etliche Deutsche. Eine Migrantin lebt seit 17 Jahren in Deutschland, eine Frau aus Ghana wartet in den nächsten Tagen auf ihre Abschiebung. Sie hat ihr fünf Monate altes Baby mitgebracht. Die Kleine wirkt ein bisschen müde. „Ihr Mutter hat sie gerade aus dem Kinderkrankenhaus abgeholt“, erzählt Heike Samantha Harms, die Gründerin von Amal e.V:. Der Stress ihrer Mutter hat sich wohl auf das fünf Monate alte Mädchen übertragen, vermutet die Amal-Vorsitzende. Jetzt kann die Mutter beim Tanzen für ein paar Stunden die Ungewissheit zu vergessen versuchen. Irgendeine Frau findet sich immer, die das Baby in den Armen wiegt.

Musik aus der Heimat

Aus den Lautsprecher dringen arabische Klänge, erst leise, dann tanzbar laut. Der Stimmungspegel steigt. Weam, 15 Jahre alt und aus Syrien, lässt Hüften und Schultern kreisen und schwingt lachend ihre ebenfalls fünf Monate alte Cousine Maya herum. „Die Frauen bringen Musik aus ihrer Heimat mit“, sagt Harms. Heraus kommt eine mitreißende Mischung aus westlichem und orientalischem Pop, gemischt mit afrikanischen Rhythmen.

„Wir sind ein bunter Haufen“, meint Amal-Mitarbeiterin Melanie Preusser, die sich lachend selbst als „Wirtschaftsflüchtling aus dem Osten“ bezeichnet. Vereinsvorsitzende und Sozialarbeiterin Harms ist Roma und kam 2008 mit ihrer Familie aus Mazedonien nach Deutschland. An diesem Abend halten sich die beiden Vorstandsfrauen aber eher im Hintergrund. Es ist die Stunde von Faruzan aus dem Iran und Juliet aus Syrien. Beide dolmetschen, übersetzen Harms Begrüßung ins Persische und Arabische. Amal-Mitarbeiterin Faruzan ist seit 16 Monaten in Deutschland und beherrscht die Sprache fast perfekt. „Die Frauen können sich bewegen und Spaß haben“, meint die junge Frau und animiert die Frauen, vor dem eigentlichen Tanzen zu einer Runde Aerobic.

Aus dem Alltag herauskommen

„Wir holen die Frauen aus der LAB und bringen sie auch wieder hin. Sie sollen einfach einmal aus dem tristen Alltag dort herauskommen“, erzählt Harms. Beim Tanzabend sind die Frauen unter sich. „Ohne Männer gehen die Frauen eher aus sich heraus“. Die Amal-Mitarbeitenden versuchen Menschen, die noch in der LAB leben und sonst eher in ihren Ethnien für sich bleiben, zusammen zu bringen mit Migranten, die schon lange in Deutschland leben und Deutschen. „Wir betreiben mittlerweile zwei Cafés“, berichtet Harms, eines am Dienstagmorgen in der Begegnungsstätte der LAB, ein weiteres, das „große Café“ samstags im Forum Martinum . „Bis zu 60 Menschen kommen dahin“, freut sich Preusser besonders darüber, dass „viele Bramscher dabei“ sind. Über diese informelle Schiene entstehen Kontakte bis hin zu Patenschaften für Familien. Amal-Helfer begleiten Migranten und Geflüchtete, zwischen denen ausdrücklich nicht unterschieden wird, zu den Ämtern, helfen beim Umzug oder kümmern sich um Praktika oder einen Job und nicht zuletzt geben sie Deutsch-Unterricht bis zum B2-Level.. „Wir entwickeln ganz viel anhand konkreter Bedürfnisse“, sagt Harms. Dazu gehört auch, Netzwerke mit Helfern in anderen Kommunen zu knüpfen, damit die Geflüchteten, die einen Transfer haben, an ihrem neuen Wohnort nicht ganz auf sich allein gestellt sind.

Aus Mazedonien nach Deutschland

Harms Engagement hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. 2008 kam sie mit ihrer Familie aus Mazedonien nach Deutschland, war aber „im Herzen bei den Roma in Skopje“. Ðiskriminierung und ärmlichste Lebensumstände bestimmen den Alltag der Roma auf dem Balkan, vor zehn Jahren wie heute, berichtet Harms. Primär, um ihnen zu helfen, wurde „Amal“ gegründet. „Das Wort bedeutet im Arabischen Hoffnung und in Romanes ‚Freundschaft‘“, erläutert die Vereinsgründerin. „Zunächst war unsere Arbeit auf die Roma fokussiert. Wir stellen beispielsweise Hühner bereit, um eine Grundversorgung mit Eiern und Fleisch anzuschieben. Oder wir zeigen den Menschen, wie sie mit Samen umgehen, um Gemüse anzubauen. In Bulgarien haben wir das ‚Esel-Projekt‘.“ Amal finanziert einen Esel und einen Wagen vor und „packt damit die Menschen bei der Ehre“. Das Geld nicht zurückzuzahlen, wäre für die Roma, die traditionell eher Händler und Kleinkünstler sind, eine Schande. „Das ist Entwicklungshilfe“, sagt Harms. Und möglicherweise eine Perspektive für die Menschen vom Balkan, die nach Deutschland kämen, obwohl sie „eigentlich wissen, dass sie nicht bleiben dürfen“.

„Gut gemeint reicht nicht“

Vor diesem Hintergrund hat sich das zweite Arbeitsgebiet von Amal e.V. entwickelt - die Flüchtlingsabeit. Die Vereinsmitglieder engagierten sich in der LAB und da besonders beim Deutschunterricht. „Am Anfang sind wir mit Blöcken und Stiften rein. Da waren wir noch ziemlich naiv“, meint Melanie Preusser. Einen Schub bekam die Arbeit während des großen Flüchtlingsansturms 2015. „Bei der Ehrenamtsbörse wurden wir von der Stadt gefragt, ob wir Helfer schulen könnten“, berichtet Harms, die selbst als Streetworkerin tätig war. „Auf einmal haben wir 20 Mitarbeiter dazubekommen. 95 Prozent haben wir immer noch.“ Amal setzt bei den Mitarbeitenden großen Wert auf Kontinuität und Professionalität. „Viele kommen aus therapeutischen und pädagogischen Berufen. Unsere Sprache ist Deutsch und jeder, der bei uns mitarbeitet, muss ein polizeiliches Führungszeugnis mitbringen. Gut gemeint reicht nicht“, stellt die Vereinsgründerin klar. Deshalb werden die Helfer auch geschult und fachlich begleitet. „Es hilft niemandem, die Helfer in einen Burnout laufen zu lassen“.

Die ehrenamtliche Arbeit von Amal e.V. finanziert sich in erster Linie aus Spenden , die katholische St. Martinus-Gemeinde und die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde unterstützen die Arbeit finanziell beziehungsweise mit Räumen ebenso wie der Humanistische Verband. Zurzeit ist eine Ausstellung in Vorbereitung, die über die Arbeit von Amal informieren soll.


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