BN-Serie: Angekommen Marina Kreismann: Aus Alma Ata nach Bramsche

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Marina Kreismann aus Kasachstan engagiert sich seit mehreren Jahren ehrenamtlich im Diakonieladen. Foto: Hildegard Werkenborg-PlackeMarina Kreismann aus Kasachstan engagiert sich seit mehreren Jahren ehrenamtlich im Diakonieladen. Foto: Hildegard Werkenborg-Placke

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie sind geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die BN-Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen. Heute: Marina Kreismann aus Kasachstan.

Aus der kasachischen Millionenstadt Alma Ata (heute: Almaty) mit Zwischenstationen in Leningrad und Baikonur über Magdeburg in die niedersächsische Kleinstadt Bramsche, zweimal verheiratet, acht Kinder, fünf Enkel - Marina Kreismanns Leben war voller spannender Veränderungen und Brüche. Jetzt ist sie angekommen, engagiert sich ehrenamtlich im Diakonieladen, besucht die Treffen der freikirchlichen Gemeinde „Lebensquelle“ in Osnabrück und hat eigentlich nur einen Wunsch „Dass es den Kindern gut geht“. Kreismanns Augen leuchten: „Die Kleinen sind immer so gern bei Oma“. Nein, selbst wieder erwerbstätig zu werden, könnte sie sich nicht vorstellen. Da sind doch die Kinder, das jüngste ist gerade zwölf, eines hat das Down-Syndrom, und die Enkel. Das Haus ist immer voll.

Komplexe Beweggründe

Kirchenkreissozialarbeiterin Natalia Gerdes, selbst aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen, dolmetscht, wenn es Marina Kreismann, die eigentlich mittlerweile gut deutsch spricht, allzu kompliziert wird. So ganz einfach ist es nämlich nicht, die Beweggründe zu erklären, die in den 1980er- und 90er-Jahren so viele Russlanddeutsche bewegte, in das Land ihrer Vorfahren auszusiedeln. Marina Kreismanns zweiter Mann hat deutsche Wurzeln, was der Familie den Weg nach Deutschland öffnete. Ihre Großeltern dagegen stammen aus Lettland, was das Leben in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, nicht eben leichter machte. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts weigerten sich die Soldaten aus den baltischen Staaten, den Befehlen der Generäle von Stalins Armee zu folgen. Auch Marina Kreismanns Vater wurde daraufhin zum Volksfeind erklärt und interniert. Die Familie hat ihn nie wiedergesehen. „Die Menschen verschwanden damals einfach“, ergänzt Natalia Gerdes. Kreismanns Großmutter und ihren Kindern gelang mithilfe von Nachbarn in letzter Sekunde die Flucht nach Alma Ata zu Verwandten.

Weitab von Moskau

Hier im äußersten Osten der UdSSR, weit ab von Moskau, fand die Familie ein neues Zuhause. Der Sohn heiratete, 1960 kam die kleine Marina zur Welt und wuchs auf mit den strikten Strukturen der kommunistischen Sowjetunion. „Wir haben alles mitgemacht“, erzählt sie. Sie war bei den Pionieren, den Komsomolzen. „Disziplin und Gehorsam waren sehr wichtig“, erinnert sie sich. Später macht sie eine technische Ausbildung in der Holzindustrie. Der Staat wies den jungen Leuten einen Arbeitsplatz zu. „Jeder hatte Arbeit“, sagt sie. Marina Kreismann verschlug es nach Baikonur in Nord-Kasachstan, das auch hierzulande wegen seines Weltraumbahnhofs bekannt ist. Sie arbeitete dort unter anderem in der Qualitätskontrolle und im Labor einer Möbelfabrik. Dann wurde geheiratet, gerade 21 war sie, als 1881 die Tochter geboren wurde. 1990 folgte ein Sohn. Marina arbeitete, wie es in der Sowjetunion üblich war, bald wieder. Die Kinder waren in einer Krippe versorgt. Dann, der Sohn war erst zwei Jahre alt, verunglückte ihr erster Mann.

Deutschstämmige hatten einen schweren Stand

1993 heiratete die junge Frau erneut. Wegen der deutschen Vorfahren des Mannes entschloss sich die Familie zur Auswanderung. Nicht nur der Wunsch nach Arbeit und einem besseren Auskommen waren bestimmend für den Entschluss. „Wegen des Zweiten Weltkriegs hatten die Deutschstämmigen einen schweren Stand in der Sowjetunion“, erläutert Natalia Gerdes. „Die Deutschen“ durften während der Stalinzeit ihren Wohnort nicht verlassen, sie galten als potentielle Verräter. Der Spruch „ihr Faschisten“ gehörte zum Alltag. „Erst 1970 haben wir Pässe bekommen“, erzählt Gerdes, deren Eltern in der Ukraine lebten. „Die meisten wollten einfach nur Deutsche unter Deutschen sein“, erklärt die Sozialarbeiterin. Marina Kreismanns Mann stammte aus einer kinderreichen Familie, Drei der elf Kinder gingen nach Deutschland, fünf waren schon jung in Kasachstan gestorben. Weil eine Tante des Ehemannes in Bramsche lebte, siedelte sich die Familie schließlich nach einer Zwischenstation in Magdeburg in Bramsche an. Der Ehemann arbeitete 18 Jahre bei einem Bramscher Taxiunternehmen, bis er wegen gesundheitlicher Probleme schließlich seinen Job verlor. Jetzt ist er seit einem halben Jahr arbeitslos und sucht eine neue Arbeit. Marina Kreismann bekam in Deutschland sechs weitere Kinder - ihr ein und alles. Und sie engagiert sich seit vier Jahren im Diakonieshop, wo sie von der Organisation bis zum Verkauf alles im Griff hat. „Ich arbeite gern mit Leuten. Es ist gut, unter Menschen zu sein und zu sprechen“, sagt sie. Die vielen russlanddeutschen Kunden wissen es zu schätzen, dass jemand die Sprache spricht, in der sie sich immer noch besonders zuhause fühlen.

Lotsen im Leben

Marina Kreismann erinnert sich dankbar an zwei alte Nachbarinnen, die sie immer wieder zu sich einluden, mit ihr kochten und backten. „Meine Kinder haben gesagt:‘Schmeckt lecker‘. Dann habe ich‘s auch gekocht“, lacht sie. „Man braucht einfach Lotsen im Leben“, findet Natalia Gerdes. Jetzt besucht Marina Kreismann regelmäßig ein hoch betagtes Ehepaar, dass sie beim Einkaufen kennenlernte.

Inzwischen hat Marina Kreismann in Bramsche Kontakt gefunden, die Kinder gehen zur Schule, machen eine Ausbildung, studieren. „Ich wollte meinen Kindern ein gutes Vorbild sein“, sagt sie.


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