BN-Adventsserie Angekommen Bootsflüchtling aus Vietnam findet Hafen in Bramsche

Sein eigener Chef ist Vinh Phuc Luong seit 22 Jahren im „Loon Fung“. Foto: Heiner BeinkeSein eigener Chef ist Vinh Phuc Luong seit 22 Jahren im „Loon Fung“. Foto: Heiner Beinke

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie kommen aus Portugal, den Niederlanden oder Syrien, sind vor Krieg und Verfolgung geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die BN-Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen. Heute: Vinh Phuc Luong aus Vietnam.

Wenn Vinh Phuc Luong Bilder von Flüchtlingen sieht, die auf hoffnungslos überfüllten Booten im Mittelmeer treiben, kommen unwillkürlich Erinnerungen an das eigene Schicksal hoch. „Denen geht es aber noch viel, viel schlechter als uns damals“, sagt der Chinese aus Vietnam. „Boat people“ wurden 1975 diese Menschen genannt, die übers Meer vor den Kommunisten flohen, die am Ende des Vietnam.Krieges dort die Herrschaft übernahmen. Vinh Phuc Luong, damals 17 Jahre alt, war zusammen mit der ein Jahr älteren Schwester einer von ihnen. Heute ist er vielen Bramschern bekannt als immer freundlicher Chef des Chinarestaurants „Loon Fung“ an der Maschstraße.

Die Eltern waren 1915 aus China nach Vietnam gezogen und haben es dort zu Wohlstand gebracht. Der Vater belieferte als Schneider die südvietnamesische Armee. „Wir hatten Häuser mitten in Saigon, gegenüber den besten Hotels der Stadt“, erzählt Vinh Phuc Luong, der das Neunte von zehn Kindern der Familie ist.

Weiterlesen: Wie der Vietnam-Krieg entstand

Flucht vor Kommunisten

Als die Kommunisten des Vietcong vor der Stadt stehen, ist der Familie klar: „Wir müssen hier abhauen“. Es wird entschieden, dass nicht alle das gleiche Boot nehmen sollen. „Nachher geht das unter und die ganze Familie ist weg“, erklärt der Restaurantchef. Zusammen mit seiner Schwester entscheidet er sich für Deutschland als Ziel: „Wir kannten das nicht, aber Deutschland klang gut. Und wir wollten einfach weg“. Das Schiff, das sie nach Deutschland bringt, heißt Hai Hong. „Danach kam die Cap Anamur“ und die Hilfsorganisation des Deutschen Rupert Neudeck, ergänzt Vinh Phuc Luong.

Ankunft in Friedland

In Friedland werden die jungen Chinesen aus Vietnam freundlich aufgenommen, danach besuchen sie in Hildesheim drei Jahre die Schule, die sie mit dem erweiterten Sekundar-Abschluss I verlassen. Der Familienplan geht auf: Nach und nach kommen alle Mitglieder in Deutschland an bis auf eine Schwester, die sich für Amerika entschieden hat.

Zu Hause hatte Vinh Phuc Luong gelernt, dass es wichtig ist, sich ein Ziel zu setzen und es beharrlich zu verfolgen. Sein Ziel ist es, Zahntechniker zu werden. Um die Zeit zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn sinnvoll zu nutzen, jobbt der junge Chinese mit den guten Deutschkenntnissen in Restaurants. „Das hat mir gleich Spaß gemacht, das ist abwechslungsreich und man hat viel mit Menschen zu tun“. Und so korrigiert er sein Ziel: Ein eigenes Restaurant soll es nun sein. Darauf bereitet er sich unter anderem mit einer Ausbildung als Koch vor. „Der Chef muss auch kochen können“, lautet die Begründung.

Elf Jahre lang arbeitet er in verschiedenen Restaurants zumeist in Großstädten, um Erfahrungen zu sammeln und Geld für ein eigenes Lokal zu sparen. In Oldenburg lernt er seine jetzige Frau Kerstin kennen. Die wechselt auch in die Gastronomie, um sich auf die gemeinsame Selbstständigkeit vorzubereiten.

Am Ziel in Bramsche

Schließlich ist es soweit: In Bramsche entdeckt Vinh Phuc Luong ein lohnendes Objekt für seine Pläne: Ein Neubau entsteht dort am Rande der Innenstadt, in dem auch ein Restaurant Platz finden soll. Vor 22 Jahren eröffnete er das „Loon Fung“. Die anderen Mieter im Gebäude an der Maschstraße haben inzwischen mehrfach gewechselt, das chinesische Restaurant ist geblieben. „Wir punkten mit Service und Qualität“, sagt der Chef, der sich wie seine Frau Kerstin inzwischen als Bramscher fühlt: „Wenn ich vom Restaurant in die Große Straße gehe, muss ich mindestens zehnmal Hallo sagen“. Genau das gefällt ihm: „In Bramsche kennt man sich, das ist ganz anders als in einer Großstadt“. Deshalb haben sie in Bramsche auch ein Haus gebaut, in dem sie bleiben wollen.

Kein Kontakt zur alten Heimat

Und die alte Heimat? Theoretisch müssten ihm noch zwei große Häuser in der Innenstadt von Saigon gehören. „Wenn ich die wiederbekommen und verkaufen könnte, wäre ich wahrscheinlich Millionär“, lacht Vinh Phuc Luong. Viel wahrscheinlicher sei es aber, dass die Gebäude „längst plattgemacht worden sind“. Er habe „lieben Kunden“, die einen Vietnam-Urlaub geplant hatten, die Adresse mitgegeben. Die hätten aber nichts gefunden, wohl auch, weil die Straßen inzwischen ganz anders heißen. Aber auch bei Google Earth habe er nichts finden können.

Pläne, nach Vietnam zu reisen, haben die Restaurantbetreiber nicht. Die Eltern sind inzwischen verstorben, die Geschwister in Deutschland „alle Rentner“. Zu Weihnachten gebe es regelmäßige Treffen, auch wenn dann die Zeit knapp ist: Das „Loon Fung“ ist an den Feiertagen geöffnet. Aber der Heiligabend gehört der Familie, auch wenn Vinh Phuc Luong Bhuddist ist: „Für mich hat das religiös keine Bedeutung, aber es ist ein schönes Familienfest“. Auch in der Hinsicht ist der chinesische Bootsflüchtling aus Vietnam ganz in Deutschland angekommen.


0 Kommentare