BN-Serie: Angekommen Familie Flor da Silva: Aus Portugal nach Bramsche

Matteo und Mara sind nur zwei von vielen Tageskindern, die Natalie Flor da Silva, hier mit ihrem Mann Vitor, schon in Bramsche betreut hat. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeMatteo und Mara sind nur zwei von vielen Tageskindern, die Natalie Flor da Silva, hier mit ihrem Mann Vitor, schon in Bramsche betreut hat. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie kommen aus Portugal, den Niederlanden oder Syrien, sind vor Krieg und Verfolgung geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die BN-Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen: Heute: Familie Flor da Silva aus Portugal.

Ein Reihenhaus in der Gartenstadt. Vor der Haustür verbreitet eine Kerze anheimelndes Licht. Drinnen sind die Räume adventlich geschmückt. Unzählige kleine Bramscher haben schon auf Natalie Flor da Silvas Schoß gesessen, haben mit ihr gespielt und Kindergeburtstag gefeiert, wie am Tag unseres Besuches. Seit 25 Jahren ist sie in Bramsche als Tagesmutter tätig, „und dass immer wieder gerne“. Ihr Mann Vitor arbeitet seit fast 40 Jahren als Schlosser bei der Firma Rieken in Achmer, wo er schon seine Ausbildung gemacht hat. „Wir gehören hierher. Wir haben hier unsere Freunde und Bekannten“. Natalie Flor das Silva und ihr Mann Vitor betonen es immer wieder.

Pässe mit der Gratifikation bezahlt

„Wir haben alle die deutsche Staatsangehörigkeit“, fügt Natalie Flor da Silva hinzu und muss bei der Erinnerung ein bisschen lachen. So einfach ist es nicht, Deutscher zu werden, und umsonst ist es auch nicht. „Als mein Mann 25 Jahre in der Firma war, hat er eine Gratifikation bekommen. Dann haben wir gesagt, das Geld investieren wir in die neuen Pässe“. So um die 250 DM müssten es gewesen sein, die es brauchte, um Vater, Mutter, Tochter und Sohn mit dem ersehnten Dokument auszustatten. Sprachkenntnisse mussten nachgewiesen werden, und, und...Familie da Silva war es das wert.

Aus der Stadt der Glasbläser

Anfang der 1970er Jahre, als sich die Eltern von Natalie und Vitor aus der Kleinstadt Marinha Grande nach Deutschland aufmachten, um zu arbeiten, hätte dies sicherlich noch niemand für möglich gehalten. Marinha Grande, zwischen Lissabon und Porto gelegen, ist bekannt für seine Glasindustrie. Beide Väter arbeiteten als Glasbläser. Aber Portugal war ein armes Land, der Verdienst schlecht. 2 335 Kilometer weiter Richtung Nordosten suchte der Betreiber der Glashütte im Bramscher Hafen dringend Arbeiter. Vitor Flor da Silvas Vater machte sich auf den Weg in den kalten Norden. Nach einem Jahr holte er seine Familie nach. „Es war von Anfang an klar, dass er zurückwollte“, sagt Vitor. Die Familie behielt ihr Haus und die Einrichtung und reiste lediglich mit ein paar Koffern nach Bramsche. „Er ist nur gekommen, um Geld zu verdienen“, sagt der Sohn. 1971 war das. Kollegen und Nachbarn halfen mit Mobiliar und Hausrat. Richtig Wurzeln hätten seine Eltern in der neuen Umgebung nie geschlagen, meint er. „Er war schon über 30. Da gewöhnt man sich schwerer irgendwo ein“, meint Natalie. Ihr Mann ergänzt: „Meine Eltern haben auch nie richtig deutsch gelernt. Wir Kinder mussten immer als Dolmetscher mit“. Der junge Vitor war 11, als es nach Bramsche ging. „Wir mussten eben mit“.

In Bramsche kennengelernt

Auch Natalie Flor da Silvas Vater war Glasbläser. aber „wir haben uns erst in Bramsche kennengelernt“, erzählen beide.

Dass sie sich in Bramsche trafen, beruht auf einem Zufall, denn Natalies Familie hatte es zunächst ins Hochsauerland verschlagen, wo der Vater in einer Papierfabrik arbeitete, dann aber arbeitslos wurde. Bei einem Besuch in Marinha Grande hatte Vitors Vater einen Autounfall. Totalschaden. Er musste mit dem Bus zurück nach Deutschland. Im Bus saß Natalies Vater, man kam ins Gespräch. Die Bramscher Glashütte suchte immer noch Arbeiter. Die Familie zog nach Bramsche. Natalie und Vitor lernten sich kennen und lieben. 1981 wurde geheiratet.

„Kurz nach unserer Hochzeit sind die Eltern wieder nach Portugal zurückgekehrt. „Für uns war das nie ein Thema. Es ist schön in Marinha Grande. Wir fahren gern dorthin. Aber leben, nein. Wir gehören hierher“, stellt Natalie fest. „Obwohl manchmal, wenn es hier kalt und nass ist, oder so als Rentner...?“ So ganz ernst meint er das nicht. Einmal im Jahr besuchen Flor da Silvas ihre Familien in Portugal. Früher kamen die Eltern zu Weihnachten nach Deutschland und sie kamen immer gern. Aber jetzt sind sie alle an die 80, Natalie Flor das Silvas Vater lebt bereits nicht mehr.

Die Enkel lernen portugiesisch

Die Elterngeneration ist zurückgekehrt, die Kinder sind geblieben. „Ab und zu gehen wir noch in den portugiesischen Verein in Osnabrück und essen Gambas“. Sohn und Tochter sind mittlerweile erwachsen. Beide haben in ihrer Jugend portugiesisch gelernt, bei den Enkeln hält es die Familie genau so. In Osnabrück gibt es eine portugiesische katholische Gemeinde mit eigenen Gottesdiensten, viele Kinder empfangen hier die erste Kommunion. Nicht so bei Familie da Silva. Kommunion wurde in St. Martinus gefeiert. „Kinder wollen zusammen sein“, sagt die erfahrene Tagesmutter. Und außerdem: „Dafür sind wir zu deutsch“.


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