Serie Tierwelten Gnadenbrot für Pferde auf dem Holunderhof in Pente

Das einäugige Pferd Harry hat bei Sonja und Michael Telscher auf dem Holunderhof ein neues Zuhause gefunden. Foto: Reinhard FanslauDas einäugige Pferd Harry hat bei Sonja und Michael Telscher auf dem Holunderhof ein neues Zuhause gefunden. Foto: Reinhard Fanslau

Pente. Keine Aufgaben mehr erfüllen und nur noch die Rente genießen – das dürfen alte, kranke und aussortierte Pferde auf dem „Holunderhof“ von Sonja und Michael Telscher in Pente. Auf dem großen Anwesen des Ehepaares an der Achmerstraße finden alte, kranke und verletzte Tiere seit Jahren Zuflucht, wenn sie anderswo nicht mehr erwünscht sind.

Vor gut 20 Jahren fing alles mit dem Schulpferd „Prinz“ an. Dieses hatte treu und brav sieben Jahre lang seinen oft schweren Dienst im nördlichen Landkreis verrichtet. Dann hatte es aus Sicht der Besitzer ausgedient und sollte zum Pferdeschlachter. Ein in der Nähe des Reiterhofes wohnendes holländisches Ehepaar bekam davon Wind und informierte die Telschers. „Prinz darf nicht in die Wurst – das war mein erster Gedanke“, erinnert sich Sonja Telscher. Zusammen mit ihrem Mann kümmerte sie sich um das ungeliebte Tier. „Jetzt ist Prinz mit seinen 28 Jahren steinalt und darf bei uns sein Leben genießen“, sagt Michael Telscher. Gesellschaft hat der Senior zurzeit von sieben Pflegepferden und den vier eigenen der Telschers. Jedes Pferd hat eine eigene Box, „mit Terrasse und Garten“, wie der Hausherr sagt. Dazu tummeln sich noch vier Hunde, zehn Hühner und zwei Hähne auf dem Holunderhof.

Schlachtfohlen gerettet

Ausgemusterte Pferde bekommen hier ihr Gnadenbrot. Ab und zu kümmert sich das Ehepaar aber auch um jüngere verletzte Rösser. So zum Beispiel vor Jahren um ein Fohlen, das auf die Schlachtbank sollte. Die Pferdeschützer holten es nach Pente, päppelten es wieder auf und vermittelten es an neue Besitzer. „Aus dem Schlachtfohlen ist ein Wanderreitpferd in den Vogesen geworden“, erzählt Michael Telscher. Bei der Vermittlung von Pferden haben die Tierschützer auch schon mal schlechte Erfahrungen gemacht. „Man kann den Leuten nur vor den Kopf gucken, aber nicht hinein“, sagt er und weist darauf hin, dass sich das Ehepaar das potenzielle neue Zuhause eines neuen Pferdes seitdem noch genauer unter die Lupe nimmt.

Ein anderes Schicksal auf dem Holunderhof verkörpert der Araber Harry. Das Pferd verlor durch einen versehentlichen Stoß seiner Mutter ein Auge, als er mit dem Kopf gegen eine Stalltür knallte. Für den Besitzer, einen Züchter aus Hamburg, wurde Harry dadurch wertlos und kam über Umwege an die Achmerstraße. Harrys Schwester brachte dem Züchter übrigens 40000 Euro Erlös ein, als er sie verkaufte. Ihr Bruder fand auf dem Holunderhof sein neues Zuhause. Dort wird er anders als seine Schwester nicht als gewinnbringende Ware betrachtet und ist den Telschers auch als Einäugiger ein vollwertiger Hofgenosse. Wenn der kleine, aber folgenreiche Unfall nicht passiert wäre, dann würde Harry heute wohl als Deckhengst in Hamburg „arbeiten“.

Hohe Kosten

Trotz der gelegentlichen Hilfe von Tochter Laura, die inzwischen 19 ist, geraten die Telschers so langsam an ihre Grenzen – vor allem zeitmäßig. Aus diesem Grund haben sie auch schon seit längerer Zeit die sonst so beliebten Hof- oder Sommerfeste oder Flohmärkte nicht mehr veranstaltet. Auf dem Holunderhof fallen täglich vier Stunden Arbeit an. „Uns fehlen die Helfer. Daher haben wir keine Zeit mehr für die Feste. Wir sind beide voll berufstätig“, erklärt Sonja Telscher. Ihr Mann weist auf die finanziellen Hürden des ehrenamtlichen Engagements hin: „Wir machen alles auf rein privater Basis. Wir sind kein Verein und bekommen von niemandem Geld“, berichtet Michael Telscher. Gerade die Kosten für den Tierarzt fallen manchmal ganz schwer ins Gewicht. Ein Pferd litt vor kurzem unter einer Kolik. Der Veterinär musste mehrfach erscheinen. Am Ende standen 680 Euro auf der Tierarztrechnung.

Die Tiere müssen gefüttert werden. Auch das kostet viel Geld. Ab und zu kommen mal Freunde oder alte Schulkameraden vorbei und bringen Futter für die Tiere mit, aber den Rest müssen die Telschers alles aus eigener Tasche bezahlen. „Ein Ballen Stroh kostet 40 Euro und hält nur vier Tage“, rechnet Michael Telscher vor und sagt: „Draufgezahlt haben wir all die Jahre immer.“

Erster Kurzurlaub seit 20 Jahren

So schwierig es auch manchmal ist, ans Aufhören denkt das Ehepaar Telscher nicht. Dazu ist die Liebe zu benachteiligten Pferden zu groß. „Wir können schutzbedürftigen Pferden eigentlich nicht mehr helfen, als wir zurzeit helfen. Aber wenn ich ein leidendes Pferd sehe, dann kann ich nicht anders als zu helfen und dann helfe ich“, sagt Sonja Telscher. Der Akku ist gerade erst wieder etwas aufgefüllt. „Wir sind in diesem Jahr das erste Mal nach 20 Jahren wieder mal drei Tage zusammenhängend verreist gewesen“, berichtet Michael Telscher. Zusammen mit seiner Frau verbrachte er einen Kurzurlaub auf Rügen. Vielleicht finden sich doch Helfer für den Holunderhof, so dass nicht wieder 20 Jahre bis zum nächsten Urlaub vergehen müssen.


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