Eine Stunde auf dem Hof Berling Bramscher Milchbauer macht jeden Tag Verlust

Von Christoph Lützenkirchen


Ueffeln/Balkum. Nach aufwendiger Modernisierung müssen die Balkumer Milchbauern Birgit und Hermann Berling mit extrem niedrige Milchpreisen leben. Wir besuchen sie eine Stunde auf ihrem Hof.

Alles auf eine Karte

Vor vier Jahren haben Birgit und Hermann Berling alles auf eine Karte gesetzt . Die beiden Landwirtschaftsmeister modernisierten ihren Milchviehbetrieb in Balkum. Dabei übersprangen sie gleich mehrere Entwicklungsstufen der letzten Jahrzehnte. Auf der Diele des alten Fachwerkhofes brachten Berlings bis 2012 eine Herde von 35 Milchkühen in Anbindehaltung unter. Gemolken wurde morgens und abends je zwei Stunden; mühsam musste man sich mit dem schweren Melkgeschirr zwischen den großen Tieren bewegen. Auch die Reinigung des Stalls war Knochenarbeit.

Heute leben auf dem Hof 87 Kühe in zwei großen Boxenlaufställen. Zwei Melkroboter melken sie immer dann, wenn den Tieren gerade der Sinn danach steht. Die Landwirte sind morgens und abends je zwei Stunden im Stall, doch die Arbeit ist weniger anstrengend. Sie füttern, überwachen die Technik und schauen nach den Tieren. „Auf Dauer wollen wir bis auf 130 Kühe aufstocken“, sagt Hermann Berling. Damit wären die beiden Roboter optimal ausgelastet. Jeder von ihnen kann täglich circa 60 Kühe melken.

Gewagter Sprung

Von der Anbindehaltung zum vollautomatischen Melkroboter, von 35 Kühen auf fast 90, langfristig 130, einen solchen Sprung wagen sicher nur wenige. Doch für die Balkumer Familie geht es bei der Entscheidung für den neuen Stall und die hochmoderne Technik um alles oder nichts. Die Entscheidung fällt schon 2008. „Eigentlich wollten wir die Landwirtschaft schon aufgeben und unsere Flächen verpachten“, erzählt der 47-jährige Hermann Berling. In der Familie werden viele Gespräche geführt. „Wir machen diese Arbeit sehr gern, wir lieben sie“, sagt Birgit Berling (41). Ihrem Mann geht es genauso. 2012 folgt der große Schritt: Familie Berling baut den ersten Boxenlaufstall mit dem ersten Melkroboter. Damit sind die Möglichkeiten des 60-Hektar-Hofes ausgeschöpft. Doch nur ein Jahr später meldet sich ein Nachbar bei Berlings. Er will die Landwirtschaft aufgeben. Der Pachtpreis passt und Berlings greifen zu. Die 50 Hektar Pachtland bilden die Grundlage für den zweiten neuen Stall mit Melkroboter. „Pro Roboter haben wir mit 600.000 Kilo Milch gerechnet“, sagt Hermann Berling: „Im letzten Jahr waren es 700.000 Kilo.“ In Deutschland liegt der Verbrauch an Frischmilch pro Person bei etwa 92 Kilo, die Balkumer Familie versorgt mit ihren Tieren demnach aktuell gut 7500 Menschen. Wenn der Viehbestand wie geplant auf 130 Tiere steigt, könnte die Produktion auf bis zu 1,4 Millionen Kilo pro Jahr wachsen. Der Betrieb würde dann den Frischmilchbedarf von 15.000 Menschen decken.

Hohe Leistung

Unter den neuen Haltungsbedingungen ist die Milchleistung der Kühe auf dem Hof Berling von durchschnittlich 10.000 Kilo pro Kuh jährlich auf durchschnittlich 11.000 Kilo gestiegen. Seinen Kühen gehe es in den neuen Stellen viel besser, ist Hermann Berling überzeugt. Zur konstant hohen Leistung trägt seinen Angaben zufolge maßgeblich auch die Fütterung bei, die Tiere bekommen Silage und Körnermais aus eigener Produktion. Zudem kauft der Landwirt Soja-und Rapsschrot zu. Um seine Herde leistungsfähig und gesund zu erhalten, sei auch der Einsatz von Antibiotika notwendig, so Berling. Das Familienleben hat sich mit den neuen Ställen und den Melkrobotern einschneidend verändert. „Darüber wurde hier schon oft gesprochen“, sagt die älteste Tochter Katharina (15): „Da war dann immer von flexibleren Arbeitszeiten die Rede.“ Ihre Mutter bestätigt das, es sei leichter, Arbeiten auch einmal zu anderen Zeiten zu erledigen. Hermann Berling ist ein anderer Aspekt besonders wichtig. „Durch die Modernisierung haben wir die Möglichkeit geschaffen, dass unsere Kinder vielleicht auch einmal hier im Betrieb arbeiten werden“, sagt er. Die Kollegen rundum hätten die Landwirtschaft meist schon aufgegeben. Das liege auch an den Problemen in der Hofnachfolge.

Preis zu niedrig

Die Balkumer Familie hat viel Geld in die Hand genommen, um sich eine Zukunft in der Landwirtschaft zu gestalten. Doch wie leben Berlings mit dem dramatisch gesunkenen Milchpreis? „Mit dem aktuellen Preis kann ich den Stall nicht bezahlen“, sagt Hermann Berling: „Für den letzten Monat gab es 21,5 Cent je Liter. Wir brauchen aber 29 Cent, um zumindest die Kosten für die Finanzierung und die Produktion zu decken. Damit ist unsere eigene Arbeit noch nicht bezahlt.“ Um das zu leisten müsste der Milchpreis bei mindestens 35 Cent liegen, erklärt der Landwirt; 40 Cent pro Liter würden ausreichen, um die zwingend notwendigen Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden. Die Schwankungen des Preises sind nichts für schwache Nerven. Nach nur 22 Cent in 2008 kletterte er bis 2013/14 auf 40 Cent, um bis heute erneut auf Tiefststände einzubrechen. Hermann Berling ist schonungslos offen, was seine Situation angeht: „Mit dem aktuellen Viehbestand machen wir jeden Tag 300 Euro Verlust, bei voll ausgelastetem Stall wären es 500 Euro.“ Der Balkumer Bauer hat versucht, gegenzusteuern und die Kraftfuttermenge zu reduzieren, doch seine Kühe reagierten mit Stoffwechselstörungen. Effektive Einsparungen ließen sich im Stall nur über weniger Tiere erzielen, sagt er. „Eine Kuh kann man aber nicht abstellen wie eine Maschine. Und ich will auch keine tragende Kuh schlachten“, so Hermann Berling. Ganz wichtig sei in solchen schwierigen Zeiten der gute Kontakt zur Hausbank, erklärt er. Die Kreissparkasse hat die Investitionen auf dem Hof finanziert. Als Sicherheit hat Familie Berling ihre Flächen eingebracht. Man telefoniert alle drei Wochen.

Großer Druck

Der Druck ist groß. Und doch rechnen Hermann und Birgit Berling damit, dass sie die Krise heil überstehen werden. Mit den umfangreichen Investitionen ist ihr Betrieb produktionstechnisch optimal aufgestellt. Ergänzt wird das durch die enge Zusammenarbeit mit Lohnunternehmern beim Ackerbau. Das Pflügen und Gülle fahren vergibt Berling an die Spezialisten. Er selbst sät, mäht und düngt. „Mehr ist zeitlich nicht machbar“, sagt er. Die Balkumer Bauern glauben, dass Kollegen, die weniger effektiv wirtschaften, die Landwirtschaft in der Krise aufgeben werden. Von der Politik erwarten sie wenig. „Die Hilfsprogramme , von denen derzeit immer die Rede ist, bringen die Landwirte meiner Meinung nach nur in neue Abhängigkeiten“, sagt Hermann Berling. Es handele sich in der Regel um kurzfristige Finanzierungshilfen. Langfristig sei aber der Markt das wirksamste Mittel zur Regulierung . Angesichts des Ernsts der Lage mag der Optimismus der Balkumer Bauern wie Pfeifen im Walde klingen. Wer Familie Berling begegnet, lernt aber Menschen kennen, denen die Verantwortung für die eigenen Flächen ein Herzensanliegen ist. Sie wollen diese Verantwortung selbst wahrnehmen und sie nicht bequem an Pächter delegieren. Wenn sie nicht zur Schule müssen helfen die Kinder ganz selbstverständlich bei der morgendlichen Stallarbeit. Begeistert erzählen sie von den jungen Kühen, mit denen sie bei Ausstellungen waren. Hermann Berling arbeitet zurzeit noch vier Stunden täglich auswärts. Sein großes Ziel: Den Familienbetrieb wieder als Vollerwerbslandwirt führen.


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