Mettinger Studienkolleg zu Gast Besucher aus 20 Ländern auf Kalkrieser Biohof

Von Christoph Lützenkirchen

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Kalkriese. Besuch von einem Studienkolleg in Mettingen hatte der Biolandhof „Die Gemüegärtner“ in Kalkriese: Die Schüler aus 20 verschiedenen Ländern informierten sich über ökologische Landwirtschaft.

„Bei uns zu Hause ist alles Bio“, sagt Bhuwan Arjal. Der junge Mann gehört zu einer Gruppe von Schülern des Mettinger Studienkollegs, die die Gemüsegärtnerei Kalkriese besuchte. Arjal stammt aus Nepal, dort hat die moderne Landwirtschaft mit ihren synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln offenbar noch nicht Einzug gehalten. Aus dem Kreis der gut 40 Mitschüler des jungen Nepalesen tönt es von verschiedenen Seiten: „Bei uns ist das auch so, alles Bio!“ Für Burkhard Preckel ist das keine Überraschung. Der Geschäftsführer des Kalkrieser Biolandbetriebs führt die Gruppe über die Gemüseäcker, durch die Gewächshäuser, die Kühlhäuser und die Verpackungshalle. „Bei Euch gibt es wohl noch eine traditionelle Kreislaufwirtschaft“, sagt er.

Kollegiaten aus 20 Ländern

Die Kollegiaten stammen aus 20 Ländern rund um den Erdball: Mozambik, Kongo, Nigeria, Kenia, Ghana und Marokko in Afrika; Kolumbien, Venezuela, Mexiko und Brasilien in Süd- und Mittelamerika; Iran, Irak, Afghanistan, Jemen, Syrien, Indonesien, Nepal und China in Asien; außerdem Kroatien und Albanien in Europa. Den kürzesten Weg nach Mettingen hatte der Kroate Josip Konso. Ihn erwischt Lehrerin Karin Thomas während des gemeinsamen Essens beim Telefonieren. Das ist in ihren Gruppen strengstens untersagt. Die Mitschüler freuen sich. „Kuchen“ tönt es aus der Runde: Wer sich ertappen lässt, muss einen backen und mitbringen. „Auf diese Weise haben wir schon sehr viele, sehr unterschiedliche Backtraditionen kennengelernt“, sagt Thomas. Sie hat ein großes Herz für ihre bunte Truppe, aber sie verlangt auch viel von ihnen. Innerhalb eines Jahres wollen die Schüler in Mettingen so gut Deutsch lernen, dass sie den Sprung an eine deutsche Universität schaffen. Fernziel: Studiengänge in den Bereichen Medizin und Pharmazie.

Grundlagen der ökologischen Wirtschaftsweise erklärt

Das Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss bringen alle aus ihren Heimatländern mit. Die muntere Gruppe büffelt seit Februar zusammen in Mettingen. In wenigen Tagen geht es in die Semesterferien. Die Exkursion nach Kalkriese hat Lehrerin Karin Thomas angesetzt: „Weil Mediziner was von gesunder Ernährung verstehen sollten.“ Begonnen hat die Führung im Gewächshaus der Gärtnerei bei Gurken und Tomaten, anschließend folgt ein Gang durch die Gemüsekulturen. „Sind das Pflaumen?“, fragt eine der Schülerinnen und zeigt auf einen Birnbaum am Straßenrand. Burkhard Preckel erklärt die Grundlagen der ökologischen Wirtschaftsweise: Fruchtwechsel, Gründüngung, nachhaltiger Pflanzenschutz. Die Schüler hören aufmerksam zu, einige schreiben eifrig mit. Die Materie ist nicht einfach und manchmal haben sie Schwierigkeiten, den Ausführungen des Fachmanns zu folgen. „Was heißt ‚geerntet‘?“, fragt die Irakerin Hibatullah Hani. Die deutsche Sprache sei wirklich schwer zu lernen, erklärt sie lachend. Viel leichter fällt es den Kollegiaten, sich auf Englisch auszutauschen. Doch ihr Ziel verlieren sie nicht aus den Augen, die Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zu den begehrten Studienplätzen.

Fruchtiger Imbiss

Letzte Station der Führung ist die geräumige Halle, wo gerade Kisten für den Abo-Service der Gemüsegärtnerei gepackt werden. Anschließend lädt Preckel die Gäste zu einem fruchtigen Imbiss ein. Die jungen Leute lassen sich das frische Obst munden – bis auf Radouane Sadeg. Der Marokkaner ist Muslim, für ihn ist heute der letzte Tage des Fastenmonats Ramadan. Im großen Kreis werden nun einige Fragen besprochen. Welche Vorteile biologisch angebaute Produkte hätten, will einer der Teilnehmer wissen. Preckel erklärt, dass sich die Qualität der Bioprodukte nicht von der konventionell erzeugter Ware unterscheide. „Wir machen Bio aus politischen Gründen“, sagt er. Einen anderen Schüler beschäftigt die Frage, ob es möglich sei, die gesamte Menschheit mit Produkten aus ökologischem Landbau zu ernähren. Der Geschäftsführer der Gemüsegärtnerei muss hier etwas ausholen. Mit den bestehenden Ernährungsgewohnheiten würde das nicht funktionieren, sagt er. Das liege vor allem an dem stetig wachsenden Fleischkonsum. Für die Ernährung von Nutztieren müsse man etwa dreimal so viel pflanzliche Rohstoffe aufwenden, als wenn Menschen diese direkt verzehren.

Viele Fragen

Eine junge Frau aus Ghana interessiert sich dafür, wie lange sich die Produkte aus Bioanbau halten. Ihr Deutsch klingt so akzentfrei, dass man glauben könnte, sie sei hierzulande aufgewachsen. Es sei am besten, das Gemüse und Obst möglichst schnell zu verbrauchen, sagt Preckel: „Das ist deswegen so wichtig, weil es nicht wie konventionelle Produkte vor der Alterung geschützt werden darf. Es wird weder bestrahlt noch beschichtet.“ In ihrem Heimatland gebe es so etwas wie ein Ablaufdatum nicht, erzählt die Ghanaerin: „Wir schauen uns die Lebensmittel selbst an und entscheiden, ob wir sie noch essen wollen.“ Den nächsten Frager beschäftigen die möglichen Nachteile von Ökolandbau. Burkhard Preckel beschönigt hier nichts. Man müsse damit leben, häufiger Misserfolge zu erleben. Konventionelle Gärtner würden vorbeugend spritzen, deshalb gebe es hier weniger Probleme. Daniela Seijas Gonzales aus Venezuela schreibt alles aufmerksam mit. Sie wird einen Bericht über die Exkursion verfassen. Den Busfahrer hat sie trotzdem nicht vergessen. „Bekommt der auch etwas zu essen“, fragt die junge Frau besorgt.

Aufmerksame Schüler

„Unsere Schüler sind sehr aufmerksam und höflich“, hat Karin Thomas beobachtet. Dieser Eindruck bestätigt sich auch anhand der Fragen. So wollen die Gäste von Burkhard Preckel wissen, ob er zufrieden mit seinem Leben und seiner Arbeit ist. Der Kalkrieser Gärtner erzählt an dieser Stelle ein wenig von der Geschichte des Betriebs. Wie man vor über 30 Jahren angefangen habe und von den Nachbarn belächelt wurde. Wie sich aus den einfachen Anfängen ein Unternehmen mit vielen Mitarbeitern und Kunden im ganzen Landkreis entwickelt habe. Doch, ja, er sei zufrieden und würde es immer wieder so tun, so Preckel.

Die jungen Menschen aus 20 Ländern weltweit stellen Fragen, wie sie auch deutsche Schüler stellen könnten. Sie sind interessiert, kritisch, nachdenklich. Karin Thomas ist begeistert von ihren Kollegiaten: „Die sind ehrgeizig, die wollen was.“ Trotz der großen kulturellen Unterschiede gelinge es in Mettingen immer wieder, aus den vielen Individuen eine funktionierende Gruppe zu formen. „Wir haben einen guten Geist an der Schule“, ist die Lehrerin überzeugt. Der Schlüssel zu den Schülern sei Respekt; wenn sie merken, dass sie geachtet werden, sei das die halbe Miete. Burkhard Preckel hat der Kontakt mit den quirligen jungen Menschen sichtlich Spaß gemacht. Auch nach drei Jahrzehnten sprüht der Mittsechziger noch vor Begeisterung für sein Thema „Biologischer Landbau“. Er zögert denn auch nicht, als zum Schluss gefragt wird, ob Bio die Zukunft sei. Bio müsse die Zukunft sein, so Preckel: „Sonst werden wir die Probleme beim Klimaschutz nicht lösen und durch die Überproduktion in der Landwirtschaft werden weitere Bauern aufgeben müssen.“


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