Kabarett-Abend René Sydows doppelte Premiere im Bramscher „Universum“

Von Holger Schulze

Mit seinem neuen Programm „Warnung vor dem Munde“ feierte René Sydow Premiere im Bramscher „Universum“. Foto: Holger SchulzeMit seinem neuen Programm „Warnung vor dem Munde“ feierte René Sydow Premiere im Bramscher „Universum“. Foto: Holger Schulze

Bramsche. Der Kabarettist René Sydow hat am Mittwochabend Premiere im Bramscher Kino „Universum“ gefeiert – und das gleich in zweifacher Hinsicht.

René Sydow wird als „Poet unter den Kabarettisten“ beschrieben. Elf Preise zieren bereits seine Karriere. Am Mittwochabend spielte er zum ersten Mal in Bramsche. Und sein neues Programm „Warnung vor dem Munde“ wollte er eigentlich erst Mitte April uraufführen. Ein Kommunikationsversehen war der Grund, dass der Profi bereits jetzt mit seinem Munde warnte. René Sydow stellte sich dieser unvorhergesehenen Herausforderung, sympathisch agil, wortgewandt und dies, obwohl er noch längst nicht wieder ganz gesund war.

Hiobsbotschaften setzte der Kabarettist an den Beginn der Vorstellung. Täglich aussterbende Tierarten, verhungerte Menschen oder, tagesaktuell, die Anschläge von Brüssel waren darunter. Danach ging es mit einem „Kommt ein Mann zum Arzt“-Witz weiter. Auch der ganzkörperrasierte Mann mit seinem Sixpack oder Singen, Tanz und Gedichte, kurzum die Kunst, als Objekte des Teilens mit den Hungernden in dieser Welt, „wenn man schon auf seine Currywurst nicht verzichten mag“, befreiten die Vorstellung immer mal wieder aus der allzu bedrückenden Nachdenklichkeit hinter dem Humor.

Hochintelligenz und Herrenwitz

Sydow beherrscht auf geniale Weise den Spagat zwischen Hochintelligenz und Herrenwitz. Er kann selbst aus dem Radikalismus im arabischen Raum, aus „15-Jährigen mit dem Sprengstoffgürtel, in der Hoffnung auf einen Jenseitspuff“, bei aller Tragik immer noch ein wenigstens verhaltenes Lachen im Publikum erzeugen, das eben nicht vollständig im Halse stecken bleibt.

„Wann haben wir Menschen eigentlich aufgehört zu denken?“, diese Frage zog sich als roter Faden durch den gesamten Abend und mutierte zum Imperativ eines tiefgründigen Nachdenkers, der der Gesellschaft hinsichtlich der zahlreichen Verbreitungsgebiete von Epidemien des Wahnsinns den gnadenlosen Vergrößerungsspiegel vorhielt. Sydow bewies sich souverän als das Multitalent, das in ihm steckt: Schauspieler und Autor, der auch deshalb Kabarett macht, um an dem Wahnsinn um sich herum nicht verrückt zu werden. Er ist ein begnadeter Poetry-Slammer und „Spracharbeiter“, wie sich Sydow selbst nennt.

Aufforderung zum ungehorsamen Denken

Seine Aufforderung galt dem ungehorsamen Denken, dem auch mal unsinnig erscheinenden Tun, gewürzt mit beißendem Sarkasmus, aber Hauptsache bewusst. „Lasst uns tanzen, vor allem aus der Reihe. Werden wir kreativ und stellen uns starr und schweigsam, gegen alles, was uns nicht passt“.„Die Gedanken sind frei, aber die Köpfe sind leer“ oder „Deutschland, das Land der Dichter und Denker, nichts liegt ferner, die Deutschen werden immer dümmer“, waren Sätze, mit denen sich der Poet unter den Kabarettisten als scharfzüngiger Ankläger des weltweit abstumpfenden Bewusstseins outete, und dies mit einer ungeschminkten Klarheit, die für ihn zu Zeiten von Heinrich Heine vermutlich das sichere Exil bedeutet hätte.

Das Publikum bekam einen ungebrochen unterhaltsamen Mix aus schwer Verdaulichem und leichter Humoristenkost serviert. René Sydow changierte zwischen „Opasein mit Leidenschaft, Viagra gibt im Alter Kraft“, den Weight Watchers, der Haartransplantation, den Schutzwällen gegen Flüchtlinge, dem Wunsch, Howard Carpendale zu sein, den Ausländerhassern, Waffenlieferungen an Diktaturen, der Fitness der Veganer oder der „reinen Lüge, die in ihrer Komplexität eine Kunst ist, zu der die meisten Politiker bereits rein rhetorisch nicht in der Lage sind“, hin und her.

„Ich hoffe, dass ein wenig was hängen bleibt“, ließ Sydow in einem Gespräch in der Pause wissen. Das wäre wirklich schön, denn auf der Bühne stand am Mittwochabend ein Wortartist mit einem entlarvenden Blick für das Weltgeschehen, kombiniert mit der Fähigkeit, ohne Wehleidigkeit auf den kritisch werdenden Zeitgeist aufmerksam zu machen.