„Puschenprojekt“ im Rumänien Bramscherin wandert nach Siebenbürgen aus

Von Christoph Lützenkirchen

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Probstdorf/Bramsche. Julia und Erich Krämer sind ausgewandert. In Probstdorf in Siebenbürgen haben sie eine neue Heimat gefunden. Beide führen dort ein sehr ursprüngliches Leben. Pferdekarren sind hier das bevorzugte Transportmittel. 1800 Kilometer südöstlich von Bramsche. Dabei wuchs Julia einst in Evinghausen auf, Erich wohnte zuletzt in Tecklenburg.

Es ist wie eine Zeitreise. Dabei liegt das Herz Rumäniens nur gut 1800 Kilometer südöstlich von Bramsche. In Probstdorf in Siebenbürgen (rumänisch Stejarisu) gibt es nur wenige Autos, dafür viele Pferde, Kühe und Schweine. Das Dorf mit seinen bunten, kleinen Häusern ruht inmitten einer sanft hügeligen Hochebene im Karpatenbogen. Hier leben Julia und Erich Krämer. Julia (37) ist im Bramscher Ortsteil Evinghausen aufgewachsen, Erich (67) wohnte zuletzt in Tecklenburg.

„Als Selbstversorger“

Viele Rumänen streben nach Deutschland; sie hoffen, hier Glück und Wohlstand zu finden. Das deutsche Paar hat sich für Probstdorf entschieden. „Die Menschen hier sind freundlich und offen, die Kinder grüßen auf der Straße“, erzählt Julia: „Die meisten leben als Selbstversorger.“

Die Bewohner von Probstdorf wählen jedes Jahr einen der ihren zum Hirten. Vom 1. Mai bis 15. November führt er morgens die rund 100 Kühe des Dorfes auf die kargen Weiden in den umliegenden Hügeln. „Abends kehren sie dann heim, und jede Kuh findet allein das richtige Törchen, in das sie abbiegt, um gemolken zu werden“, berichtet Julia. Wenig später strömen die Menschen mit Eimern und Milchkannen zur Michsammelstelle. Für einen Liter Milch bekommen die Dorfbewohner umgerechnet etwa 25 Cent. Den Hirten bezahlen sie gemeinsam, er bekommt Lei (die rumänische Währung), Mais und Brot.

Julia entdeckt Probstdorf während einer Rumänienreise im Jahr 2013. Sie macht Station im ehemaligen Pfarrhaus; eine österreichische Initiative hat es zum Gästehaus umgebaut. „In diesem Haus und diesem Dorf fühlte ich mich auf eine seltsame Art sofort zu Hause“, erinnert sie sich. Die 37-Jährige ist fasziniert davon, wie ursprünglich man hier noch lebt und wie sehr man mit der Natur verbunden ist. Das Wasser wird aus dem Brunnen geholt. Im Winter wird es nur warm, wenn man genügend Holz geschnitten und gehackt hat. Der eigene Garten und Acker, das eigene Vieh sind überlebenswichtig. Pferdekarren sind das bevorzugte Transportmittel. Gepflügt wird oft noch mit dem Pferd, das Heu schneidet man mit der Sense. Die Maiskolben werden mit der Hand gepflückt. „Die Menschen verlassen das Dorf eigentlich nur, um zum Markt oder für andere Erledigungen in die zehn Kilometer entfernte nächste Stadt zu fahren“, so Julia.

Eigenen Garten angelegt

Erich ist seit zwei Jahren Rentner. Die urwüchsige Natur von Siebenbürgen hat auch ihn unmittelbar fasziniert. Allerdings seien die Temperaturen von bis zu 40 Grad im Sommer und wochenlang minus 15 bis 25 Grad im Winter ziemlich gewöhnungsbedürftig, sagt er. Gleiches gilt für die halbwilden Hirtenhunde, auf die man trifft, sobald man außerhalb des Dorfes wandern geht. „Man kann hier viel über sich selbst lernen“, ist Erich überzeugt: „Zum Beispiel, wie groß die Zufriedenheit mit einem so einfachen Leben sein kann.“ Im Jahr 2014 beschließen die beiden, als Paar gemeinsam in Rumänien zu leben. Im November des Jahres mieten sie ein Haus im Dorf. Im ersten Winter gibt es dort – wie fast überall im Dorf – kein fließendes Wasser. Geheizt wird mit Holzöfen. Das Plumpsklo ist draußen auf dem Hof, bei klirrender Kälte ein weiter Weg.

Im März 2015 kauft das Paar ein eigenes Haus in Probstdorf. „Es gehörte einem Ehepaar, das seit der Wende in Deutschland lebt und nur noch im Sommer herkam“, berichtet Julia. Das Haus hat drei Zimmer, einen Stall, eine Scheune, einen großen Garten und einen Hektar Land. Neben dem Haupthaus gibt es ein winziges Häuschen, in dem seit vielen Jahren Jenica wohnt. Sie hat den Hof gehütet. Julia und Erich wollen ihr Haus zum Gästehaus ausbauen und selbst im gemieteten Haus wohnen. Sie laden Jenica ein, zu bleiben und sie anstatt einer Miete zu unterstützen. Die 60-Jährige kümmert sich nun um das Schwein des deutschen Paares, Rosa, und die vier Ferkel.

Am gekauften Haus legt Erich einen großen Garten an, mit Kartoffeln, Mangold, Erbsen, Bohnen, Zucchini, Gurken, Tomaten, Weißkohl, Rotkohl, Paprika, Peperoni, Spinat. Im Sommer ernährt der Garten die beiden und ihre zahlreichen Gäste aus Deutschland. Erich bezieht Rente. Julia ist freiberufliche Texterin. Ohne Internet und Telefon kann sie nicht arbeiten. Doch überraschenderweise ist die Anbindung ans Internet im Dorf ausgezeichnet. Das wirtschaftliche Überleben der beiden ist gesichert. Sie müssen ihr Geld nicht in Rumänien verdienen. „Fast jeder hat hier ein Smartphone und ist bei Facebook angemeldet“, sagt Julia: „Das ist schon ein großer Kontrast, das World Wide Web ist allzeit verfügbar, aber das Wasser müssen die meisten mit dem Eimer vom Brunnen holen!“

So ließe sich recht bequem in dem idyllischen rumänischen Dorf leben. Doch das deutsche Paar will etwas für die Menschen in Probstdorf tun. „Sie begegnen uns Fremden mit so viel Offenheit und Herzlichkeit“, so Julia. Was von außen pittoresk erscheint, ist für viele Einheimische ein hartes, arbeitsreiches Leben. „Die jämmerlich geringe Sozialhilfe bekommt nur, wer kein Vieh und kein Land hat“, sagt Julia: „Deshalb sind die Menschen froh, regelmäßig noch ein paar Lei hinzuzuverdienen.“

Tagessatz bei 9,50 Euro

Der Tagessatz für einen Arbeiter liege bei 9,50 Euro. Nachts um vier Uhr fährt ein Bus einige Menschen aus dem Dorf in eine nahe gelegene deutsche Kabelfabrik. Nachmittags um vier sind sie zurück. Dafür bekommen sie zirka 200 Euro netto im Monat. Die Schuhfabrik in der nächsten Stadt wurde vor einem Jahr geschlossen. Die Ladenpreise sind mit Deutschland vergleichbar. Deshalb ist jeder Selbstversorger. „In den drei Dorfläden werden keine Eier und kein frisches Gemüse angeboten“, sagt Julia: „Das haben alle selbst im Garten.“ Schwer ist das für Menschen, die alleine leben. Oft sind es Frauen. Nach zwölf Stunden Arbeit in der Fabrik schaffen sie es kaum, die Arbeit in Hof und Garten zu bewältigen.

Internet funktioniert gut

In 2015 haben Julia und Erich ihr „Puschenprojekt“ auf den Weg gebracht (siehe Kasten). Zurzeit arbeiten sie mit vier Frauen aus dem Dorf, weitere Frauen sind interessiert. „Das Projekt zieht Kreise“, sagt Erich. Die beiden wollen nun regelmäßige Workshops durchführen und mehr Frauen aufnehmen. Gleichzeitig finden sich immer mehr Unterstützer in Deutschland, die sich im Vertrieb der Puschen engagieren. Zahlreiche Freunde und Bekannte waren 2015 bei Julia und Erich zu Gast. Ein Mann aus dem Dorf fährt die Gäste mit seinem Pferdewagen in der Gegend umher und verdient sich ein kleines Zubrot. Erich verleiht Fahrräder. Zusammen mit zwei Jugendlichen aus dem Dorf hat er sie instandgesetzt. Zwei Räder gehören den Jungen. „Wenn die verliehen werden, geht der Erlös an die beiden“, erzählt Erich. Für die Zukunft plant er ein weiteres Projekt: Aus dem größten der trostlosen Dorfläden soll ein Treffpunkt für das Dorf werden. Mit Sitzgelegenheiten auf dem großen Platz vor dem Laden. Sonntags soll es Kaffee und Kuchen geben. Außerdem soll im Laden ein Waschsalon unterkommen und ein Secondhand-Laden mit gespendeten Sachen aus Deutschland.

Julia und Erich haben viele Ideen und viel Initiative. Sie folgen dabei keinem vorgegeben Konzept, sondern versuchen, die Situation der Menschen in ihrem Dorf mit einfachen Mitteln zu verbessern. Ihre Hilfe ist von Respekt und Zuneigung für die Menschen in Probstdorf getragen.


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