Interview mit Max Guse Mehr junge Suchtkranke im Bramscher Krankenhaus

Meine Nachrichten

Um das Thema Bramsche Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bramsche. Die Suchtmedizin in den Niels-Stensen-Kliniken Bramsche verzeichnet eine zunehmende Zahl von jungen Menschen mit Suchtproblemen. Grund ist eine Gesellschaft mit immer oberflächlicheren Beziehungen, meint Suchttherapeut Max Guse.

Die Suchtmedizin in den Niels-Stensen-Kliniken konstatiert eine zunehmende Zahl von jungen Menschen mit Suchtproblemen. Werden die Abhängigen allgemein jünger?

Guse: Das ist zumindest die Erfahrung, die wir in unserer Arbeit machen. Der Einstieg erfolgt immer früher. Drogenkonsum ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Viele jungen Menschen leben Beziehungen nur auf Plattformen wie Facebook, Twitter und ähnlichen und nicht mehr wie früher in Cliquen und Gruppen von Gleichaltrigen. Beziehungslosigkeit ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, in der nur das „Besser, Schneller, Weiter“ gilt. Das setzt gerade junge Menschen unter Druck – vor allem, wenn ihnen der Halt durch Freunde und Familie fehlt. Irgendwann konsumieren sie dann Substanzen, um mit diesem Druck fertig zu werden, um sich entweder anzutreiben oder zu entspannen.

Kurz gefasst: Likes statt Freunde?

Ja. Das trifft es ganz gut. Dabei geht es darum, auf sich aufmerksam zu machen. Ganz gruselig fand ich die TV-Werbung, in der ein Mädchen nicht in den Urlaub fahren konnte. Alle anderen fuhren aber in den Urlaub, scheinbar. Dann hat sie sich überlegt, Selfies zu machen vor Plakaten, sodass es schien, als sei sie z.B. in New York. Da wird es pervers. Man darf gar nicht mehr zugeben, dass irgendetwas nicht möglich ist. Lieber gaukelt man seinem Umfeld etwas vor.

Was unterscheidet die jüngeren von älteren Abhängigen?

Bei den jungen Menschen fehlt ein gewisses Fundament. Sie wissen nicht, was das überhaupt ist, eine Beziehung. Während wir sehr viele ältere Alkoholabhängige haben, kommen mehr und mehr junge Cannabis-Abhängige, die nicht nur pflanzliches Cannabis konsumieren, sondern auch synthetische Cannabinoide (z.B. Spice)

Können Sie das bitte erläutern?

Also, es gibt synthetische Cannabinoide, die verboten sind. Dann setzen sich Menschen in Laboren hin, und entwickeln eine neue Formel, die zu dem Zeitpunkt nicht verboten ist. Die Substanzen sind durchweg im Internet erhältlich. Der Gesetzgeber läuft immer hinterher. Die Sachen werden konsumiert wie früher vielleicht Kokain. Manche dieser Substanzen erzeugen für eine kurze Zeit eine unglaubliche Leistungsfähigkeit im Kopf. Ähnlich sind die Auswirkungen von Medikamenten, die sogenannte Off-Labels haben. Sie wirken also nicht nur beispielsweise gegen ein Herzleiden, sondern zudem noch stark euphorisierend. Diese Dinge sind mehr und mehr im Kommen. Die finden wir hier auch. Bei allen Nutzern ging es darum, immer gut drauf zu sein, immer gut auszusehen, aber immer relativ oberflächlich und beziehungslos. Wir finden bestimmte Medikamente auf den Schulhöfen der Gymnasien und auf dem Campus. Die jungen Menschen glauben, solche Substanzen einnehmen zu müssen, um überhaupt mithalten zu können. Es gibt tatsächlich Professoren, die ihren Studenten so etwas beispielsweise gegen Prüfungsangst empfehlen. Bei der nächsten Krisensituation, ist dann die Stimme im Kopf da, die sagt: Es hat doch so prima gewirkt...

Was bringt diese Konsumenten dann auf die Suchtstation?

Unter Einfluss dieser Drogen entsteht relativ häufig das Gefühl, man würde irgendwelche Körperteile verlieren. Bei einigen unserer Patienten war es so extrem ausgeprägt, dass wir sie auf der Intensivstation behandeln mussten. Zu diesen Wahnvorstellungen kommen oft massive Aggressionszustände oder psychotische Schübe.

In Ihren Aussagen taucht das Internet quasi als Schnittmenge auf – als Beschaffungsweg für Drogen, gleichzeitig aber auch als Ursache von Beziehungs- und Orientierungslosigkeit?

Ja, wenigstens zum Teil. Auf der anderen Seite haben aber auch Eltern sehr viel mit dieser Entwicklung zu tun. Sie nehmen den jungen Menschen zu viel ab, sodass die jungen Menschen gar nicht mehr lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Oft haben sie auch wegen veränderter Familienstrukturen keine Zeit mehr, überhaupt Orientierung vorzuleben. In einer solchen Situation verlieren sich Jugendliche häufig im Internet.

Aber wo ist da ihr Ansatzsatzpunkt?

Wir stellen die Beziehungsarbeit ganz klar in den Vordergrund. Wir versuchen, einen angstfreien Raum zu schaffen, in dem die Jugendlichen angenommen werden, wie sie sind. Dann zeigen wir ihnen in intensiven Gesprächen, dass wir sie als Mensch ernstnehmen. Sie müssen Zugang zu sich und auch zu anderen Menschen finden und sehen, dass eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen viel wertvoller ist als die über soziale Netzwerke. Sie müssen hier nicht darstellen oder was Wildes im Internet posten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN