Bramscher Wirtschaft im Porträt Jörg Renzenbrink: Mittelständler mit Leib und Seele

Von Christoph Lützenkirchen

Den roten Faden hat Jörg renzenbrink aufgenommen, hier am Fahrzeugkonfigurator, an dem sich jeder sein Auto nach Wunsch zusammenstellen kann.. Foto: Christoph LützenkirchenDen roten Faden hat Jörg renzenbrink aufgenommen, hier am Fahrzeugkonfigurator, an dem sich jeder sein Auto nach Wunsch zusammenstellen kann.. Foto: Christoph Lützenkirchen

Engter. Das Büro des Chefs liegt mitten zwischen Verkauf, Werkstatt und Verwaltung. So kann er jederzeit ins Tagesgeschehen der Renzenbrink-Niederlassung in Engter eingreifen. Ein Tablett mit belegten Brötchen steht auf dem Tisch, es gibt Kaffee. Der Raum ist schlicht, zweckmäßig und bescheiden; das passt irgendwie gut zu Jörg Renzenbrink. „Über mich gibt es nicht viel zu erzählen“, hatte der 40-jährige im Telefonat erklärt. Um es vorwegzunehmen: das stimmt nicht.

Allerdings darf der Satz als typisch für den Chef des Bramscher Autohauses gelten. Die erfolgreiche Entwicklung des Familienunternehmens seit seinem Einstieg in die Geschäftsführung im Jahr 2000 beschreibt er konsequent als Gemeinschaftswerk. „Wir sind gesund gewachsen und haben unsere Risiken im Griff. Meine Eltern haben mir ein solides Unternehmen übergeben“, sagt Jörg Renzenbrink. Der gebürtige Engteraner studierte von 1997 bis 2000 an einer Berufsakademie in Mannheim Betriebswirtschaftslehre. Das Studium sei in hohem Maße praxisbezogen gewesen, erzählt er, die Hälfte der Studienzeit absolvierte im Großhandel des Vertriebszentrums von Volkswagen und Audi in Emsdetten. Eigentlich hätte Renzenbrink im Anschluss an das Studium gern weitere Erfahrungen in anderen Betrieben gesammelt. „In der Familie hatten wir uns aber dafür entschieden, das Autohaus Watermeyer in Bramsche als zweiten Standort zu übernehmen“, erklärt er: „Ich wurde zu Hause gebraucht.“

Schon als Kind oft im Betrieb

Hatte er schon immer das Ziel, irgendwann den elterlichen Betrieb zu übernehmen? Bei dieser Frage wirkt Renzenbrink überrascht, als habe sie sich ihm nie in dieser Form gestellt. Er sei schon als Kind oft im Betrieb gewesen, sagt er: „Für meine Eltern war der Betrieb Lebensaufgabe und Lebensmittelpunkt. Ich habe mich schon früh mit der Vorstellung angefreundet, dieses Werk später fortzuführen.“ Nach dem Abitur am Bramscher Greselius-Gymnasium absolvierte er eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker beim Osnabrücker Autohaus Starke. Jörg Renzenbrink schloss die Lehre als Innungs-, Kammer- und Landessieger ab. In den ersten Jahren führte er die Geschäfte des Familienunternehmens gemeinsam mit seinem Vater Ludwig Renzenbrink. In 2005 stieg auch seine Schwester Heike Schönemann in die Geschäftsführung ein. Die studierte Mathematikerin verantwortet die Bereiche Marketing, Personal und Buchhaltung. In der Buchhaltung wird sie bis heute durch ihre 69-jährige Mutter Wilma Renzenbrink unterstützt.

Sein eigener Arbeitsbereich in der Geschäftsführung sei weit gespannt, erklärt Jörg Renzenbrink. Ihm obliegen die Verkaufsleitung und die Verantwortung für alle Fragen im Zusammenhang mit der elektronischen Datenverarbeitung. Er kümmert sich um die ständig wechselnden Probleme im Service und um Personalfragen. Vor allem aber ist er für das Verhältnis zu den drei Lieferanten des Autohauses zuständig: Volkswagen, Audi und Skoda. „Unsere Arbeit ist in hohem Maße durch die Vorgaben unserer Hersteller geprägt“, erklärt Renzenbrink: „Um Gewährleistungsansprüche wirksam geltend zu machen, müssen wir umfangreich dokumentieren, dass wir dem genügen.“

Mystery Shopping und Mystery Call

Die Hersteller verlassen sich jedoch nicht ausschließlich auf die Dokumentation des Autohauses. Sie führen verdeckte Überprüfungen durch. Als „Mystery Shopping“ bezeichnet man laut Renzenbrink im VW-Konzern die verdeckte Qualitätsprüfung des Verkaufs. Ein vorgeblicher Kunde lässt sich im Autohaus beraten und vergibt im Nachhinein eine Bewertung. Analog dazu gibt es den „Mystery Call“ für telefonische Kontakte und die „Mystery Mail“. Antworten auf E-Mailanfragen werden binnen weniger Stunden erwartet. Hinzu kommen telefonische Befragungen zur Kundenzufriedenheit, zum Beispiel nach Reparaturen. „Auch das ist eine Vorgabe des Herstellers“, erläutert Jörg Renzenbrink: „Wir müssen die Befragungen beauftragen. Ziel ist der ‚äußerst zufriedene Kunde‘. Das ist wörtlich zu nehmen.“ Als Dienstleistung für den Kunden wird vom Konzern auch die bei Renzenbrink seit 2004 angebotene Direktannahme erwartet. Dabei wird das Fahrzeug, das der Kunde zur Reparatur bringt, bei Abgabe gemeinsam mit den Kunden in Augenschein genommen. Etwaige Mängel können so direkt besprochen werden. Trotz des erheblichen Aufwands, den er in seinem Betrieb leisten muss, um den Anforderungen der Hersteller gerecht zu werden, findet Renzenbrink, dass die Qualitätssicherungssysteme ihre Berechtigung haben. „In unserer schnelllebigen Zeit ist das nicht verkehrt“, sagt er nüchtern.

Mit Leib und Seele Mittelständler

Trotz der Bindung an den Volkswagenkonzern, ist Jörg Renzenbrink mit Leib und Seele Mittelständler. Nicht jede Order aus Wolfsburg begrüßt er. Mehrfach fällt im Gespräch der Satz: „Das lassen wir uns nicht schön rechnen.“ Der Bramscher Autohändler hält nichts von der Strategie des Konzerns, in Vertrieb und Service auf wenige große Partner zu setzen. Er glaubt, dass diese Großen eher dazu neigen, sich im Kampf um Marktanteile gegenseitig intensiv zu bekämpfen. Zufrieden stellt er fest, dass der Händlerverband noch etwas dagegen halte. Die Tendenz zu kostspieligen und unnötig imponierenden Verkaufsgebäuden sei zudem bereits wieder rückläufig. Wichtig ist dem Bramscher das familiäre Klima in seinem Betrieb und die Nähe zu seinen Kunden. „Den ersten Wagen verkauft der Verkauf, der zweite geht über den Kundendienst“, sagt Renzenbrink. Er ist stolz auf die Auszeichnungen als „Top Servicepartner 2013“ für Audi und „Top Performer“ für VW in 2014 und 2015. Das Autohaus hat sich dabei jeweils gegen den bundesweiten, markeninternen Wettbewerb behaupten müssen.

Drei Marken - ein Konzern

Die drei Marken Audi, VW und Skoda gehören allesamt zum Volkswagenkonzern. Dennoch ist jede der Marken für das Autohaus Renzenbrink ein eigener Hersteller. Für jede muss eine jeweils charakteristische Verkaufsumgebung gestaltet werden. „Die Marken vermitteln unterschiedliche Werte und eine unterschiedliche Anmutung“, erklärt Jörg Renzenbrink: „Unsere Verkäufer sind entsprechend spezialisiert und die Mechaniker werden markenspezifisch geschult.“ Auch der Chef spricht mit einzelnen Vertretern der drei Marken. Er hält nicht damit hinter dem Berg, dass es Konkurrenz unter den drei Firmen unter dem Dach von Volkswagen gibt. Trotz des hohen Aufwands, den er betreiben muss, um alle drei Pferde im Stall zu haben, ist Renzenbrink zufrieden mit der Situation. Im Paket mit den VW-Nutzfahrzeugen, die er auch anbietet, kann er eine große Bandbreite von Kundenwünschen befriedigen. Um das zu leisten, brauche man eine bestimmte, kritische Größe, erklärt der Bramscher Autohändler. Für die Marke VW beschäftigt er beispielsweise einen Mitarbeiter, der sich eigens im Bereich Infotainment qualifiziert hat. Kleinbetriebe könnten das kaum.

Grenzen testen mit Ausdauersport

Zwar verkauft Jörg Renzenbrink hauptberuflich Autos, in seiner Freizeit bewegt er sich aber lieber selbst. „Im Ausdauersport kann ich meine eigenen Grenzen testen“, sagt er. Schon im Alter von zehn Jahren nahm er erstmals an Schwimmwettkämpfen teil. Das Schwimmen ist für ihn bis heute ein wichtiger Ausgleich. Nicht ohne Stolz erzählt er, dass er 2015 im offenen Rennen bei der Kreismeisterschaft die Titel über 200 Meter Brust und Lagen errang. Über das Schwimmen kam er zum Triathlon, begann also auch mit dem intensiven Lauf- und Radsport. Schon seit 1992 ist er alljährlich beim Silvesterlauf dabei. Neben verschiedenen Radmarathonveranstaltungen hat Renzenbrink an den Marathonläufen in Hamburg und Berlin teilgenommen. „Wenn ich reise, sind meine Laufschuhe eigentlich immer mit dabei“, sagt er. Wichtigster Ausgleich zur Arbeit im Betrieb sind aber seine Frau und die drei Kinder. Alle Kinder würden begeistert schwimmen, erzählt er stolz, jedes der drei spielt ein Instrument. Den Urlaub verbringt die Familie gern an der Nordsee. Drei bis vier Wochen im Jahr seien da schon drin, so Jörg Renzenbrink. Er telefoniert von Zeit zu Zeit mit dem Betrieb und ist erreichbar, wenn es wichtige Fragen gibt. „Für mich ist es kein Problem, wenn ich dann kurz gestört werde“, sagt er: „Die Arbeit macht mir ja Spaß.“


Das Bramscher Autohaus Renzenbrink blickt auf eine mittlerweile 111-jährige Geschichte zurück. Ludwig Renzenbrink gründete das Unternehmen im Jahre 1904; er verkaufte und reparierte Fahrräder, Landmaschinen, Nähmaschinen und Zentrifugen. Inzwischen liegt die Geschäftsführung des Betriebs in den Händen der vierten Generation der Familie, bei Jörg Renzenbrink und seiner Schwester Heike Schönemann. An zwei Standorten bietet das Autohaus Vertrieb und Service für die Marken VW (inklusive VW-Nutzfahrzeuge), Audi und Skoda. Im Geschäftsjahr 2015 beliefen sich die Umsatzerlöse auf 16 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt 80 Mitarbeiter, darunter acht Meister und dreizehn Auszubildende. Mehrere Mitarbeiter sind bereits seit mehr als 25 Jahren bei Renzenbrink beschäftigt. Geschäftsführer Jörg Renzenbrink ist stolz auf „die geringe Fluktuation unter den Mitarbeitern“. Regelmäßig werden eigene Auszubildende nach Abschluss der Lehre als feste Mitarbeiter in den Betrieb übernommen. Pro Jahr verbucht das Autohaus etwa 10000 Werkstattdurchgänge. Im Jahr 2015 wurden erstmals mehr als 1000 Neu- und Gebrauchtwagen verkauft. Im Raum Bramsche liegt der Marktanteil von VW, Audi und Skoda laut Angaben von Jörg Renzenbrink bei zusammen 41 Prozent (VW 29 Prozent, Audi 6,4 Prozent, Skoda 5,9 Prozent). Demgegenüber betrage der bundesweite Marktanteil nur 35,4 Prozent, so Renzenbrink.

Um die aktuelle VW-Abgaskrise möglichst kundenfreundlich zu bearbeiten, hat das Autohaus sein Personal eigens aufgestockt. „Im Hintergrund ist da schon einiges passiert“, sagt Jörg Renzenbrink: „Wir planen, unseren Kunden für die Zeit der Reparaturen einen kostenlosen Ersatzwagen zur Verfügung zu stellen. Eigentlich wollte VW die Kunden schon längst direkt anschreiben. Das ist noch nicht passiert, weil das Kraftfahrtbundesamt die Adressen der Fahrzeughalter aus Datenschutzgründen nicht weitergegeben hat.“