Interview mit Roland Tapken Wie ein Bramscher die #AktionArschloch erfunden hat

Von Sascha Knapek

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Bramsche. #AktionArschloch hat deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt. Die Idee, den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“ ins Radio und an die Spitze der Charts zu bringen, hatte Roland Tapken aus Bramsche.

Im BN-Interview erzählt der 33-jährige Software-Entwickler unter anderem, wie er auf die Idee der Initiative gegen „Rechts“ und für Flüchtlinge gekommen ist, wohin der Spendenerlös geht und dass die Aktion nicht nur in Deutschland auf reges Interesse gestoßen ist.

Herr Tapken, wie sind Sie auf die „Aktion Arschloch“ gekommen?

Ich war auf einer Hochzeit und der DJ spielte den Ärzte-Song „Westerland“. Da habe ich mir gedacht, dass wir in der aktuellen Situation etwas Politischeres brauchen und ein Lied wie „Schrei nach Liebe“ mal wieder im Radio gespielt werden sollte. Via Smartphone habe ich meine Idee direkt bei Google+ gepostet und es mit dem Hashtag „Aktion Arschloch“ versehen. Am nächsten Tag hatte Gerhard Torges aus Georgsmarienhütte die Idee schon mit Twitter- und Facebook-Accounts versehen und eine Homepage gebastelt.

Wie viel Arbeitsaufwand steckte für Sie dahinter?

Die Aktion war komplett ungeplant und spontan. Gerhard Torges hat die Seiten und Accounts ein bis zwei Tage alleine betreut. Das war so viel Arbeit, dass ich mit eingestiegen bin. Zusammen mit Sarah, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, haben wir dann die Arbeit unter uns aufgeteilt. Es ging Schlag auf Schlag. Zuerst haben kleine Blogs angefragt, dann der Bildblog und es dauerte nicht lange, bis Zeitungen, Fernseh- und Radiosender angeklopft haben . Sogar in der Washington Post war ein Artikel über die Aktion und es war der am meisten angeklickte des Tages.

Wer hat sich außer Ihnen dreien noch an der Aktion beteiligt?

Ganz viele Menschen aus der Internet-Community haben spontan ihre Mitarbeit angeboten. Die Hilfsbereitschaft war überwältigend. Unsere Homepage wurde ins Englische übersetzt, jemand machte uns ein neues Layout für die Seite und während wir drei uns um den Facebook-Account gekümmert haben, hatte die „Google+“-Seite ein separates Team. An der Hilfsbereitschaft und dem Feedback hat man gesehen, dass die Zeit für eine solche Aktion reif war. Es musste nur irgendjemand damit anfangen.

Was wollten Sie mit der Aktion auslösen?

Wir wollten ein Zeichen gegen „Rechts“ setzen. In den Wochen zuvor hatte ich den Eindruck, dass in den Medien nur über Anschläge auf Flüchtlingsheime und Demonstrationen gegen Flüchtlinge, Stichwort Heidenau, berichtet wird. Aber die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist für Toleranz und die Achtung der Menschenrechte.

Hätten Sie mit so viel Aufmerksamkeit und einem derartigen Erfolg gerechnet?

Nein, keiner von uns. Sowohl bei Media Control als auch bei GfK stand „Schrei nach Liebe“ auf Platz eins. Und selbst in den Webcharts, wo eigentlich etwas ganz anderes erfasst wird, hat uns Media Control auf die Eins gesetzt. Dazu kommen die vielen Flashmobs , die unabhängig von uns in vielen deutschen Städten durchgeführt wurden. Die „Aktion Arschloch“ hat schnell ein munteres Eigenleben bekommen.

Haben sich Die Ärzte denn bei Ihnen gemeldet und was halten die von der Aktion?

Allein wegen der rechtlichen Seite haben wir die Ärzte im Vorfeld kontaktiert. Persönlich waren wir nicht in Kontakt, aber die Band hat auf ihrer Homepage ein Statement veröffentlicht in dem unter anderem steht, dass sie die Aktion unterstützen.

Was passiert mit dem Erlös der Aktion?

Aus dem „Schrei nach Liebe“-Erlös fließt so gut wie alles an „Pro Asyl“. Außerdem gab es noch eine T-Shirt-Aktion, deren Ertrag komplett an das Nazi-Aussteigerprogramm „Exit“ gespendet wurde.

Wissen Sie, wie hoch der Ertrag bisher ist?

Das Management der Ärzte hat mitgeteilt, dass sie nicht sagen werden, wie viel mit der Aktion umgesetzt wurde. Da sich der Spendenaktion aber auch Vertriebspartner wie Amazon, Google, Apple oder Universal Music angeschlossen haben, werden wir demnächst bei „Pro Asyl“ nachfragen, wie groß der Gesamterlös war.

Sie kommen aus Bramsche. Spielt auch das Aufnahmelager in Hesepe bei Ihrem Engagement für Flüchtlinge und gegen „Rechts“ eine Rolle?

Nicht direkt. Auf die Aktion und deren Entstehung hat das Lager keinen Einfluss gehabt.

Wie geht es weiter? Sind nach der „Aktion Arschloch“ noch weitere Initiativen geplant?

Wir haben vorher nichts Konkretes geplant und werden das auch weiterhin so halten. Die Reichweite unserer Homepage oder des Facebook-Accounts werden wir aber definitiv nutzen, um auf diverse Aktionen und Initiativen hinzuweisen.

Können Sie in Sachen Reichweite etwas genauer werden?

Unser Facebook-Account wird demnächst 130.000 Likes haben. Zum Vergleich: Pegida hat nach vielen Monaten etwa 150.000. Allgemein ist es einfach schön zu sehen, wo das Lied aufgrund unserer Aktion gespielt wird. Zwei aktuelle Beispiele: Auf „Tele 5“ läuft abends immer „Star Trek“. In einer Werbepause hat man vor wenigen Tagen auf die Spots verzichtet und an deren Stelle das Musikvideo von „Schrei nach Liebe“ gezeigt. Und auch auf NDR Kultur lief der Song – zwischen Nils Frahm und Johann Sebastian Bach.


Die Hochzeitsfeier, auf der Roland Tapken die Idee zur „Aktion Arschloch“ hatte, fand Ende August statt. Am 11. September war das Ziel dann erreicht: „Schrei nach Liebe“ belegte zum ersten Mal seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1993 Platz 1.

In vielen deutschen Städten kamen teils Hunderte Menschen zu Flashmobs zusammen, um gemeinsam das Lied zu singen - und inbrünstig das „Oh ,oh, oh , Arschloch!“ zwischen den einzelnen Strophen zu schmettern, das auch der Aktion von Roland Tapken und Gerhard Torges ihren Namen gab.

Auch in Österreich stürmte der Song der „Ärzte“ auf die Top-Position. Innerhalb von einer Woche ging es von Rang 52 hoch auf die „Eins“. Fast ebenso erstaunlich: In der Schweiz sprang für „Schrei nach Liebe“ die erste Chartplatzierung überhaupt heraus – 23 Jahre, nachdem der Song erschienen ist.

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