Stinkt wie Sau? Von wegen Wie riecht es eigentlich auf einem Bauernhof?

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Bramsche. Wie riecht es eigentlich auf einem Bauernhof? Stinkt es? Man sagt ja Schweinen nach, dass sie stinken. Ist das so? Auf dem Hof CSA Hof Pente gibt es Schweine, aber Gestank ist erst mal nicht wahrzunehmen. Dafür riecht es aus dem Kräutergarten herrlich würzig, und auch die Tomaten haben ihr ganz eigenes Parfum.

Wie graue Findlinge liegen die Schweinedamen schlafend im Sand. Ab und zu wackelt ein Ohr. Sie haben sich der Farbe des Bodens gut angepasst. Es ist unverkennbar, sie nehmen täglich ein Sandbad. Doch kommt jemand an ihre Weide, springen sie neugierig auf. Sie ahnen, dass es etwas zu fressen gibt. Die Äpfel, die Julia Hartkemeyer zuvor vom heimischen Apfelbaum gepflückt hat, schmecken ihnen. Schmatzend und sabbernd verschlingen sie die Früchte. Ihr Blick verrät: „Ich will noch mehr davon.“ Die jungen Schweine auf der Nachbarweide quieken schon ganz aufgeregt, denn den fruchtigen Snack haben sie schon längst erschnuppert. Ein Dutzend tummeln sich auf der Weide. Aber wo ist der Gestank? „Schweine haben eine sehr empfindliche Nase, sie mögen es nicht, wenn es stinkt“, sagt Julia Hartkemeyer vom Hof. Sie ist Ökolandwirtin und muss es ja wissen . Ihre Schweine leben draußen, und es riecht wirklich nicht, wie auf einem güllegetränkten Feld, eher nach Sand, Gras und Stall.

Bunte Bentheimer Schweine

Stürmisch stürzt sich die kleine Schweineherde auf die Äpfel, hektisch wird gefressen – bloß nichts abgeben. Die Söhne der Familie Hartkemeyer, Keno (fünf), Friedmut (sieben) und Arvid (dreieinhalb), haben keine Scheu vor den Tieren. Sie verfüttern die Äpfel an die Schweine und versuchen sie zu streicheln. Doch das gelingt nicht so leicht. Denn die kleinen Vierbeiner haben nur eins im Sinn: Fressen! Ein bisschen rau, sandig und borstig fühlen sie sich an.

„Die Bunten Bentheimer Schweine sind eine alte Nutztierrasse, die vom Aussterben bedroht ist“, sagt Julia Hartkemeyer. Charakteristisch sind die schwarzen Flecken auf ihrem Fell, die sie mit ein bisschen Fantasie wie dicke Dalmatiner aussehen lassen. Die Hartkemeyers züchten die Tiere auf ihrem Biohof und wollen sie so vor dem Aussterben bewahren. Einige Tiere bleiben für die Zucht auf dem Hof. Andere werden geschlachtet. „Das Fleisch ist sehr schmackhaft, da es einen verhältnismäßig hohen Fettanteil hat“, erzählt sie.

Auf dem Hof Pente ist Landwirtschaft noch recht ursprünglich . Das heißt, jeder kann sehen, wie die Tiere leben, bevor sie auf dem Teller landen, wie Kräuter, Früchte und Gemüse wachsen und wo die Eier herkommen. Hier geht es nicht darum, dass alles möglichst billig über die Ladentheke geht. Dem Kunden soll bewusst werden, was er kauft.

„Jetzt ist zum Beispiel die Saison für Paprika“, sagt die Landwirtin. Die Pflanzen hängen voll mit den Früchten – einige sind noch grün, bei anderen kommt der satte Rotton schon durch, und manche sehen aus wie eine orange-rote Glocke. „Das ist die Glockenpaprika“, erklärt Hartkemeyer. Auch Chilis gedeihen im September prächtig. Es gibt sie rund und gelb, klein und violett, ganz spitz in Rot und Grün. „Es gibt nicht nur eine Erdbeersaison, sondern auch eine für Paprika, Tomaten und Zucchini“, so die 35-Jährige. Nur das wissen die wenigsten.

Fruchtiger Cocktail aus Gerüchen

Die Tomatenpflanzen hängen voll mit Früchten. Aufgereiht wie rote Perlen, hängen sie an den Rispen. Sie verströmen einen fruchtig herben Duft. Ein Geschmackstest beweist: Sie sehen nicht nur gut aus, sondern schmecken auch richtig süß. „Das sind samenfeste Sorten, die wir hier nutzen“, sagt Julia Hartkemeyer. Das bedeutet, dass diese Samen vom Bauern nachgebaut und als Sorte weitergezüchtet werden kann, so die Landwirtin. Im Gegensatz dazu gibt es die sogenannten CMS Hybride (Cytoplasmatische männliche Sterilität), mit denen eine hundertprozentige Unfruchtbarkeit erreicht wird. Mit diesen Samen kann der Bauer nicht mehr nachzüchten. Er muss neue Samen kaufen. Die Früchte, die aus Hybridsamen entstehen, sehen meist sehr einheitlich aus, schmecken dafür aber nicht sehr intensiv – eher wässrig.

Im Kräutergarten des Hofes riecht es dagegen würzig. Regelmäßig gehen die Jungs in den Garten und pflücken Grünes für Tee. „Das ist Salbei“, ruft Arvid und reibt sich ein samtiges Blatt unter die Nase. Ein Duft, der an Erkältung und Halsschmerzen erinnert, strömt durch die Luft. Der Geschmack überzeugt aber nicht wirklich. Anders ist es bei der Zitronenmelisse und beim Ananassalbei. Ein fruchtiger Cocktail aus verschiedenen Gerüchen macht sich in der Nase breit.

Die Kinder lernen dabei nicht nur, wie die Pflanzen aussehen, sie wissen auch, wie was riecht und können so manchem Erwachsenen noch etwas vormachen. Was ist der Unterschied zwischen Thymian und Orangenthymian, und wie sieht eigentlich Agastache aus. Und wer weiß schon, dass aus Löwenzahnblüten Gelee gemacht werden kann?

1000 Salate gepflanzt

Die Kinder werden hier auf dem Hof geschult, ihre Sinne einzusetzen – und zwar ganzheitlich. Sieht es aus wie Lavendel, riecht es wie Lavendel, dann wird es wohl auch welcher sein. Sieht der Hund nicht freundlich aus, dann streichle ich ihn auch besser nicht. Die Jungen und Mädchen müssen ihre Umwelt erfassen und ein Bewusstsein dafür schaffen. Hier auf dem Hof werden sie angeregt, auch alle Sinne einzusetzen. Das merken die Hartkemeyers, wenn sie Schüler zu Besuch haben. „Die Kinder nutzen ihre Smartphones hier kaum. Hier lernen sie auch im Team zu arbeiten. Eine Gruppe hatte an einem Tag 1000 Salate eingepflanzt, und am Ende waren sie stolz, dass sie es geschafft haben“, erzählt Tobias Hartkemeyer. Einige Kinder seien so vertieft in die Arbeit, dass sie die Zeit völlig aus den Augen verlieren, manche wollten gar nicht mehr damit aufhören, weil es ihnen so viel Spaß macht. In der Schule bleiben die Sinne einfach auf der Strecke . Es gibt mittlerweile in einigen Schulen sogar automatische Fenster, die sich bei einer bestimmten Temperatur öffnen“, erzählt der Landwirt.

Wofür steht eigentlich CSA?

Auch für viele Eltern, die Mitglieder auf dem Hof sind, helfen bei der Arbeit mit. Dabei können sie – so komisch das vielleicht auch klingen mag – einfach mal ausspannen. Der Kopf kann abschalten, die Hände machen alles. Sie fühlen die kühle, feuchte Erde an den Händen und bekommen ein Gespür für die Arbeit, aber auch für das Gemüse oder Obst, das selbst geerntet wird. „Ein Junge, der auch Mitglied bei uns ist, hat einmal gesagt: „Und jetzt machen wir wieder drei Stunden Ferien auf dem Bauernhof‘“, erzählt Tobias Hartkemeyer.

Die Familie aus Bramsche liebt nicht nur ihren Beruf, sie lebt ihn auch. Gemeinsam betreibt das Ehepaar den CSA Hof. Übrigens: CSA steht für Community supported agriculture und bedeutet so viel wie Gemeinschaftsgetragene Landbaukultur und wird auch als Solidarische Landwirtschaft bezeichnet. Bei diesem Konzept werden die Lebensmittel der Landwirtschaft nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen, von Teilnehmerseite mit organisierten und finanzierten Wirtschaftskreislauf. So können die Mitglieder und Bauern zusammen Landbau- und Ernährungskultur gestalten.


Unsere redaktionelle Serie „Familie mit allen fünf Sinnen erleben!“ findet vom 12. September bis Mitte Oktober 2015 statt. Auf dem Familienportal finden Sie weitere Artikel, Reportagen, Interviews, Videos und Bildergalerien, die sich mit dem Thema der Woche beschäftigen. Auch die kostenlosen Familienveranstaltungen werden dort aufgelistet.

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