Abbruch am Nachmittag Spendenübergabe in Hesepe endet im Chaos – Sechs Verletzte

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Hesepe. Es sollte ein großes Zeichen der Mitmenschlichkeit werden, doch es endete im Chaos: Die Polizei ordnete am späten Freitagnachmittag den Abbruch einer Spendenübergabe an der Flüchtlingsunterkunft in Bramsche-Hesepe an. Sechs Menschen wurden verletzt.

Von Björn Dieckmann und Meike Baars

Ergys ringt nach Worten. Frauen scharren sich um ihn, einige mit Kindern auf dem Arm. Der junge Dolmetscher Ergys soll ihnen erklären, warum sie gerade leer ausgegangen sind. Warum die Spendenaktion abgebrochen wurde, ohne dass sie etwas Winterkleidung oder Spielzeug ergattern konnten. Dem jungen Mann steigen Tränen in die Augen. „Scheiße“, sagt er. „Wir wollten doch nur helfen.“ (Hier gibt es den Liveblog aus Hesepe zum Nachlesen.)

Eine der größten Hilfsaktionen in Hesepes Geschichte

Vor zwei Jahren lebte Ergys, der seinen Nachnamen nicht sagen will, selbst als Flüchtling in der Heseper Einrichtung. Inzwischen macht er eine Ausbildung und hat das geschafft, von dem viele hier in Hesepe träumen: Er kann sich Dinge des täglichen Bedarfs eigenständig leisten.

Am Freitag sollten auf dem Gelände der Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber Spenden direkt an Flüchtlinge übergeben werden: Decken, Winterkleidung, Spielzeug, Fahrräder. So hatte es sich die „Flüchtlingshilfe Hesepe“ überlegt, für die Ergys als Übersetzer eingesprungen ist. So war es mit Einrichtungsleiter Conrad Bramm besprochen. Erst vor gut einer Woche war die Initiative auf Facebook gegründet worden, gewann rasend schnell „Likes“ und erlebte eine riesige Unterstützung – bei den Sammelaktionen in Quakenbrück, Bersenbrück und Osnabrück, aber auch in der Logistik. Es hätte eine der größten Spendenübergaben werden können, die Hesepe in den vergangenen Jahren gesehen hat.

Fassungslos am Parkplatz

Dass sie womöglich nicht reibungslos laufen würde, war hingegen am Freitag schon früh zu erahnen: Noch bevor die Aktiven der „Flüchtlingshilfe Hesepe“ überhaupt vor Ort waren, wurde der mit Fahrrädern und kleinen Paketen beladene Anhänger einer Bramscherin regelrecht geplündert. Die Frau wusste von der geplanten Aktion nichts und wollte ihre Spenden am Eingang zum Gelände der Landesaufnahmebehörde (LAB) abgeben. Doch so weit kam sie nicht. Fassungslos verließ sie den Parkplatz und musste ihren kleinen Kindern erklären, was gerade vorgefallen war.

Spendenübergabe noch vor dem Gelände

Hier, auf dem Parkplatz, musste dann auch – anders als zunächst geplant – die Spendenübergabe der „Flüchtlingshilfe Hesepe“ stattfinden. Die Polizei war früh vor Ort, die Beamten untersagten offenbar den Zutritt zur eigentlichen Asylbewerber-Unterkunft. Also der Parkplatz.

In zwei Halbkreisen stehen sich Helfer und Flüchtlinge hier am Nachmittag gegenüber. Hand in Hand. Als es losgeht, brandet Applaus auf. Die Lkw, vollgepackt mit Kleidung, Babysachen und Spielzeug, fahren einzeln vor. Dolmetscher und Dutzende Helfer sind im Einsatz. In Ketten werden die Hilfsgüter weitergereicht. Flüchtlinge treten vor, um die Spenden entgegenzunehmen. Kinderlächeln, als es Bonbons gibt.

Doch Aufregung, als die Laderampe des ersten Lasters geschlossen wird. Die Helfer versuchen, zu beschwichtigen: Keine Sorge, das war noch längst nicht alles. Dutzende weitere werden folgen. Die Stimmung ist aufgeheizt, aber den Helfern ist klar: Diese Menschen treibt nicht die Gier, sondern die nackte Armut – und deshalb die Sorge, leer auszugehen. Immer wieder kommt Unruhe auf. Immer wieder drängen wartende Flüchtlinge zu nah an die Helfer und an die Waren heran. Die Dolmetscher fordern sie auf, sich hinzuhocken, um Ruhe in die Menge zu bringen. Das klappt aber nur für eine kurze Dauer.

Die Stimmung kippt

Lautsprecherdurchsagen, beruhigende Gesten, immer wieder Unterbrechungen: Anne Seggelmann, die die Facebook-Hilfsinitiative mit ins Leben rief, dringt nicht mehr zu den Flüchtlingen durch. Ihre Stimme ist heiser. Sie kann spüren, dass die Stimmung kippt.

Die Freiwilligen wissen sich kaum noch zu helfen: Kleidungsstücke und Süßigkeiten werfen sie einfach in die Menge. Oder sie schütten Kartons und Tüten am Parkplatzrand aus. Sofort stürzen sich Flüchtlinge auf die Sachen.

Auf dem Parkplatz gibt es irgendwann kein Halten mehr: Gruppen von Hilfsbedürftigen werden zurückgedrängt, andere drängeln sich vor. Die Laderampe eines Lkw wird geschlossen, weil sich die Unterstützer der „Flüchtlingshilfe Hesepe“ dort selbst in Sicherheit bringen müssen.

Polizei und Organisatoren einigen sich auf einen Abbruch. Der Helferbus fährt vom Gelände, die Transporter reihen sich dahinter ein. Die meisten Lkw sind noch voll beladen.

Sechs Verletzte

Gegen 17.15 Uhr fordert die Polizei Verstärkung an. Zu spät, um zu verhindern, dass die Situation eskaliert. Asylbewerber gehen aufeinander los, greifen sich gegenseitig an. Hintergrund sind offenbar auch Konflikte zwischen den Flüchtlingsgruppen. Albanern und Syrern greifen sich an. Mindestens sechs Menschen werden an dem Abend verletzt, darunter ein Polizist. Die Helfer bleiben unversehrt.

Während auf dem Außengelände der Aufnahme-Einrichtung recht schnell Ruhe einkehrt, gehen die Auseinandersetzungen innen weiter. Einsatzwagen der Polizei jagen aufs Gelände – an fassungslosen Helfern der „Flüchtlingshilfe Hesepe“ vorbei. Einige von ihnen haben Tränen in den Augen.

Prall gefüllte Transporter düsen wieder ab

„Das haben wir uns so nicht vorgestellt“, sagt Katrin Silbereisen später am Telefon. Noch immer ist die Mitinitiatorin der Hilfsaktion da in Hesepe und spricht mit den Flüchtlingen. „Wir hoffen, dass wir die Spenden noch verteilen können. Sie werden ja so dringend gebraucht“, sagt sie. Was die Eskalation herbeigeführt hat, was genau passiert ist an diesem Nachmittag – dazu möchte sie nichts sagen.

Was bleibt übrig von diesem Tag? Bis zum Rand gefüllte Transporter. Hunderte Kisten und Tüten, die nun vorerst in Quakenbrück verstaut werden müssen. Helfer, die Gutes tun wollten, und nicht durchdrangen. Und Flüchtlinge, die einen Blick auf Hilfsgüter werfen durften, die sie bitter nötig hätten. Und die dann einfach wieder weggekarrt wurden.


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