67 Jahre nach Schulabschluss Bramscher Mittelschüler erinnern sich an Nachkriegszeit

Die ehemaligen Mittelschüler treffen sich 67 Jahre nach der Schulentlassung auf dem Renzenbrink. Foto: Hildegard Wekenborg-PlackeDie ehemaligen Mittelschüler treffen sich 67 Jahre nach der Schulentlassung auf dem Renzenbrink. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. 67 Jahre nach ihrer Schulentlassung haben sich 14 ehemalige Bramscher Mittelschüler, wie in jedem Jahr, im Waldhotel Renzenbrink getroffen. „Das war eine harte Zeit damals“, sagt Organisator Werner Hagemann im Rückblick. „Aber sie hat uns zusammengeschweißt“. „Manchmal war’s lebensgefährlich“, ergänzt Georg Detering. Und dann erzählen beide die Geschichte vom Bramscher Sender und vom Sturz ins Bombenloch.

Es ist eine bunte Truppe, die sich dort im Traditionshotel im Grünen getroffen hat. Von den ehemals 34 Eleven der „vollberechtigten Mittelschule“ an der Kirchhofstraße sind noch 14 erschienen, alle hoch in den Achtzigern, die Jahrgänge ‚30 und ‚31, wie zu hören ist. „Wir treffen uns jedes Jahr, weil die biologische Uhr ja nunmal tickt“, verrät Hagemann augenzwinkernd bei der Begrüßung.

Eine Schulzeit im Krieg. Dann war im April 1945 auf einmal Schluss. Das Schuljahr hätte beginnen sollen, aber damals standen schon Engländer und Polen in Bramsche. „Der Jahrgang vor uns hat Ende März noch Prüfung gemacht“, erinnert sich Hagemann. Für die Nächsten hieß es dagegen arbeiten, zupacken, überleben.

Ein Jahr vor der Mittleren Reife wurden die Jungen und Mädchen meist zum Helfen zu den Bauern in der Umgebung geschickt. Georg Detering („aus der Münsterstraße, wo die bunten Busse aufgemalt sind“) half seinem Vater im Fuhrunternehmen. Mit dem ersten Pferd war der Vater unterwegs, mit dem zweiten der Sohn. Vieles musste wieder aufgebaut werden, eine schwere Mischmaschine sollte nach Bramsche geholt werden. Das Pferd mühte sich ab, Detering Junior beschloss, die Abkürzung über die Landebahn in Achmer zu nehmen. Gerade auf der Mitte angekommen, setzte eine britische Maschine zur Landung an. Dem Pferd die Zügel geben, sich selbst mit einem beherzten Sprung gerettet. Es war knapp.

Überhaupt - der Flugplatz in Achmer. „Wenn da die Fliegerbomben gesprengt wurden, gingen uns regelmäßig die Pferde durch“, erinnert sich Hagemann, der in Achmer bei einem Bauern eingesetzt war. Gelernt hat er da auch eine Menge, obwohl an Schule nicht zu denken war. „Ich konnte am Schluss eggen und pflügen, einfach alles“, erinnert er sich.

Georg Detering hätte diese Zeit zwischen den Schuljahren um ein Haar nicht überlebt. Bei einer seiner Touren hatte er wohl kurz nicht genau genug hingeguckt.. Georg stürzte in ein Erdloch. Dann unversehens ein Schrei. „Bis du verrückt geworden! Um Himmels Willen! Nicht bewegen!“ Er war direkt neben einer scharfen Fünf-Zentner-Bombe aufgeschlagen. „Der Soldat hat mir dann sein Gewehr hingehalten und hat mich damit rausgezogen. Den Knall Sekunden später hört er immer noch.

Günter Simons Erinnerung sind ganz Andere. Es gehörte zu den „Neuen“, als 1947 die Schule wieder anfing. Er stammt aus Glaz in Schlesien. 1944 wurde dort seine Schule geräumt. Das Gebäude wurde als Lazarett benötigt. „Dann stand im März 1946 die polnische Miliz vor der Haustür. In zwei Stunden mussten wir draußen sein. Im Viehwaggon ging es Richtung Westen. „Montags sind wir losgefahren, immer über Nacht, weil am Tag die Lokomotiven gebraucht wurden, samstags waren wir in Bramsche, oder besser in Hesepe“. Zwei weitere Mitschüler kamen aus Breslau und Meißen, als die Mittelschule in der Bramscher Innenstadt wieder öffnete. „Ich hatte fast das Gefühl, ihr hattet ein bisschen Respekt vor uns“, meint der pensionierte Lehrer. „Wir haben eben gesehen, dass ihr viel durchgemacht habt“, entgegnet Werner Hagemann.

Weil er erst später dazustieß, hatte Simon verpasst, wie seine Mitschüler in wochenlanger Kleinarbeit „die Bücher entnazifizierten“(Hagemann). Alles, was an die braune Vergangenheit erinnerte, musste getilgt werden. Übrig blieb reichlich zerfleddertes Lehrmaterial. „Wenn vorn Nazi-Texte standen und auf der Rückseite ein Gedicht von Eichendorff, dann war das eben mit weg“.

Dann ging es zurück auf die Schulbank. Ein Großteil der Klasse wohnte im Umland, Busverbindungen gab es nicht, zwölf Kilometer mit dem Fahrrad waren durchaus an der Tagesordnung. Wer aus Ueffeln kam, brauchte einen Passierschein, denn die spätere B 218 war von den Engländern gesperrt. „Da standen die Flugzeuge im Wald und wurden von Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag bewacht“, erzählen Detering und Hagemann.

Es war eine Zeit des Mangels. Aber die Mittelschüler hatten Glück. „‘Wir fahren nach Norderney‘, verkündete Lehrer Kirchhoff eines Tages“, erinnern sich die Ex-Mittelschüler. Im offenen Lkw ging es an die Küste, Bauernkinder brachten mit, was der Hof entbehren konnte, Trockengemüse und Milchpulver gab es noch aus Wehrmachtsbeständen, spezielle Lebensmittelmarken, die nicht an den Wohnort gebunden waren, organisierte Hagemann von Binnenschiffern. Auf der Insel wurden sie gegen Räucherfisch eingetauscht.

Und dann war da noch die Sache mit dem „Sender Bramsche“. Die Schule hatte schon wieder angefangen, als die Lausejungs den Sender vom Flugplatz Achmer ab- und in Bramsche wieder aufbauten. Punkt 15 Uhr ging man auf Sendung. Die Lösungen der Hausaufgaben wurden durchgegeben. „Und Musik hatte wir auch, ganz viele Schallplatten“,grinst Hagemann. Pech nur, dass man auf der gleichen Frequenz sendete wie die Engländer und deren Programm zeitweise überlagerte. Bei den Besatzungstruppen kam das nicht gut an. Die Schüler wurden aufgespürt. Es war das Ende des „Senders Bramsche“.

Die Erinnerungen verbinden die ehemaligen Mittelschüler noch heute, auch wenn sich die Wege getrennt haben. Simon wurde Lehrer, Mitschülerin Lena Ahaus Prokuristin am Theater in Osnabrück, wo sie „alles mitkriegte“ und sogar einmal Joopi Heesters traf. Hagemann und Detering blieben in Bramsche, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Aber die Klassentreffen auf dem Renzenbrin behalten ihren festen Platz im Terminkalender der Senioren. „Wir treffen uns auch noch, wenn wir nur noch zwei sind“. Es gibt noch so viele Geschichten.


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