Arbeit mit Schulverweigerern Bramscher Hauptschule will „Schule auf Kurs“ werden

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Lieber abhängen, als in die Schule zu gehen? An der Hauptschule macht man sich Gedanken, wie man die Verweigerer wieder für den Unterricht motivieren kann. BN-Symbolfoto: dpaLieber abhängen, als in die Schule zu gehen? An der Hauptschule macht man sich Gedanken, wie man die Verweigerer wieder für den Unterricht motivieren kann. BN-Symbolfoto: dpa

Bramsche. Die Bramscher Hauptschule möchte „Schule auf Kurs“ werden. Zurzeit vervollständigen Lehrer und Sozialarbeiter einen Maßnahmenkatalog zur Vorbeugung von Schulverweigerung und zur Wiedereingliederung von Jugendlichen, die dem Unterricht regelmäßig und länger fernbleiben.

41 Jugendliche, die im Bereich der Stadt Bramsche wohnen, fielen im Schuljahr 2013/14 auf, weil sie meist in den Berufsbildenden Schulen Bersenbrück und in der Bramscher Hauptschule durch Abwesenheit glänzten. In vielen Fällen blieb es nicht bei einer einzigen Anzeige, sodass die Statistik 99 Fälle belegt. Das ist eine klare Steigerung zum Vorjahr mit 70 Fällen. Für Hauptschul-Sozialarbeiter Wilfried Gerke haben diese Zahlen allerdings nur bedingt Aussagekraft: „Je genauer man hinsieht, desto mehr fällt natürlich auch auf.“

Dieses genaue Hinsehen hat man sich an der Heinrichstraße schon seit 2009 zur Aufgabe gemacht. In diesem Jahr wurden durch einen verbindlichen Beschluss der Gesamtkonferenz alle Klassen- und Fachlehrer auf eine akribische Erfassung von Fehlstunden verpflichtet. Auf diese Weise wird seither festgestellt, ob und wie viele Schüler gar nicht erst erscheinen, ob sie nur in bestimmten Fächern „blau machten“ oder ob gehäufte Krankmeldungen vorliegen. Die Schule macht sich dann an die Ursachenforschung. „Es geht uns ja nicht um Bestrafung. Wir wollen sehen, welche Probleme dahinterstecken. Erst wenn nichts passiert, geben wir die Sache an die Stadtverwaltung, die dann unter Umständen ein Bußgeld verhängt,“ sagt Gerke. Den Jugendlichen selbst werde allerdings der Ernst der Lage eher klar, wenn nicht die Eltern zahlten, sondern die Jugendlichen das Bußgeld in Form von Sozialstunden „abarbeiten“ müssten. Auf diesem Wege solle durchaus Druck aufgebaut werden. Wer bei den Sozialstunden nicht auftauche, müsse letzten Endes sogar mit Jugendarrest rechnen.

Die Gründe für Schulverweigerung sind vielseitig. „Manche kommen nach der Grundschule gar nicht erst hier an“, räumt Gerke mit gängigen Klischees auf. Diese Kinder empfänden bereits den Wechsel von der Grundschule zur Hauptschule als stigmatisierend, „wenn alle Freunde zur Realschule gehen“. Manche Eltern seien aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage zu gewährleisten, dass das Kind zur Schule gehe, andere scheuten den Konflikt mit den Heranwachsenden.

Gerke zählt weiter auf: Es gibt die Mobbingopfer,. Es gibt auch die, die anderen über soziale Netzwerke „etwas angehängt haben“ und jetzt die Konsequenzen fürchten. Es gibt die Unsportlichen oder Pummeligen, die besonders beim Sport oder im Schwimmunterricht Angst vor Hänseleien haben.

Eine andere typische Situation ist der Schulwechsel, sei es wegen Umzug, sei es, weil ein Jugendlicher wegen verschiedener Verfehlungen an einer anderen Schule nicht mehr tragbar war. „Hier muss man als Schule schnell reagieren“, sagt Gerke. „Damit zu drohen, dass die Polizei kommt, nutzt sich schnell ab. Dann gehen die Jugendlichen vorn rein und durch die Hintertür wieder raus.“

An der Bramscher Hauptschule setzt man in solchen Fällen auf eine enge Zusammenarbeit mit Jugendamt, Jugendhilfe, Maßarbeit und Bildungseinrichtungen wie der „Brücke“ in Hesepe. Hier finden junge Leute im Rahmen von Projekten wie „Auf Kurs“ und Auf Kurs Junior“ Aufnahme. Hier können sie nach der Meldung durch die Schulen und auf Zuweisung durch Maßarbeit und Jugendhilfe ihre Schulpflicht erfüllen, eng betreut von Sozialarbeitern und , besonders bei den Älteren, mit einem hohen Praxisanteil, wie Brücke-Geschäftsführer Volker Hohmann erläutert. Zehn junge Leute werden hier zurzeit im Rahmen von „Auf Kurs Junior“, weitere fünf im Rahmen von „Auf Kurs“ betreut – und bleiben in den meisten Fällen.

So weit soll es aber nach Wunsch der Hauptschule gar nicht kommen. „Die meisten finden es nur eine Zeit lang cool, nicht zur Schule zu gehen“, hat Gerke beobachtet. Sie haben den Wunsch zurückzukehren, finden aber den Weg nicht. „Wir versuchen, hier eine Art Willkommenskultur zu schaffen, um die jungen Leute wieder einzubinden.“ Die Klassenlehrer sprechen mit den Mitschülern, Gerke selbst oder Stadtjugendpflegerin Stefanie Uhlenkamp gehen in die Klassen, um einen „einigermaßen freundlichen Empfang hinzukriegen“. Der Schulverweigerer, der schon vorher häufig ein Außenseiter war, soll sich nicht gleich wieder außen vor fühlen. „Den Jugendlichen selbst versuchen wir klarzumachen, dass wir nicht strafen wollen, sondern uns Sorgen um seine Zukunft machen“, sagt Gerke. „Wertschätzung“ lautet das Stichwort.

All diese Maßnahmen werden im Zertifizierungsverfahren abgefragt , das bis zum Sommer abgeschlossen sein soll.

Übrigens: Eine langjährige Klassenlehrerin der Hauptschule schätzt die Zahl der Schulverweigerer auf 30 Prozent einer Klasse und denkt damit auch an die, die zwar kommen und ihre „Zeit absitzen“ aber zu keinerlei Mitarbeit mehr zu bewegen sind. Die Motivationskünste der Lehrer und Sozialarbeiter sind auch hier gefragt.


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