„Alte Post“ komplett geräumt Versteigerungsakkord in Bramscher Gaststätte

Von Holger Schulze


Bramsche. Nicht nur bei Volker Vogelsang schwang am Samstagvormittag Wehmut mit, als in der Alten Post das Inventar versteigert wurde.

30 Jahre lang hatte er als Stammgast dort auf den Stühlen gesessen, von denen er gerne zehn für seine Partylaube mitnehmen wollte. Noch die letzte Silvesterparty feierte er in der Alten Post. Geburtstage und der Samstagsstammtisch gehörten ebenfalls zur Vergangenheit bei Lothar Dierkes. „Meine Gefühle an diesem Tag sind bescheiden“, wandelte Volker Vogelsang die anfänglich noch benutzte Beschreibung seiner Stimmung in zitierfähiges Vokabular um. Am Samstag ging er bezüglich seines Ersteigerungswunsches dennoch leer aus.

Neben etlichen Stammgästen waren ein paar Berufskollegen des ehemaligen Wirtes Lothar Dierkes und die mehr oder weniger professionellen Schnäppchenjäger, darunter einige Stammkunden des Aktionshauses Abromeit, zum Ausverkauf erschienen.

Auch der nach eigenem Bekunden „mit 90-prozentiger Sicherheit“ zukünftige neue Pächter der Alten Post, Michael Schneider, der derzeit noch den „Grünen Wald“ in Ankum betreibt, befand sich unter den Bietern. Rund 60 von ihnen hatten auf den Stühlen Platz genommen, die ihnen gleich zu Beginn der Versteigerung quasi unter dem Hintern wegversteigert werden sollten.

„Bis zu 100 Positionen pro Stunde“, so lautete der von Auktionator Frank Abromeit angekündigte Versteigerungsakkord. Damit es korrekt ablief, stellte er jedoch zunächst in einem etwas langsameren Redetempo die Versteigerungsregeln vor.

Anschließend fand Frank Abromeit dankende Worte „für die Zusammenarbeit mit Lothar Dierkes“. Dieser stand am zuvor abgehaltenen Besichtigungsnachmittag sowie am Versteigerungstag selbst ein letztes Mal am Zapfhahn in der Alten Post und schenkte es sich auch nicht, dazwischen kurz vor die Bietergemeinschaft zu treten.

„Ich hätte mir gewünscht, wenn Herr Dierkes noch weiter hier hätte bleiben können. Er ist ein sehr wertvoller Mensch, der aufrecht und erhobenen Hauptes jetzt geht. Wenn er uns früher angerufen hätte, hätte er die Versteigerung vermeiden können. Alles, was versteigert wird, hilft ihm auch privat in seiner Insolvenz.“ Mit diesen Worten stellte Frank Abromeit nachdrücklich die Aufrichtigkeit von Lothar Dierkes klar.

Doch ein Konjunktiv kann eben keinen Konkurs verhindern. Zuschlagspreis plus 15 Prozent Aktionsgebühr, auf alles zusammen dann nochmals 19 Prozent Mehrwertsteuer, das waren die finanziellen Bedingungen, die die Bieter zu beachten hatten.

Frank Abromeit ist bundesweit tätig, entsprechend routiniert wickelte er sein Geschäft ab. Rasanz war im Folgenden die Versteigerungspraxis, „bei der Rettung von jedem Cent für den menschlichen Werdegang von Lothar Dierkes“, wie es Frank Abromeit noch vor dem ersten Aufruf aus der über 200 Positionen umfassenden Versteigerungsliste formulierte.

Unter „AP 1“. wobei das AP für Alte Post stand, hieß es dort nüchtern „40 Holzstühle mit Sitzpolster, bunt gemustert“. 500 Euro hatte das Aktionshaus als Startgebot ausgegeben. Für diesen Mindestpreis jedoch war weder im Saal noch unter den schriftlichen Geboten ein Bieter zu finden. 160 Euro lautete schließlich das höchste Gebot. Da der Mindestpreis nicht erzielt werden konnte, erfolgte der Zuschlag nur unter Vorbehalt. Dies bedeutet, der Insolvenzverwalter muss das Ergebnis erst noch genehmigen. „Unter Vorbehalt“ war auch im weiteren Versteigerungsverlauf eine regelmäßig von Frank Abromeit verwendete, vorläufige Zuschlagseinschränkung. Denn, ob beim Markenbesteck oder dem gesamten Geschirr, die Bieterlaune blieb defensiv.

500 Euro sollte die Kirchenbank bringen. Am Ende erhielt Busunternehmer Jörg Beckermann mit dem Gebot von 320 Euro den Zuschlag unter Vorbehalt für dieses Ambiente mitprägende Inventar der Alten Post, das Frank Abromeit zuvor noch mit den Worten, „sie ist über 100 Jahre alt. Wie viele Tränen darauf geflossen sind? Da hat die schon einen gewissen Wert“, versuchte, der Bieterschar schmackhaft zu machen.

Für den voraussichtlichen Ersteigerer Jörg Beckermann ist die Bank „ein Stück Bramscher Geschichte, das nicht unter die Räder kommen darf“. Daher sein finanzielles Engagement beim Listenpunkt „AP 78“, das von ihm auch „aus Verbundenheit zu Lothar“ getätigt wurde, selbst wenn die Bank vielleicht jetzt nur im Partykeller landen wird.

So endete nicht nur die Kirchenbank am Samstag in einem anderen Umfeld.

Abnehmer fanden sich auch für die Theke. Das „Herzstück der Alten Post“ , wie Lothar Dierkes es nennt, geht für einen Tausender nach Bissendorf, wnen der Insolvenzverwalter zustimmt.

Für Jens Wennekers, „seit 16 Jahren Stammgast bei Lothar“, ging am Samstag „eine kleine Ära zu Ende“. „Ich habe hier meine Frau kennengelernt. Lothar hat uns an den runden Geburtstagen und anderen Feiern mitbegleitet. Eigentlich ist es ein trauriger Tag“, so brachte Jens Wennekers ein Gefühl zum Ausdruck, mit dem er sicherlich am Samstag nicht alleine war.

Immerhin geht es für Lothar Dierkes ab Montag in der Aquarena im Hasebad, nun als Angestellter, beruflich an analoger Stelle weiter.


Nach der kompletten Räumung der „Alten Post“ steht die umfassende Sanierung der städtischen Immobilie an. Im städtischen Haushalt sind dafür 110000 Euro vorgesehen.

Neue Fenster, neue Heizungsanlage, verbesserte Isolierung, das sind die wichtigsten Punkte der Sanierung, nachdem sich die hohen Energiekosten als massive Belastung für den Pächter erwiesen haben.

Möglichst Anfang Mai soll der neue Pächter dann starten können. Mit dem Stadtfest steht nur wenig später die erste Großveranstaltung auf dem Kirchplatz statt, di ehne funktionierendes Team der „Alten Post“ nicht vorstellbar ist.

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