Interview mit Prof. Wolfgang Weig Psychiatrie soll in Bramsche präsent werden


Bramsche. Der Chefarzt der Psychiatrie am Bramscher Krankenhaus, Prof. Wolfgang Weig, möchte mit Vorträgen und Informationen den neuen Schwerpunkt der Klinik in der Öffentlichkeit präsent machen und Menschen ansprechen, die sich ehrenamtlich für psychisch Erkrankte engagieren möchten.

Herr Professor Weig, die Psychiatrie in Bramsche ist in der vergangenen Woche an den Start gegangen . Sie ist Teil eines Zentrums für seelische Gesundheit der Niels-Stensen-Kliniken. Welche Rolle spielt Bramsche in diesem Konzept?

Eine absolut zentrale. Wir hatten im Verbund bisher mit der Magdalenenklinik nur eine Privatklinik, die zwar gut etabliert ist, für die wir allerdings keine Zulassung nach dem SGB V bekommen konnten, die Ambulanz in der Bischofsstraße, die im Wesentlichen auch eine Privatambulanz ist und unser psychiatrisch-psychologisches Hineinwirken in den ganzen Verbund, was natürlich sehr wichtig ist, weil Menschen, die körperlich krank sind, häufig auch psychische Probleme haben. Was wir nicht hatten, war ein Behandlungsangebot für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Problemen, die gesetzlich krankenversichert sind. Das gibt es jetzt in Bramsche, und deshalb ist Bramsche jetzt der wichtigste Baustein.

Können Sie nach dieser kurzen Zeit schon einen ersten Eindruck wiedergeben, welche Menschen, welche Krankheitsbilder hier zu Ihnen kommen?

Wir haben hier das ganze Spektrum psychischer Störungen mit Ausnahme solcher, die zwangsweise in geschlossenen Einrichtungen untergebracht werden müssen. Besonders häufig sind Erkrankungen, die im weitesten Sinne etwas mit Depression zu tun haben, mit trauriger Verstimmung, auch mit Ängsten. Es werden auch Menschen aufgenommen, die wahnhaft sind, die von Dingen überzeugt sind, die nicht mit der Realität übereinstimmen, beispielsweise im Rahmen einer Schizophrenie. Was in Bramsche schon seit längerer Zeit eine Rolle spielt, sind Menschen mit einer Suchterkrankung, vor allem Alkohol. Das ist ja ein verbreitetes Problem. Das Angebot, das immer auch einen psychiatrischen Anteil hat, gab es bisher ja schon im Rahmen der Inneren Medizin. Dafür war ja schon seit Längerem ein Facharzt hier. Das wird jetzt zumindest teilweise in die Psychiatrie integriert. Erhalten bleibt auch die Behandlung von älteren Menschen mit psychischen Problemen, von Depressionen, die ja relativ häufig sind im Alter bis zu leichteren Demenzformen. Dazu kommen die im engeren Sinne psychosomatischen Erkrankten, also Menschen, die körperliche Beschwerden haben, und der Arzt findet dann nichts. Das reicht von Kopfschmerzen über Magen-Darm-Beschwerden bis zu Herz-Kreislauf-Problemen. Immer gekümmert haben wir uns auch um Menschen mit Essstörungen, mit Schlafstörungen. Wir haben im Hause auch ein Schlaflabor, mit dem wir zusammenarbeiten können. Man könnte das Thema noch erweitern, aber das sind die wesentlichen Erkrankungen.

Stichwort Burn-out: Nehmen die Zahlen wirklich zu, oder wird nur mehr darüber gesprochen?

Zum einen hat man jetzt ein Wort dafür: Burn-out ist ja keine richtige Diagnose, sondern eher die Beschreibung einer Notlage, aus der eine Depression, spezielle Ängste oder psychosomatische Störungen entstehen können. Das Wort beschreibt ja, dass jemand mit seinen Lebensverhältnissen, besonders seinen beruflichen, nicht mehr zurechtkommt. Dass er im Wortsinn „ausgebrannt“ ist. Das ist zum einen wirklich mehr geworden, weil die Arbeitswelt, aber auch die ganze Gesellschaft immer hektischer und anstrengender geworden ist. Viele Menschen sind einfach überfordert mit der ständigen Erreichbarkeit und ihren Begleiterscheinungen. Dazu kommen ständige Umstrukturierungen, eine immer stärkere Renditeorientierung in vielen Betrieben, Globalisierung, um nur einige Stichworte zu nennen. Für diesen Komplex haben wir mit „Burn-out“ jetzt einen Namen, er wird also auch mehr wahrgenommen. Menschen in solchen Krisen werden wir in Bramsche auch behandeln.

Wie weit wird das Umfeld der Sucht- oder allgemein der psychisch Erkrankten mit einbezogen?

Es ist in der Psychiatrie eigentlich immer wesentlich, Familie, Bezugspersonen, Umfeld mit einzubeziehen. Das ist im Einzelfall allerdings manchmal schwierig, weil Familie oder Bezugspersonen nicht zur Verfügung stehen oder der Betroffene das ablehnt. Wir müssen uns orientieren am Selbstbestimmungsrecht des Patienten und an der Schweigepflicht. Wenn der Betroffene aber zustimmt, ist das ein ganz wichtiger Bestandteil.

Die Umstrukturierung des Bramscher Krankenhauses ist nicht so ganz ohne Ängste und Sorgen . ..

Verständlich!

... über die Bühne gegangen. Wo sehen Sie Möglichkeiten, die Klinik mit der jetzigen Ausrichtung im Ort zu verankern?

Am wichtigsten ist erst einmal, dass wir da sind, dass wir gute Arbeit machen, dass wir offen sind und dass sich herumspricht, dass wir eine Psychiatrie betreiben wollen, die den Menschen gerecht wird. Darüber hinaus wollen wir uns mit Vorträgen und Informationen an die Öffentlichkeit wenden und den Bramscher Bürgerinnen und Bürgern erst mal erzählen, was Psychiatrie eigentlich ist. Das Thema ist mit vielen Vorurteilen und Ängsten verbunden, was ja verständlich ist. Wir hoffen auch, die Beteiligung von Laien wieder ausbauen können, die wegen der Umstrukturierung ja leider etwas zurückgegangen ist. Wir sind ja ein Haus in kirchlicher Trägerschaft, aber ökumenisch ausgerichtet. Wir bauen deshalb auch auf eine enge Zusammenarbeit mit den Kirchen in Bramsche, weil wir hoffen, über sie Menschen zu erreichen, die sich einbringen wollen.

Würden Sie für solche Laien auch spezielle Schulungen anbieten?

Wenn der Bedarf da ist, sicherlich. Wenn Menschen helfen wollen und dabei Unterstützung brauchen, wird man diese Hilfen flexibel und nicht unbedingt in Form von anstrengenden Kursen anbieten. Wir haben im Haus Fachkräfte, und es kommen in nächster Zeit ja noch weitere hinzu, die so etwas übernehmen können.


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