In Auschwitz beten gelernt KZ-Überlebende Erna de Vries berichtet in Bramsche

Von Hildegard Wekenborg-Placke

Überlebte den Holocaust: Erna de Vries mit Michael Gander von der Gedenkstätte Augustaschacht.Foto: Wekenborg-PlackeÜberlebte den Holocaust: Erna de Vries mit Michael Gander von der Gedenkstätte Augustaschacht.Foto: Wekenborg-Placke

Bramsche. „Vorn haben sich die Frauen umarmt. Die Amerikaner waren da. Wir waren plötzlich frei.“ Erna de Vries bricht abrupt ab. Beklemmende Stille im Vortragsraum des Greselius-Gymnasiums. Erna de Vries hat die Hölle des Nazi-Vernichtungslagers in Ausschitz überlebt. Jetzt berichtete sie im Greselius-Gymnasium über Entbehrungen, Verzweiflung und Todesangst.

Am 9. Novermber 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, zwei Tage nach dem Gedenktag sitzt die 91-Jährige auf dem Podium im Vortragsraum des Gymnasiums. Vor ihr rund 150 Schüler der zehnten Klassen und Zwölftklässler, die Geschichte „auf erhöhtem Niveau“ gewählt haben. De Vries, die seit langer Zeit im emsländischen Lathen lebt, berichtet aus ihrer Jugend in Kaiserslautern, wo sie als Tochter eines evangelischen Christen und seiner jüdischen Frau behütet aufwuchs. Ihr Vater, Teilhaber einer Spedition, starb früh. Die Mutter verkaufte später ihren Anteil, als die Repressalien gegen Juden immer mehr zunahmen.

Der 9. November 1938, Erna ist gerade 15 Jahre alt, hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Männer standen mit Vorschlaghämmern vor dem Haus“, erzählt sie. Ihre Mutter ist hilflos, Erna muss die Rolle der Erwachsenen übernehmen. Vor den Schlägertrupps flüchten Mutter, Tochter und ein kleiner Neffe zum Grab des Vaters, aber dort können sie in der Novemberkälte nicht lange bleiben. Auf dem Rückweg hören sie schon von Weitem ein Krachen und klirren. Vor dem Haus stehen die „Gaffer“, wie Erna de Vries sie nennt. Eine Frau, die sich schon lange als glühende Nationalsozialistin gezeigt hat, schreit: „Schmeißt sie doch mit in den Krempel.“ Immer und immer wieder. Drinnen ist das alles zerschlagen, Marmorplatten, Spiegel, Bilder, das Porzellan ist aus den Schränken gerissen, die Federbetten sind aufgeschlitzt, die Federn fliegen nur deshalb nicht weg, weil man das ganze Haus mit Schläuchen unter Wasser gesetzt hat. „Aber in dem ganzen Tohuwabohu haben uns Nachbarn etwas Warmes zu essen und trinken gebracht“, erinnert sich de Vries an Zeichen von Menschlichkeit, mit denen sich die Helfer selbst in Lebensgefahr bringen.

Mutter und Tochter fliehen zu Verwandten nach Köln, aber die Mutter ist der Situation nicht gewachsen. Sie will zurück nach Kaiserslautern. Die Tochter bleibt zunächst und beginnt eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Doch angesichts der Nachrichten von Juden-Deportationen will sie ihre Mutter nicht alleinlassen. Täglich sieht sie im Krankenhaus, wie Menschen aus Angst vor den Konzentrationslagern versucht haben, sich das Leben zu nehmen. „Die es nicht geschafft haben, kamen zu uns“, sagt sie lakonisch. Schließlich bekommt auch die Mutter den Befehl, sich bereitzuhalten. „Auschwitz“, sagt der Gestapo-Mann. Und: „Sie nicht, nur ihre Mutter.“

„Jeder, der es wissen wollte, wusste, was Auschwitz bedeutete“, sagt de Vries. Im deutschen Programm der BBC wird berichtet, wie die Menschen in den Transportwaggons sterben, wie die Wagen im Lager an die Rampe gefahren werden, wie „die Toten herausfielen und die anderen erschossen wurden. Jeder, der den Mut hatte, Radio zu hören, wusste das.“ Als Halbjüdin hätte Erna de Vries vielleicht eine Chance gehabt, dem Vernichtungslager zu entgehen. Aber sie will die hilflose Mutter nicht alleinlassen.

Sieben Tage dauert der Tranport. „Wir kamen nach Auswitz-Birkenau, da wo die Gaskammern und die Verbrennungsöfen waren .“ Die Frauen müssen sich entkleiden, „alle behaarten Stellen wurden rasiert, wir wurden mit einer braunen Brühe desinfiziert und bekamen die KZ-Nummern auf den Arm tätowiert“, beschreibt de Vries die entwürdigende Prozedur. Die Nummer ist noch heute zu sehen.

1943 ist ein heißer Sommer, die Frauen werden in einem Außenlager in der Fischzucht eingesetzt. Es gibt keinen Schatten, kein Trinkwasser, keine Kleidung zum Wechseln. Ungeziefer setzt den Gefangenen zu. Bei de Vries bilden sich eitrige Wunden, die Kräfte lassen nach. Schließlich kommt die Nachricht: Verlegung in Block 25, den Todesblock. „Wir wussten, am nächsten Tag soll Vergasung sein.“ Die Routinen sind bekannt. Vorher brennen die Lichter im Lager länger, und die Frauen bekommen nichts mehr zu essen. Sie könnten sich in den Gaskammern beschmutzen. Als am nächsten Morgen zum Zählappell befohlen wird, steht Erna de Vries nicht mehr auf. Sie dreht sich auf den Rücken und denkt: „Nur noch einmal die Sonne sehen. Und die Sonne kam. Ich war nicht mehr verzweifelt. Ich habe nur noch gebetet: ‚Ich will leben.“

Ob das Gebet erhört wurde? Ein SS-Mann zog sie aus der Reihe der Todgeweihten. In Lager Ravensbrück wurden Arbeitskräfte gebraucht. „In Ausschwitz tötete man durch Vergasen, in Ravensbrück durch Arbeit“, sagt de Vries. Aber es bedeutete einen Aufschub. Unter anderem forderte Siemens immer wieder Arbeitskräfte an.

„Meine Mutter konnte nicht mehr“, erzählt sie weiter. Mithäftlinge mussten die ältere Frau davon abhalten, sich in den Elektrozaun zu stürzen. Als letztes Wort gab sie ihrer Tochter beim Abschied mit auf den Weg: „Du musst überleben und erzählen, was sie uns angetan haben.“ Erna de Vries wird leise. „Wir haben uns nie wiedergesehen.“ In Ravensbrück erhält sie schließlich die Todesnachricht, ebenso wie nahezu alle Frauen, die Angehörige in Auschwitz zurückgelassen hatten. Das ist im November 1943. Die Frauen von Ravensbürck halten sich mit der Hoffnung auf das Kriegsende aufrecht, aber es sollen noch zwei Weihnachten vergehen, bis das Lager aufgelöst wird und der Treck der Entkräfteten Richtung Westen getrieben wird. Und bis die Amerikaner schließlich die Frauen befreien.

„Empfinden Sie noch Hass gegen die SS-Männer“ will ein Schüler anschließend wissen. „Nein“, sagt die Überlebende, nie habe sie Hass empfunden. Aber ob die Aufseher wirklich gezwungen worden seien? Sie lässt es dahingestellt.

Ob ihr der Glaube geholfen habe, will eine andere Schülerin wissen. „Ich bin nicht sehr religiös erzogen worden“, sagte Erna de Vries. „Aber in Ausschwitz habe ich beten gelernt.“